Thursday 17. October 2019

Künstlerische Intervention zu NS-Märtyrer Dr. Johann Gruber

Anlässlich des 75. Todestages von Dr. Johann Gruber fand am 5. April 2019 an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz das Symposium „Anstoß Gruber“ statt. Dabei wurde das Siegerprojekt eines Künstlerwettbewerbs präsentiert.

Dieses gestaltet der renommierte Wiener Künstler Christian Kosmas Mayer.

 

Das Kunstprojekt besteht aus drei aufeinander bezogenen Interventionen, die im Eingangsbereich der Hochschule realisiert werden sollen. Der Künstler akzentuiert dabei die für Gruber zentralen Haltungen der Widerständigkeit und Fürsorge.

 

Johann Gruber, Priester und Reformpädagoge, war ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und konnte selbst im Konzentrationslager unter schwierigsten Bedingungen ein Hilfswerk aufbauen, mittels dessen er vielen Häftlingen das Überleben ermöglichte.

 

Bischof Dr. Manfred Scheuer: „Johann Gruber hat durch sein solidarisches Zeugnis Hoffnung und Auferstehung vermittelt“

Bischof Scheuer beantwortete die Frage, warum man sich in der Diözese Linz an Johann Gruber erinnere: Gruber sei Priester gewesen, insofern also auch Vertreter der Amtskirche. Die Beziehung zu dieser sei nicht immer leicht gewesen, weil es verschiedene Vorstellungen von Erziehung und Pädagogik gegeben habe. Der damalige Bischof Johannes Maria Gföllner habe Gruber jedenfalls unterstützt und in seinen Ausbildungen gefördert.

 

Zu „Papa“ Grubers Rolle im Konzentrationslager Gusen, in das er 1940 überstellt wurde, sagte der Bischof: „Johann Gruber war in einem System des Todes einer, der Brot und Suppe geteilt hat. Durch sein solidarisches Zeugnis hat er Hoffnung und Auferstehung vermittelt. Gruber war somit ein Zeuge des Brot-Teilens und der Auferstehung.“

 

Gedanken von Bischof Manfred Scheuer zum Nachlesen

 

Künstlerische Intervention zu NS-Märtyrer Dr. Johann Gruber

Dr. Thomas Schlager Weidinger, Dr. Franz Keplinger, Bischof Dr. Manfred Scheuer und Dr.in Martina Gelsinger präsentierten im Rahmen einer Pressekonferenz am 5.4.2019 das Kunstprojekt. (c) Diözese Linz / Fürlinger

 

Dr. Thomas Schlager-Weidinger, Mitinitiator des Kunst- und Forschungsprojektes „Anstoß Gruber“, stellte die Verbindung von Johann Gruber zur Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und dem entstehenden Kunstprojekt vor:

Als vorbildhafter Mensch und Reformpädagoge, der auch in der LehrerInnenbildung tätig war, und unter anderem im Gebäude der jetzigen Praxismittelschule am Campus als Erzieher gearbeitet hatte, vermöge er den Menschen von heute und besonders auch jenen, die in seinem Haus - also der PH der Diözese Linz – tätig seien, wesentliche Impulse für die Gegenwart zu geben.

Schlager-Weidinger wörtlich: „In Zeiten einer schwindenden Solidarität und Entmenschlichung, gesellschaftlicher und sozialer Spannung, rechtspopulistischer Verführung und Reduktion auf bloße Funktionalität kann der Blick auf Gruber inspirierend wirken und ein Anstoß – das war auch das Thema des Künstlerwettbewerbes – zu Widerständigkeit und Fürsorge werden.“

 

Dr. Franz Keplinger, Rektor der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, gab seiner Freude über das entstehende Kunstwerk im Eingangsbereich der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz Ausdruck. Keplinger: „Es ist eine wesentliche Aufgabe von Bildungsinstitutionen, von Schulen, Universitäten und Hochschulen, dieses ‚Niemals vergessen!‘ lebendig zu halten. Ich glaube, da haben wir einen großen Auftrag, eine gesellschaftliche Verantwortung.“

 

Dr.in Martina Gelsinger, Referentin im Kunstreferat der Diözese Linz, stellte das Kunstprojekt und den Künstler vor:

 

Die Pädagogische Hochschule der Diözese Linz (PHDL) hat zusammen mit dem Kunstreferat/Diözesankonservatorat als Fachstelle der Diözese Linz einen geladenen Wettbewerb für eine künstlerische Intervention / einen Gedenkort für Dr. Johann Gruber im Außenbereich der PHDL ausgeschrieben. Die künstlerische Intervention soll insbesondere die – aus seinem christlichen Glauben resultierenden –  Aspekte „Widerständigkeit und Fürsorge“, die Grubers Persönlichkeit und sein Wirken als Priester und Pädagoge auszeichnen, sichtbar machen.

 

Zum Wettbewerb waren sechs KünstlerInnen geladen, die ihre Projekte zum Teil auch in Kooperationen entwickelten. Die Jury ist im Rahmen der Jurysitzung am 22. März 2019 zu dem einstimmigen Entschluss gekommen, das Projekt von Christian Kosmas Mayer an der PHDL zu realisieren.

Der Entwurf von Christian Kosmas Mayer basiert auf eingehenden Recherchen zur Person Grubers und seinem zeitgeschichtlichen Umfeld. Sie bilden die Basis für eine dreiteilige medienübergreifende Installation, die auf poetische, narrative wie auch partizipative Weise das Wirken des Priesters und Pädagogen sichtbar macht und als ethische Maxime in die Gegenwart trägt:

 

1.) Die Handläufe der zum Haupteingang führenden Außentreppe werden mit Auszügen des „Klagelieds zur Erinnerung an Johann Gruber“ (1945) von Jean Cayrol (französischer Poet und Verleger, dem Gruber im KZ Gusen das Leben rettete) in lateinischer wie in Brailleschrift versehen. Die Ausführung erfolgt in rostfreiem Edelstahl, der Text kann im Gehen erschlossen werden.

 

2.) Unmittelbar an die Treppe anschließend wird auf der Brüstung eine Vitrine mit Repliken archäologischer Funde (aufgefunden in der Nähe des KZ Gusen) platziert, mit deren Betreuung Gruber 1942 beauftragt wurde. Die Arbeit erlaubte ihm aus dem KZ heraus ein Netzwerk geheimer Transportwege aufzubauen, das zur Basis für seine lebensrettenden Aktivitäten wurde. Die durch die Objekte/Gefäße entstehende Narration wird durch Texttafeln in der Vitrine ergänzt.

 

3.) Dem Speiseplan der Mensa soll einmal monatlich eine Suppe hinzugefügt werden, die an die „Gruber-Suppe“ erinnert, mit der Dr. Johann Gruber im KZ zahlreichen Menschen das Leben rettete. Evtl. könnten spezielle, mit Zitaten Grubers bedruckte Servietten die Aktion erklärend begleiten. Die Erinnerung an Gruber findet hier – in der „nährenden Form“ die „direkteste und körperlichste Übersetzung“.

 

Visualisierung 1
Visualisierung 2
Visualisierung 3

Visualisierungen des Kunstprojektes im Eingangsbereich der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. (c) Christian Kosmas Mayer

 

Die drei Interventionen ergänzen sich zu einem sichtbaren, multimedialen Zeichen, das taktile, visuelle wie auch geschmackliche Sinne mit einer wissenschaftlichen Rezeption verbindet. Das Projekt ermöglicht unterschiedliche Zugänge zur Biografie des Priesters sowie eine aktive, identifikationsstiftende Erinnerung. Die Installationen fügen sich unaufdringlich in die bestehende Architektur und in den Tagesablauf (Mensa) der Hochschule ein und zeichnen gleichzeitig ein facettenreiches wie berührendes Porträt von Dr. Johann Gruber.

 

Christian Kosmas Mayer

 

*1976, lebt und arbeitet in Wien. Seine medienübergreifenden und installativen Arbeiten basieren auf eingehenden historischen und zeitgeschichtlichen Recherchen. Diese dienen einer kritischen Neubewertung von Geschichte und Gegenwart, indem sie Evolutionäres und Naturhaftes in einen kulturgeschichtlichen und wissenschaftlichen Bezugsrahmen stellen. Zentrale Bedeutung in seiner Arbeit besitzt die Auseinandersetzung mit Fragen des Archivierens und Konservierens als geschichtsbewusstem Handeln.

 

Der Künstler Christian Kosmas Mayer

Der Künstler Christian Kosmas Mayer. (c) Klaus Pichler

 

Seine Einzelausstellungen waren in namhaften Institutionen zu sehen, darunter im mumok–museum moderner kunst stiftung ludwig (Wien), Centrum Kultury Zamek (Poznan), Galerie Mezzanin (Genf), Galerie Nagel Draxler, (Berlin), Belvedere (Wien) und Kunststiftung Baden-Württemberg (Stuttgart). Seine Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen präsentiert, unter anderem im mumok (Wien), Kunstmuseum Bonn, Austrian Cultural Forum (New York), Leopoldmuseum (Wien) und MAK Center (Los Angeles).

Darüber hinaus ist Mayer einer der Herausgeber einer Kunstzeitschrift, die bei jeder Ausgabe ihren Namen ändert, je nachdem welche Schrift verwendet wird. www.ztscrpt.net

 

Christian Kosmas Mayer wurde für sein künstlerisches Werk im Jahr 2011 mit dem Kardinal-König-Kunstpreis ausgezeichnet.

 

www.christiankosmasmayer.site

 

Dr. Johann Gruber

Biografische Eckdaten zu Johann Gruber

 

Dr. Johann Gruber wurde 1889 in Grieskirchen geboren. Mit 11 Jahren verlor er innerhalb eines halben Jahres Vater und Mutter. Der Pfarrer von Grieskirchen nahm sich seiner an und brachte ihn im Knabenseminar Petrinum in Linz unter. Er maturierte dort mit Auszeichnung und wurde 1913 im Linzer Dom zum Priester geweiht. In den Jahren danach war Gruber ein leidenschaftlicher Seelsorger und ein begnadeter Lehrer. Der damalige Bischof Gföllner erkannte sein pädagogisches Talent und schickte ihn 1919 für die Lehrerausbildung nach Wien. Dort wurde er mit den fortschrittlichen Ideen der Reformpädagogik konfrontiert, mit neuen Unterrichtsformen, mit dem für damalige Verhältnisse bahnbrechenden Konzept der gemeinsamen Erziehung von Buben und Mädchen. Sein Lehramtsstudium für Geschichte und Geografie schloss er 1923 mit dem Doktorat der Philosophie ab. Zurückgekommen nach Linz unterrichtete Gruber in verschiedenen Linzer Schulen, u. a. auch an der bischöflichen Lehrerbildungsanstalt in der Stifterstraße, der Vorgängerinstitution der heutigen Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. Gruber hatte bei den SchülerInnen großen Respekt und tiefe Bewunderung.

 

1934 wurde er Direktor der Linzer Blindenanstalt unter der wirtschaftlichen Leitung der Linzer Kreuzschwestern. Gruber rührte um, er setzte sich für die Blinden ein und führte entsprechende Reformen ein. Er öffnete die Tür zwischen Buben- und Mädchentrakt. Er pflegte ein nahes Verhältnis zu seinen SchülerInnen, begleitete die Blinden Arm in Arm in die Stadt, um sie zu führen. Er spielte mit den Jugendlichen Fußball und setzte sich für eine bessere Ernährung der Kinder ein. All diese Aktivitäten führten zu Konflikten mit den kirchlichen Stellen (Ordinariat, Linzer Kreuzschwestern), die mit dem offenen Erziehungsstil Grubers, insbesondere mit der Öffnung des Buben- und Mädchentraktes nichts anfangen konnten.

Gruber war ein kritischer Zeitgenosse: er stand dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber und war gegen den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Am 10. Mai 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet und 1939 wegen Aufwiegelung gegen den Staat und wegen angeblicher unsittlicher Annäherung an geistig behinderte, blinde Mädchen verurteilt. Nach einem Aufenthalt in der Strafanstalt Garsten kam er ins KZ Dachau und wurde schließlich 1940 ins KZ Gusen überstellt, in dem während der Herrschaft des Nationalsozialismus insgesamt ca. 40.000 Menschen zu Tode geschunden wurden.

 

Gemeinsam mit polnischen Lehrern gelang es Gruber im Konzentrationslager, junge Häftlinge illegal zu unterrichten. In seiner Funktion als Pfleger im Häftlingsrevier organsierte er heimlich Medikamente für Kranke, vielen Erschöpften und Hungernden sicherte er mit der „Gruber-Suppe“ das Überleben.


Am 4. April 1944 flog das Hilfswerk Grubers auf, er wurde in den Bunker von Gusen gesteckt und starb nach tagelanger Folter am Karfreitag, den 7. April 1944 an den Folgen seines Martyriums.

Nach dem Krieg geriet Johann Gruber weitgehend in Vergessenheit.

 

Den Berichten von Überlebenden ist es zu verdanken, dass das Gedenken an Johann Gruber gewahrt werden konnte. 1999 wurde der politische Teil des Urteils von 1939 (Aufwiegelung gegen den Staat) aufgehoben. Erst im Jahr 2016 wurde Gruber vom Strafgericht Wien auch bezüglich seiner angeblichen Sittlichkeitsdelikte vollständig rehabilitiert.

 

Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz

Getauft und Gesandt
Magdalena Hartl-Fischer

Magdalena Hartl-Fischer

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