Samstag 18. November 2017

Religionsvertreter an Politik: Gegen Antisemitismus vorgehen

Anlässlich des Gedenkens an die Novemberpogrome von 1938 haben Kardinal Schönborn, Bischof Bünker, Metropolit Arsenios und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Deutsch eine gemeinsame Erklärung formuliert. 

Kardinal Christoph Schönborn, Bischof Michael Bünker, Metropolit Arsenios Kardamakis und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Oskar Deutsch haben sich am 8. November 2017 in einem Offenen Brief an die politisch Verantwortlichen in Österreich gewandt, verstärkt gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus vorzugehen. Konkreter Anlass für die Erklärung ist zum einen das Gedenken an die Novemberpogrome 1938, die sich am 9. November zum 79. Mal jähren, und zum anderen die Konstitutionierung des Österreichischen Nationalrats, der am 9. November erfolgen wird. Der Brief ist deshalb auch in besonderer Weise an die heimischen Abgeordneten zum Nationalrat adressiert.

"Mit Bedrückung erleben wir in den letzten Jahren, dass überwunden geglaubte falsche Denkmuster wieder aufleben. Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus sind nicht nur Themen historischer Analysen vergangener Zeiten. Angesichts neuer Entwicklungen flackern wieder Brandherde von Haltungen auf, die erledigt schienen", halten Schönborn, Bünker, Kardamakis und Deutsch wörtlich fest. Das verleihe auch dem Gedenken am 9. November besonderes Gewicht - und sollte dies auch für jene haben, die Politik gestalten.

Der 9. November sei ein Tag der "schmerzlichen und bitteren Erinnerung" an die vom nationalsozialistischen Regime im Jahr 1938 inszenierte Pogromnacht, heißt es in der Erklärung. Tausende österreichische Juden und Jüdinnen seien beraubt und verhaftet, ja schwer verletzt oder getötet worden. "Es ist ein Tag der schamvollen Erinnerung, die zugleich das oft zitierte, aber immer wieder zu wenig ernstgenommene Wort 'Nie wieder' birgt", betonen die Vertreter von Kirchen und Judentum wörtlich.

Die Pogromnacht sei nicht aus heiterem Himmel gekommen. Ein jahrzehntelanger, tief in das 19. Jahrhundert hineinreichender Prozess sei ihr voraus gegangen, in dem mit pseudowissenschaftlichen Argumenten dramatische Unterschiede der Menschen konstruiert wurden. Es seien diese "absurden Konstruktionen", die im Denken allzu vieler damaligen Zeitgenossen dazu führten, Rechte und Würde ganzer Menschengruppen zu verneinen.

In der Gewissensforschung nach der Katastrophe der Shoah sei deutlich geworden, "dass der Widerstand der Christen gegen dieses Denken viel zu schwach war und dies, obwohl ihr Glaube die Botschaft von der gleichen Würde aller Menschen auf Grund ihrer Gottebenbildlichkeit enthält", heißt es in der Erklärung. Die Botschaft von der gleichen Würde aller Menschen sei in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 in säkularer Form Gemeingut der Menschheit geworden.

Das kommende Jahr 2018 sei ein Jahr vielfachen Gedenkens. Es sei wünschenswert, dass insbesondere der 9. November und der 10. Dezember der Jahrestag der Proklamierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zusammengesehen und entsprechend begangen werden. So könne vor allem die Jugend verstehen, "warum Menschen niemals ausgegrenzt werden dürfen".

In der christlich-jüdischen Erklärung wird aber auch auf die aktuellen Gedenkveranstaltungen am 9. November Bezug genommen. So werde u.a. in der Wiener Ruprechtskirche wie alljährlich der Opfer der Pogromnacht gedacht, auch im anschließenden Schweigegang zum Mahnmal auf dem Judenplatz, der zugleich Ziel der Aktion jüdischer Jugendlicher "Light of Hope" ist.


Weiters würden sich im Anschluss (20 Uhr) viele Christen aus unterschiedlichen Konfessionen im Wiener Stephansdom versammeln, um in einem ökumenischen Gebet für ein friedliches Miteinander in einem Europa einzutreten, in dem die Menschenrechte respektiert und ernst genommen werden. In diesem Gottesdienst mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch aus den Nachbarländern gehe es um Versöhnung, um Solidarität, Frieden und Toleranz in Europa. Im Gedenken an die Opfer der Pogromnacht könne dieses Gebet ein deutliches Bekenntnis der unbedingten Treue zum Grundsatz "Nie wieder" werden, heißt es abschließend in der Erklärung.

 

 

Wunsch nach verstärkter Zusammenarbeit


Dass sich die größten Kirchen Österreichs gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde äußern, ist ein Zeichen der praktischen Umsetzung des beiderseitigen Wunschs nach verstärkter Zusammenarbeit, so Prof. Martin Jäggle, Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, gegenüber "Kathpress". Der Koordinierungsausschuss steht federführend hinter der Erklärung.

Jäggle erinnerte zugleich auch an den Festakt am Nationalfeiertag. Bei diesem habe Oberrabbiner Arie Folger an Kardinal Schönborn als Zeichen der Verbundenheit das Dokument "Zwischen Jerusalem und Rom Eine Erklärung zum jüdisch-christlichen Dialog" überreicht.

 

Judenstern

© Momentmal / www.pixabay.com CC0 1.0

 

"Nie wieder"


Wortlaut der gemeinsamen Erklärung von Kardinal Schönborn, Bischof Bünker, Metropolit Arsenios und IKG-Präsident Deutsch zum 9. November, dokumentiert von Kathpress:

Die konstituierende Sitzung des neugewählten österreichischen Nationalrats fällt auf den 9. November. Es ist ein Tag der schmerzlichen und bitteren Erinnerung an die vom nationalsozialistischen Regime im Jahr 1938 inszenierte Pogromnacht, bei der tausende österreichische Juden und Jüdinnen beraubt und verhaftet, ja schwer verletzt oder getötet wurden. Es ist ein Tag der schamvollen Erinnerung, die zugleich das oft zitierte, aber immer wieder zu wenig ernstgenommene Wort "Nie wieder" birgt.

Es geht nicht darum, an die Brust der damaligen Generation zu schlagen, wenngleich vor dem Vergeben das Erinnern mit der schmerzlichen Frage: Wo warst du Kain? notwendig und unverzichtbar ist. Denn diese Frage ist nicht nur hilfreich im Hinblick auf die damalige Situation, sondern auch angesichts neuer Herausforderungen. Die Pogromnacht kam nicht aus heiterem Himmel. Es ging ihr ein jahrzehntelanger, tief in das 19. Jahrhundert hineinreichender Prozess voraus, in dem mit pseudowissenschaftlichen Argumenten dramatische Unterschiede der Menschen konstruiert wurden. Es waren diese absurden Konstruktionen, die im Denken allzu vieler damaligen Zeitgenossen dazu führten, Rechte und Würde ganzer Menschengruppen zu verneinen.

In der Gewissensforschung nach der Katastrophe der Shoah wurde deutlich, dass der Widerstand der Christen gegen dieses Denken viel zu schwach war
und dies, obwohl ihr Glaube die Botschaft von der gleichen Würde aller Menschen auf Grund ihrer Gottebenbildlichkeit enthält. Diese Botschaft ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 in säkularer Form Gemeingut der Menschheit geworden.

Mit Bedrückung erleben wir in den letzten Jahren, dass überwunden geglaubte falsche Denkmuster wieder aufleben. Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus sind nicht nur Themen historischer Analysen vergangener Zeiten, angesichts neuer Entwicklungen flackern wieder Brandherde von Haltungen auf, die erledigt schienen. Das verleiht auch dem Gedenken am 9. November besonderes Gewicht
und sollte dies auch für jene haben, die Politik gestalten.

Das kommende Jahr ist ein Jahr vielfachen Gedenkens. Es ist wünschenswert, dass insbesondere der 9. November
an dem des schmachvollen Tages gedacht wird, an dem jüdische Österreicherinnen und Österreicher ihrer Würde und ihrer Rechte beraubt wurden und der 10. Dezember der Jahrestag der Proklamierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zusammengesehen und entsprechend begangen werden. So kann vor allem die Jugend verstehen, warum Menschen niemals ausgegrenzt werden dürfen.

Am diesjährigen 9. November gedenken viele Christen an unterschiedlichen Orten in Österreich der düsteren Ereignisse jener Nacht und jenes Tages des Jahres 1938. In der Wiener Ruprechtskirche wird am 9. November
wie alljährlich der Opfer der Pogromnacht gedacht, auch im anschließenden Schweigegang zum Mahnmal auf dem Judenplatz, der zugleich Ziel der Aktion jüdischer Jugendlicher "Light of Hope" ist.

Und danach werden sich viele Christen aus unterschiedlichen Konfessionen im Wiener Stephansdom versammeln, um in einem ökumenischen Gebet für ein friedliches Miteinander in einem Europa einzutreten, in dem die Menschenrechte respektiert und ernst genommen werden. In diesem Gottesdienst mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch aus den Nachbarländern geht es um Versöhnung, um Solidarität, Frieden und Toleranz in Europa. Im Gedenken an die Opfer der Pogromnacht kann dieses Gebet ein deutliches Bekenntnis der unbedingten Treue zum Grundsatz "Nie wieder" werden.

 

Kathpress

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