Tuesday 15. June 2021

"Vernichtete Vielfalt": Gedenkfeier mit Bischof Scheuer in Gallneukirchen

Das Mauthausen Komitee Gallneukirchen veranstaltete am 9. Mai 2021 eine Gedenkfeier, um der Befreiung im nahegelegenen Konzentrationslager Mauthausen zu gedenken, sowie der Ereignisse im Jahr 1945 in Gallneukirchen.

Im Jahr 2006 wurde das "Mahnmal für den Frieden" in Gallneukirchen eröffnet. Seitdem findet jährlich eine Gedenkfeier statt, an der Vertreter der Kirchen, der Politik, der Kultur und der Gesellschaft teilnehmen.

Heuer folgten der Einladung des Mauthausen Komitees Gallneukirchen Bürgermeisterin Gisela Gabauer, die Vizebürgermeister Sepp Wall-Strasser und Mario Moser-Luger und mit ihnen die Mitglieder des Gemeinderates Gallneukirchen und Engerwitzdorf; die Pfarrer Klaus Dopler und Günter Wagner jeweils mit MitarbeiterInnen der Pfarrgemeinden.

Die Festrede hielt Bischof Manfred Scheuer, künstlerisch wurde die Feier vom Gusentheater Gallneukirchen (szenische Lesung), dem Ensemble Kohelet 3 und dem ÖGJ-Jugendzentrum Gallneukirchen gestaltet.

 

1938–1945: Vernichtete Vielfalt

 

Die heurige Befreiungsfeier wurde unter das Leitthema: "1938–1945 – Vernichtete Vielfalt" gestellt. Dass alle Menschen in ihrer Vielseitigkeit Recht auf ein gutes Leben haben, das lehnten die Nationalsozialisten ab. In ihrer Doktrin wurde fixiert: das Ideal eines Menschen wäre es, ein biologisch-rassereiner Mensch germanischer Abstammung, ein germanischer Arier zu sein. Und Arier wären berufen, über die Nicht-Arier, über die Menschen anderer Kulturen, über Menschen die Beeinträchtigungen haben, die mit dauernden Krankheiten und Schwächen leben, zu herrschen.

 

Vernichtete Vielfalt heißt spezifisch für Gallneukirchen: 64 Menschen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die im Diakoniewerk wegen ihrer Beeinträchtigungen eine Heimat gefunden hatten, wurden als biologistisch unwerte Menschen in Hartheim ermordet.

Auch 6 Menschen aus der Region mit angeblich unheilbaren Schwächen hat das Regime in Hartheim ermordet.
Darüber hinaus galt eine andere politische Gesinnung als Todesurteil. Auch das traf BewohnerInnen der Region.

 

Vernichtete Vielfalt heißt spezifisch für Gallneukirchen auch: Nach Gallneukirchen wurden – wie in viele Landgemeinden – junge „fremdländische“ Menschen, Jugendliche, Frauen und Männer zur Zwangsarbeit verschleppt, aus den slawischen Staaten, aus Polen, aus der Ukraine, aus Russland. Sie wurden dorthin gezwungen, weil die Nazis diese Menschen zu Menschen einer „minderwertigen Rasse“ erklärten, die für das Herrenvolk zu arbeiten hätten. Mit Verordnungen, Apellen und Kontrollen wurde angeordnet, mit ihnen bloß nicht wie mit geschätzten Dienstboten zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten. Erotische Freundschaften mit Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen waren Rassenschande und wurden drakonisch bestraft. In den Tagen nach der Befreiung am 4. Mai 1945 waren die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen frei, bekamen den Schutz der Alliierten. Einige verabschiedeten sich mit freundlichem Handschlag, einige mit zornigen Flüchen.

 

Vernichtete Vielfalt heißt spezifisch für Gallneukirchen auch: Nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 wurden auf dem Areal des heutigen Mahnmals für den Frieden viele tausend Soldaten der deutschen Kampfverbände, die von der Ostfront dorthin geflüchtet waren, von der US-Armee als Kriegsgefangene festgehalten. Gemäß kriegsrechtlichen Bestimmungen und Vereinbarungen der Alliierten mussten diese Soldaten den Sowjets übergeben werden.

Diese Soldaten hatten einen brutalen Vernichtungskrieg gegen die als minderwertig deklarierten Polen und Völker der Sowjetunion zu führen.

Als sich im Lager herumgesprochen hatte, dass sie den Sowjets ausgeliefert werden, war die Angst vor Rache an ihnen übergroß. In dieser Verzweiflung und Angst haben sich an die 70 Soldaten das Leben genommen.

 

Befreiung und Umkehr

 

Bei der Gedenkfeier am 9. Mai 2021 konnten die Teilnehmenden mit einer szenischen Lesung aus der Autobiografie des Heinz Lischke nacherleben, wie diesem damals jungen SS-Soldaten ein Weg aus einer totalitären Nazi-Gesinnung möglich wurde. Diese szenische Lesung ist auch als Film auf der Homepage des Mauthausen Komitees Gallneukirchen zu sehen.

 

Mahnmal für den Frieden
Gedenkfeier beim Mahnmal für den Frieden
Die MItglieder des Mauthausenkomitees Gallneukirchen mit Bischof Scheuer

Bilder: © Mauthausen-Komitee Gallneukirchen / Henninger

 

Bischof Scheuer: Toleranz der NS-Grundhaltung der Verachtung entgegenstellen

 

Neben der Verachtung alles "unwerten Lebens" sei "die Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod" die Wurzel der Vernichtung, von Terror, Krieg und Barbarei, mahnte Scheuer in seiner Festrede. Sie hätten zur Vernichtung von Roma und Sinti, Juden, behinderter Menschen sowie von Homosexuellen und als "asozial" geltenden Frauen und Männern beigetragen, so der Linzer Bischof, der innerhalb der Österreichischen Bischofskonferenz für das Mauthausen Komitee und den Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus zuständig ist.

 

Bischof Manfred Scheuer bei der Festrede

Bischof Manfred Scheuer bei der Festrede. © Mauthausen-Komitee Gallneukirchen / Henninger


Die NS-Grundhaltung hat sich laut Scheuer auch der Kräfte von Wissenschaften, Medizin, Ökonomie und sogar der Religion bedient. Folglich habe es eine ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung im Hinblick auf die Ermordung von Behinderten gegeben, in den Konzentrationslagern wurde zudem zwischen "Verwendbaren" und "Unbrauchbaren" selektiert. Im Hintergrund sei die Utopie eines "rassisch" homogenen Volk und "physisch und geistig gesunder Volkskörpers" gestanden, aus dem die "schadhaften Elemente" entfernt werden müssten.

Auch die Zerstörung der Synagogen, die Vernichtung der Juden und "der Versuch, das Gedächtnis des jüdischen Volkes auszulöschen", seien dem NS-Rassenwahn und der Idee einer "perfekten Volksgemeinschaft" entsprungen, erläuterte Scheuer. Die gewünschte "Symmetrie" und Gleichheit des Volkes sollte über Individualität triumphieren. Das Fremde sei nur noch "unter dem Vorzeichen der Negation" gestanden. Auch die Wahrnehmung des Anderen sei in der NS-Zeit durch die Perspektive der Verdächtigung, Anfeindung, Ablehnung, Verurteilung oder Unterwerfung geprägt gewesen.

Toleranz als Gegenpol

Als Gegenpol zur Nazi-Vernichtung nannte Scheuer das Zweite Vatikanische Konzil, auf dem die Tugend der Toleranz für ein friedliches Zusammenleben der Menschen als unbedingt notwendig erachtet wurde. "Wo beides verwirklicht ist, wo man eigene Identität besitzt und behält und wo man doch den anderen nicht unter die eigenen Maßstäbe zwingt, ist Toleranz gegeben. Toleranz besteht für mich darin, sich mit dem Anderen und Fremden wirklich auseinanderzusetzen", erläuterte der stellvertretende Vorsitzender der Bischofskonferenz.

Toleranz eröffne damit einen "sozialen Raum", der aber nicht grenzenlos sei, "weil unbegrenzte Toleranz auch ihren Feinden, nämlich der Intoleranz, der Willkür und der Gewalt, freie Hand lassen müsste". Als Folge davon brauche Toleranz Standpunkte, meinte Scheuer. Als Beispiel nannte er etwa den Dialog mit anderen Religionen und Kulturen, der nach Klarheit, Klugheit und Vertrauen, die Überzeugung des eigenen Glaubens und das Wissen um die eigene Tradition verlange.

Leidensempfindlichkeit als Lösung

Gegen eine Entmenschlichung des Nationalsozialismus müssten Gesellschaft wie auch Kirche "Empathie, Einfühlungsvermögen und Offenheit, die auch an den Leiden, Ängsten, Versagen des anderen teilnehmen kann", stellen, forderte Scheuer, der dabei auf die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus verwies. Darin betonte der Papst, dass eine "echte menschliche Entwicklung (...) moralischer Art" die vollkommene Achtung gegenüber der menschlichen Person voraussetze. Zu diesem Humanum gehöre wesentlich auch eine elementare Leidempfindlichkeit und Leidenschaft für die Mitwelt.

Fremdes Leid wahrzunehmen müsse damit zur Friedenspolitik und zur sozialen Solidarität gehören, forderte der Bischof. Ansonsten drohe eine Freiheit ohne Mitleid und Empathie zur Tyrannei zu werden. "Es geht um Empathie, Einfühlungsvermögen und Offenheit, die auch an den Leiden, Ängsten, Versagen des anderen teilnehmen kann", betonte Scheuer.

 

Festrede bei der Befreiungsfeier des Mauthausen Komitees Gallneukirchen, 9. Mai 2021 zum Download / zum Nachlesen

 

 

Quellen: Mauthausen Komitee Gallneukirchen | kathpress

 

 

Katholische Kirche in Oberösterreich
Diözese Linz

Kommunikationsbüro
Herrenstraße 19
Postfach 251
4021 Linz
TEL: 0732 / 7610 - 1170
FAX: 0732 / 7610 - 1175

DVR: 0029874(117)

www.dioezese-linz.at
post@dioezese-linz.at
https://www.dioezese-linz.at/
Darstellung: