Attentat in Paris

Gewalt, Terror, Mord – nichts davon ist zu rechtfertigen. Weder politisch, noch gesellschaftlich – und schon gar nicht religiös.
Innehalten - aus mehreren Gründen
Es ist richtig, hier – mitten im Chaos – innezuhalten und der Opfer und deren Angehöriger zu gedenken. Beten wir um Gottes Beistand für sie, dass er dort Leben gibt, wo man es nicht mehr erwartet, dass er mitten im Dunkel des Todes und der Verzweiflung sein Licht aufstrahlen lässt.
Innehalten, das scheint mir aber auch aus einem anderen Grund wichtig: Was hier in Paris passiert ist, passiert seit Jahren beispielsweise in Syrien (und an vielen anderen Orten), und das täglich. Hier werden Menschen aus verschiedenen Gründen und von verschiedener Seite (etwa durch das Terrorregime der IS oder der Truppen des Diktators Assad) in die Luft gesprengt, gequält, getötet, entführt, vertrieben und verfolgt. Es ist verständlich, dass Menschen vor diesem Morden und vor dieser Gewalt fliehen. Sie sind im selben Ausmaß Opfer wie die Opfer von Paris, da gibt es keinen Unterschied.
Opfer: Solidarisierung oder doppeltes Unrecht?
Die selbstverständliche Solidarität mit den Opfern von Paris sollte uns daher auch mit den fliehenden Opfern (z.B. der IS oder Assads) solidarisieren – ja unser Verständnis für ihre Lage größer machen.
Ich befürchte allerdings, dass genau das Gegenteil eintreten kann. Das Programm von terroristischen Regimen bzw. terroristischen Gruppen ist Vernichtung, Auslöschung, Vertreibung von Menschen, die nicht ihre Ideologie teilen oder in ihr Weltbild passen (wie das auch in Paris deutlich wurde). Es liegt ganz auf der Linie solch fanatischer Gruppen, wenn diejenigen, die davor fliehen müssen selbst auf der Flucht noch Repressalien ausgesetzt werden. Man stelle sich nur vor, man müsste selbst vor einem Diktator fliehen, und begegnet dann in den vermeintlich sichern Fluchtorten nicht offenen Türen und Verständnis, sondern wird mit den Tätern in einen Topf geworfen. Den Opfern widerfährt hier doppeltes Unrecht.
Umgang mit Gewalt - und wie kann Deradikalisierung und Prävention geschehen?
Mein Wunsch wäre also der Gewalt von Paris so zu begegnen, dass den Opfern jeglicher Gewalt Verständnis entgegengebracht wird, insbesonders jenen, die tagtäglich damit konfrontiert sind (wie etwa in Syrien). Das Leid von Paris vermag nur von daher Sinn zu bekommen. Was ebenfalls wichtig ist: Aus der Physik wissen wir, dass eine Flamme nur solange brennt, als es Sauerstoff-Zufuhr dafür gibt. Wird der Flamme bzw. dem Feuer Luft entzogen, erlischt sie. Noch mehr als sonst, muss versucht werden, den Nährboden für Terrorismus und der Faszination dafür die Luft zu nehmen. Wenn jungen Menschen eine Perspektive geboten wird, wenn sie erfahren, dass sie geschätzt und nicht ausgeschlossen sind, dass sie Wert haben – dann verfallen sie nicht den Verführern (wie beispielsweise der IS), die ihre unheilvollen Netze im digitalen Netz auswerfen.
In unserer Diözese wird das etwa durch gezielte Deradikalisierungs- und Präventionsarbeit in den Schulen gemacht. Eine große Hilfe dabei ist, dass das gemeinsam mit muslimischen Kollegen geschieht, die auch nachweisen können, wie sehr der Islam von Gruppen wie Boko Haram oder IS instrumentalisiert und missbraucht wird.
Jeder, der sich in der Flüchtlingsarbeit bisher engagiert hat, kann bestätigen: wir müssen uns vor den Flüchtenden selbst nicht fürchten. Wir brauchen vor diesen Menschen keine Angst zu haben. Die Gefahr, dass in ihren Reihen potentielle Attentäter sind, wird auch von Sicherheitsexperten als äußerst niedrig eingeschätzt. Attentäter täten sich wohl diese Strapazen einer Flucht nicht freiwillig an. Sie würden – auch weil es weniger riskant wäre – komfortabler „anreisen“. Zudem ist anzunehmen, dass Terroristen längst nicht mehr „importiert“ werden, sondern Terror vor Ort „organisiert“ bzw. ausgeführt wird.
Mit Ängsten spielen versus Angst vor dem Verlust von Menschlichkeit
Nein, Angst müssen wir vor den Flüchtlingen nicht haben. Angst macht mir vielmehr etwas anderes: wie kann es sein, dass es in unserer Gesellschaft Mitbürger, Politiker oder Medienmacher gibt, die bewusst Ängste vor Flüchtenden schüren und mit Ängsten spielen (nur um Wählerstimmen zu mehren, Einschaltziffern zu steigern, nicht teilen zu müssen …). Besonders angst und bange wird mir, wenn Menschen, die Wärme verdienen, Kälte begegnet und Verdacht. Und noch etwas: Im Matthäus-Evangelium heißt es im Kapitel 25:
„Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
Vergessen wir das nicht, auch wenn der Gegenwind stärker und die politische Stimmung frostiger werden!
Dr. Stefan Schlager
Theologische Erwachsenenbildung
Islamexperte und Dialogpartner der Diözese Linz mit dem Islam



