Sonntag 19. November 2017

Franziskus ermutigt die Kolumbianer und kritisiert den Klerus

Papst Franziskus

Den Kriegspfad verlassen und den Weg in eine friedliche Zukunft einschlagen: Der Appell, den Papst Franziskus während seiner am 11. September 2017 endenden Kolumbien-Reise an die Kolumbianer richtete, war unmissverständlich.

Fünf Jahrzehnte dauerte der Bürgerkrieg, vier Jahre wurde über den Friedensvertrag verhandelt, lange hatte Franziskus die Reise in das südamerikanische Land versprochen. Vor Ort verlor der Papst keine Zeit.

 

Vergebung, Versöhnung, Frieden - die Kernthemen seiner Reise standen am zweiten Besuchstag (Freitag) auf dem Programm. Die Begegnung mit Gewaltopfern und Ex-Guerilleros bei einem großen nationalen Versöhnungstreffen wurde zum emotionalen Höhepunkt seines Besuchs - obwohl die Mission des Papstes durchaus heikel war. Der im vergangenen November geschlossene Friedensvertrag mit der FARC spaltet das Land. Kritiker sehen in ihm eine faktische Amnestie für die Kämpfer und ihre schweren Menschenrechtsverbrechen.

Und so schaute Kolumbien genau hin, als sich der Papst an seine wohl schwierigste Aufgabe wagte. Er traf den richtigen Ton, seine Rede rührte die Menschen zu Tränen. Franziskus thematisierte die Gräben, die Opfer und Täter trennen, und betonte zugleich, Hass dürfe nicht das letzte Wort haben - auch wenn es schwer sei, "den Wandel derer zu akzeptieren, die grausame Gewalt angewandt haben". Die Aufarbeitung von Gewalt und Ungerechtigkeit benannte der Papst als Mammutaufgabe auf dem langen Weg zum Frieden, den das Land vor sich habe. Seine Hoffnung gilt dabei der Jugend. Ihr sprach er wiederholt das Potenzial zu, "das Land aufzubauen, von dem wir immer geträumt haben".

 

 

Kopfnuss für Kirche und Politik

 

Auch die örtlichen Bischöfe forderte er auf, ihren Teil zu tun - allerdings weniger höflich. Zwischen den Zeilen ließ Franziskus durchblicken, dass Kirchenführer zu leicht mit den Mächtigen kungelten, es an Kollegialität und Transparenz fehlen ließen. Eine Kritik, die er bei seinem Besuch in der katholischen Hochburg Medellin vor Priestern und Ordensleuten bekräftigte. Kleriker, denen es um sozialen Aufstieg oder persönliche Bereicherung gehe, hätten keinen Platz in der Kirche. Zugleich forderte Franziskus in Medellin, innerkirchlich die heikelste Station der Reise, nachdrücklich eine offene und wandlungsfähige Kirche.

Doch nicht nur gegenüber dem Klerus fand der Papst deutliche Worte - schon am ersten Tag seiner Reise hatte er die Politik in die Pflicht genommen. Auf dem Weg zu einem gerechten und friedlichen Land dürften Politik und Wirtschaft nicht vergessen, "dass die ungleiche Verteilung der Einkünfte die Wurzel sozialen Übels ist", so der Papst. Die Menschenwürde und das Gemeinwohl, die Rechte der Armen und Benachteiligten gehörten ins Zentrum jeglicher Politik.

 

Augenfällig war der Einklang zwischen dem Papst und dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos. Eine Nähe, die bei Beobachtern auch für Kritik sorgte: Franziskus ergreife zu klar Partei für Santos und dessen umstrittenen Friedensvertrag mit der FARC-Guerilla. Die Gegner des Abkommens seien während des Besuchs außen vor geblieben.

 

 

Friede muss "Revolution von unten" sein

 

Endpunkt der Visite war am Sonntag der Besuch in der von Armut geprägten Hafenstadt Cartagena. Der Friede in Kolumbien muss auf vielen Schultern ruhen, wenn er Bestand haben soll, betonte Franziskus hier. Er will den Frieden zur Basisbewegung machen, durch Gerechtigkeit, Aufarbeitung und Wiedergutmachung, wobei der christliche Beitrag ein Wandel "von unten her", über Begegnungen im Alltag, sein soll.

 

Als Gewährsmann bemüht der Papst Gabriel Garcia Marquez, der 1998 eine "Revolution des Friedens" gefordert hatte: "Jetzt ist es Zeit zu begreifen, dass man dieses kulturelle Unglück nicht mit Blei und nicht mit Geld beheben kann, sondern mit einer Erziehung zum Frieden", zitiert Franziskus den kolumbianischen Nationalschriftsteller, und nennt die möglichen Saboteure dieses Projekts beim Namen: jene, die aus Drogen Profit ziehen, die Umwelt zerstören, Arbeiter ausbeuten, eine Wirtschaft, die "Millionen von Menschen der Armut aussetzt". Er verurteilt auch einen Pazifismus, der vor Prinzipienreiterei fühllos wird gegenüber dem Leid vieler Menschen.

 

Zugleich verlangt er, die Kirche müsse "unbeirrt" eine Gerechtigkeit suchen, die der Nächstenliebe nichts wegnimmt. In den Tagen zuvor forderte er eine gesellschaftliche Integration jener Täter, die in Wort und Tat bereit sind zur Umkehr. Das ist eine der schwierigsten Hürden im Friedensprozess. "Wir können nicht in Frieden zusammenleben, ohne mit dem zu tun zu bekommen, was das Leben korrumpiert und attackiert", sagt Franziskus.

 

 

Dichtes Programm

 

Das Programm der 20. Auslandsreise von Franziskus, seiner fünften Reise nach Lateinamerika, war dicht. Zwölf Reden, vier Messen, rund 21.000 zurückgelegte Kilometer. Während seines viertägigen Aufenthalts sprach er zwei Märtyrer des kolumbianischen Bürgerkriegs selig, traf Vertreter des lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM, besuchte ein Heim für minderjährige Gewaltopfer. Der innenpolitische Konflikt im Nachbarland Venezuela blieb, trotz diverser Spekulationen vorab, ein Randthema.

 

Unterdessen feierte die Bevölkerung in Kolumbien den Papst. Wann immer Franziskus im Papamobil unterwegs war, säumten Menschenmengen seinen Weg. Oft hielt es das Volk nicht hinter den Absperrungen - für die Sicherheitskräfte ein Alptraum. Der Papst hingegen genoss die Nähe. Vor seinem Quartier, der Nuntiatur in Bogota, herrschte allabendlich Volksfeststimmung. Franziskus machte es zu einem Ritual, seine Tage mit einer kurzen Audienz zu beschließen - auch wenn ihm die Anstrengungen der Reise gegen Ende anzusehen waren. Verstärkt wurde dies am letzten Tag durch den Bluterguss unter dem linken Auge, den er sich bei einer ruckartigen Papamobil-Bremsung zugezogen hatte. Das "Veilchen" sei sein Souvenir aus Kolumbien, so sein Kommentar dazu.

 

Kolumbiens Medien zogen ein im Grundton durchweg positives Fazit der Reise. Natürlich könne der Papst keinen "wundersamen Wandel" bringen und die Spaltung der Gesellschaft im Handumdrehen beseitigen, schrieb "El Tiempo", die größte Tageszeitung in Bogota. Sein Besuch könne jedoch den Startschuss bilden für "einen großen Prozess der nationalen Versöhnung".

 

Kathpress

 

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