Pflege eines Familienmitglieds

Susanne Bock von Beziehungleben über familiäre Pflegesituationen, die Menschen an ihre Grenzen bringen.
Mehr als 75 % aller ÖsterreicherInnen mit Pflege- und Betreuungsbedarf werden von EhepartnerInnen, LebensgefährtInnen oder Familienmitgliedern gepflegt und betreut. Diese Betreuungs- und Pflegearbeit ist eine große Herausforderung sowohl für die Pflegenden als auch für die, die gepflegt werden. Viele pflegende Angehörige kommen bis an ihren Grenzen. Manche suchen in dieser belasteten Zeit Hilfe in der Beratung.
Bei Gertrudes Mutter wurde beginnende Demenz festgestellt. Diese Diagnose war für die Familie ein Schock. Gertrude holte in Absprache mit ihrem Mann und ihren Geschwistern die alleinstehende Mutter zu sich nach Hause, um sie so gut wie möglich zu betreuen. Der Krankheitsverlauf war schleichend, doch dann kamen die rasante Verschlechterung und der Moment, wo man die Mutter nicht mehr alleine lassen konnte. Gertrude war Tag und Nacht im Einsatz – alles drehte sich nur um die Mutter. Gertrude konnte nicht mehr durchschlafen, war die ganze Zeit angespannt und eine große Erschöpfung wurde bei ihr spürbar und sichtbar. Sie kam verzweifelt in die Beratung. Überforderung, Schuldgefühle, Erschöpfung, Wut, Trauer – so konnte sie nicht mehr weiterleben.
Mathias und Anne kamen zu zweit in Beratung und sie erzählten: „Wir zogen vor ca. 6 Jahren in diese Stadt, vor 5 Jahren wurde unsere Tochter Claudia geboren. Als kleine Familie fühlten wir uns sehr wohl und genossen die Dreisamkeit. Wir alle wünschten uns ein zweites Kind und vor drei Jahren war es dann so weit. Alexander kam in unser Leben. Kurz nach der Geburt wurde die Diagnose Trisomie 21 - besser bekannt als Down-Syndrom – gestellt. Ein Schock für uns Eltern.“ Die große Sorge um das Leben ihres Sohnes, lange Krankenhausaufenthalte, aufwändige Pflege und Therapien, aber auch die Sorge um ihre Tochter, die nach ihrem Gefühl zu kurz kommt, bestimmen den Alltag. Jetzt sind sie am Rande ihrer Kräfte angelangt und suchen selbst Hilfe.
Marlies ist ein Kind wie jedes andere. Sie ist 10 Jahre alt und geht fast immer gerne in die Schule, trifft sich mit Freundinnen, lacht ausgelassen und freut sich, wenn sie mal länger Computer spielen darf. Und doch ist etwas anders. Sie hat eine Mutter mit einer psychischen Erkrankung. Sie ist eine von rund 43.000 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 5 und 18 Jahren, die einen chronisch kranken Elternteil oder Geschwister oder Großeltern pflegt. Marlies besucht mich gelegentlich in der Beratungsstelle. Sie erzählt über ihre Gefühle und Ereignisse in der Familie, die sie sonst niemanden sagen mag, wir überlegen gemeinsam, lachen, sind traurig und kreativ.
Herr L. sucht Unterstützung und Hilfe und findet den Weg zu mir in die Beratung. Er erzählt: „Wir sind jetzt 45 Jahre verheiratet, wir haben vier erwachsene Kinder und sind stolz auf unsere 6 Enkelkinder, wir haben viel geschaffen und sind glücklich. Aber vor 4 Wochen fand ich meine Frau im Bad, sie hatte einen schweren Schlaganfall. Jetzt ist sie rechtseitig gelähmt und kann nicht sprechen. Ich tue, soviel ich kann, ich mache die Arbeit gerne und ich habe auch gute Unterstützung, aber meine Frau hat sich verändert, sie ist abweisend und sogar handgreiflich. Ich halte ihre Verzweiflung fast nicht mehr aus. Manchmal bin ich so hilflos, dass ich auch ungerecht und aggressiv werde.“
Vier Beispiele, herausgenommen aus einer Fülle von unterschiedlichen Pflegesituationen. Was bewegt pflegende Angehörige?
- Allgemeine Überlastung
- Dauerstress
- Körperliche Belastung z.B. durch Heben der zu pflegenden Person
- Starke psychische Belastung: z. B. Eltern werden wie Kinder und Kinder müssen „Eltern“ werden
- Herausforderung für das gesamte Familiensystem, z. B. bei Geschwisterkindern
- Oft strittige Auseinandersetzung mit Familienmitgliedern
- Große Sorge um den geliebten Menschen
- Trauer, wenn sich ein Mensch krankheitsbedingt verändert: „Meine Frau ist ganz anders geworden, so kenne ich sie nicht!“
- Großes Verantwortungsgefühl, und wenn die Betreuung zu scheitern droht, entstehen oft Schuldgefühle
- Soziale Isolierung
- Keine Zeit für eigene Bedürfnisse
- Finanzielle Engpässe
- Zukunftsängste
Mein Wunsch an die Familiensynode:
- Unterstützungsangebote fördern
- Wenn die Pflege zu Hause oder im familiären Kreis nicht mehr möglich ist, dann hilft kein Moralisieren, sondern Unterstützung und Mut-Machen, um gute Lösungen zu finden!
- Gute Pflegebedingungen in den (Ordens-)Altersheimen schaffen / einfordern – das heißt ausgebildetes und vor allem genug Personal bereitstellen
- Ausbau von passenden Dienstleistungen – flächendeckend
- Jedem Menschen die Zusage geben: "DU bist wichtig!" – auch der Mensch, der pflegt! Man muss sich nicht aufopfern!
Pflege betrifft uns alle!
Susanne Bock
Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin bei BEZIEHUNGLEBEN.AT



