Jugend Eine Welt prangert Kinderrechtsverletzungen in Afrika an
Lothar Wagner begleitet seit zehn Jahren Straßenkinder und minderjährige Gefangene in Liberia: „In einer kleinen Zelle, die für zwei Insassen vorgesehen ist, sind acht bis zehn Jugendliche untergebracht. Geschlafen wird abwechselnd, weil diese Zellengröße ihren vielen Bewohnern nur stehend Platz bietet. Der ständige Hunger und die dramatische Raumsituation schwächen die Gesundheit der Kinder enorm“, berichtet der Jugend Eine Welt-Projektpartner aus dem Zentralgefängnis von Monrovia, der Hauptstadt Liberias.
Liberia: Kinder hinter Gittern
Der Salesianer Don Boscos leistet im knapp 6-Millionen Einwohnerstaat seit zehn Jahren wichtige Arbeit. Bruder Lothar kümmert sich tagtäglich nicht nur um sogenannte Friedhofskinder – auf der Straße lebende Minderjährige, die in Ermangelung eines sicheren Zuhauses in verlassenen Gräbern schlafen müssen. Sondern vorwiegend auch um minderjährige Häftlinge im heillos überfüllten städtischen Gefängnis. Die Haftanstalt wurde ursprünglich für 325 Menschen errichtet. Heute sind dort mehr als 1.500 Personen untergebracht, darunter auch Kinder und Jugendliche. Nach Erfahrung der Projektmitarbeiter landen Minderjährige teilweise wegen geringfügiger Vorwürfe im Gefängnis. In einzelnen Fällen würden Kinder auch ohne eigenes Verschulden festgehalten, berichtet Wagner. „Nach zehn Jahren harter Arbeit gibt es für mich absolut keinen Grund zu feiern. Es ist vielmehr ein Moment, bitter innezuhalten. In unserem Büro stehen meterweise Ordner voller Dokumentationen über unvorstellbares Leid. Über Kinder, die im Gefängnis eingepfercht sind und deren grundlegende Rechte nicht eingehalten werden.“

Jugend Eine Welt-Projektpartner Lothar Wagner betreut und hilft Jugendlichen im Gefängnis von Monrovia, der Hauptstadt Liberias. ©SDB
„Wir lassen diese Kinder niemals im Stich“
Lothar Wagner versucht den Jugendlichen ganz konkret zu helfen. Er spricht mit Polizei, Gerichten und Angehörigen, besucht die Kinder im Gefängnis und versorgt sie mit Trinkwasser und warmen Mahlzeiten. Darüber hinaus organisiert er medizinische Betreuung, psychologische Unterstützung und unabhängigen Rechtsbeistand. Mehr als 1.000 junge Menschen hat der Jugend Eine Welt-Projektpartner in den vergangenen zehn Jahren begleitet. „Wir haben auch hart gegen Missstände und Korruption im Polizei- und Justizwesen angekämpft. Gleichzeitig ist das ein großer Spagat, ein Dilemma“, erklärt Wagner. „Denn jede Kritik am System, so leise sie ist, kann unseren sofortigen Rausschmiss aus dem Gefängnis bedeuten. Dann wären die Kinder völlig auf sich allein gestellt. Unser Handlungsspielraum ist begrenzt. Aber diese Ernüchterung bedeutet für mich niemals Resignation. Wir machen auf jeden Fall weiter, weil diese Kinder Rechte haben und wir sie auch niemals im Stich lassen.“
Besonders hart trifft das System Kinder aus armen Familien. Meist fehlt Geld für eine Kaution oder anwaltliche Unterstützung, selbst bei geringfügigen Vorwürfen. Dadurch bleiben Minderjährige länger in Haft, verpassen wichtige Schuljahre und werden nach ihrer Entlassung gesellschaftlich stigmatisiert. „Rechte werden oft erst dann umgesetzt, wenn bezahlt wird“, kritisiert Wagner. „Die Kinder bleiben dadurch nicht nur im Gefängnis, sondern auch in einem System gefangen, aus dem sie kaum herausfinden.“
Großer Handlungsbedarf in West- und Zentralafrika
Wie groß der Handlungsbedarf beim Thema Kinderrechte weltweit ist, zeigt der aktuelle KidsRights Index 2026. Der internationale Vergleich untersucht die Situation der Kinderrechte in 194 Ländern und greift dabei unter anderem auf Daten internationaler Institutionen wie WHO und UNICEF zurück. Die Bilanz ist ernüchternd: Nur fünf Länder verbesserten sich gegenüber dem Vorjahr, 31 Länder fielen zurück. Äußerst schwierig ist die Situation in West- und Zentralafrika. Kein einziges Land dieser Region findet sich unter den ersten 100 Plätzen des KidsRights Index 2026. Liberia rangiert auf Rang 167 und hat sich gegenüber dem Vorjahr um fünf Plätze verschlechtert. Besonders niedrig fällt die Bewertung in den Bereichen Leben und Schutz von Kindern aus.
Jugend Eine Welt hilft konkret
Jugend Eine Welt unterstützt die Arbeit von Bruder Lothar und der Salesianer Don Boscos vor Ort in West-Afrika seit vielen Jahren. „Mit einer Spende von 50 Euro kann beispielsweise anwaltlicher Beistand für ein Kind finanziert werden. Spenden ermöglichen außerdem die Versorgung der inhaftierten Jugendlichen mit Essen, Trinkwasser und Medikamenten“, erklärt Reinhard Heiserer, Geschäftsführer von Jugend Eine Welt. Er ruft dazu auf, das Schicksal der Kinder sichtbar zu machen: „Sprechen Sie darüber. In Ihrem Freundeskreis, in der Schule Ihrer Kinder, in Ihrem Verein oder in Ihrer Pfarre. Der Weltkindertag darf nicht nur ein Tag schöner Worte sein. Er muss uns daran erinnern, dass Kinderrechte in allen Ländern unserer EINEN Welt und jeden Tag gelten – und dass wir dort handeln müssen, wo Kinder Gewalt, Ausbeutung, Armut oder Perspektivlosigkeit erleben.“
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