Mittwoch 21. November 2018

KZ-Gedenkstätte Mauthausen: Über 10.000 gedachten der Befreiung

Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen

Über 10.000 Menschen, darunter Überlebende des ehemaligen Konzentrationslagers, gedachten am 7. Mai 2018 in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen der Opfer des NS-Regimes und der Befreiung des Lagers vor 73 Jahren.

In Erinnerung an die Befreiung der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Mauthausen am 5. Mai 1945 wurde am 7. Mai 2018 im Rahmen der alljährlichen Internationalen Befreiungs- und Gedenkfeier gedacht. Mehr als 10.000 BesucherInnen und Besucher aus dem In- und Ausland nahmen auch dieses Jahr, am 73. Jahrestag, teil. Unter ihnen: Diözesanbischof Manfred Scheuer, der bei der ökumenischen Wortgottesfeier predigte, und Bischof em. Maximilian Aichern.

 

Veranstaltet wird die Internationale Gedenk- und Befreiungsfeier seit Jahrzehnten vom Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) in enger Zusammenarbeit mit der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen (ÖLM) und dem Comité International de Mauthausen (CIM). Im Gedenkjahr 2018 widmen sich die Gedenk- und Befreiungsfeiern dem Thema „Flucht und Heimat“ und der Auslöschung Österreichs im Jahr 1938. Schon im August 1938 trafen die ersten Häftlinge in Mauthausen ein und es wurde mit der Errichtung des Konzentrationslagers begonnen. Im Dezember 1938 waren bereits knapp 1.000 Häftlinge interniert. 

 

 

Diesjähriges Schwerpunktthema: „Flucht & Heimat“

 

Zwischen 1933 und 1945 flohen Millionen von Menschen vor den Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes und seiner Verbündeten. Die nationalsozialistische Terrorherrschaft schuf in den 1930er Jahren neben politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Ursachen ein neues Motiv der Flucht: Rassismus. Bis heute ist die Geschichte Europas immer wieder von Fluchtbewegungen gekennzeichnet. Kriege im ehemaligen Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan oder in Syrien sowie fundamentalistischer Terror sind Ursachen für Flucht und den Verlust der Heimat.

 

Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitee Österreich, schlug in seiner Ansprache eine Brücke zur Gegenwart: „Menschen, die vor 80 Jahren in ein anderes Land flüchten mussten haben alles verloren. Ihre Heimat wurde zu einem fremden Ort. Auch heute müssen Menschen flüchten. Es liegt an uns, ihnen zumindest ihre Würde zu erhalten."

 

Seit 2006 sind die Gedenk- und Befreiungsfeiern jedes Jahr einem speziellen Thema gewidmet, das zur Geschichte des ehemaligen KZ-Mauthausen bzw. zur NS-Vergangenheit Österreichs in Beziehung steht. Der Gegenwartsbezug bildet bei jedem Jahresthema einen essentiellen Bestandteil und soll vor allem für junge Menschen die Auseinandersetzung mit der Zeit und Ideologie des Nationalsozialismus konkreter fassbar machen.

 

 

Scheuer: Flucht und Heimatlosigkeit verhindern "richtiges Leben"

 

Die Gedenkfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen begann mit einem ökumenischen Wortgottesdienst mit Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, Pfarrerin Dr.in Hannelore Reiner und Erzpriester Ioannis Nikolitsis. Auch in den Predigten von Pfarrerin Dr.in Hannelore Reiner und Bischof Dr. Manfred Scheuer wurde das Jahresthema „Flucht und Heimat“ aufgegriffen. Musikalisch gestaltet wurde die Feier von Musica Viva, dem Chor der Pfarre Mauthausen.

 

Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst
Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst
Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst
Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst
Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst mit Bischof Manfred Scheuer
Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst mit Bischof Manfred Scheuer
Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst

© Samuel Haijes

 

Manfred Scheuer betonte in seiner Predigt, keine Wohnung oder Heimat zu haben und auf der Flucht zu sein, stehe einem "richtigen Leben" mit einem unverwechselbaren Namen und Individualität, mit Freiheit und einem Obdach für die Seele, mit Heimat und Beziehung radikal entgegen. Scheuer sieht die Gesellschaft in der Praxis vor die Herausforderung gestellt, mit existentieller und psychischer Obdachlosigkeit, mit Suchtkranken, Asylanten oder Arbeitslosen umzugehen. Denn "Heimat ist nicht an Ländereien gebunden, Heimat ist der Mensch, dessen Wort wir vernehmen und erreichen", zitierte der Bischof Max Frisch. Heimat ohne tragfähige soziale Beziehungen, ohne persönliche Teilhabe am kulturellen und religiösen Geschehen, ohne wirtschaftliche Chancen, löse sich auf; "und ohne Anerkennung der Menschenrechte und Menschenwürde anderer, ohne Gerechtigkeit für Schwache wird Heimat zur ideologischen Waffe", so der Bischof.

 

In eine solche Heimatlosigkeit seien während des Nationalsozialismus hunderttausende Menschen getrieben worden. "Wir haben unser Zuhause verloren, das heißt die Vertrautheit des Alltags", zitierte Scheuer aus einem Essay Hannah Arendts. Und doch seien bei aller "Massivität und Brutalität" Tod und Leiden nicht ausweglos. Beispiel dafür sei etwa der Linzer Priester Johann Gruber, der unter Lebensgefahr im KZ Gusen ein illegales Hilfswerk aufgebaut hatte und dafür am 7. April 1944 hingerichtet worden war. "Dadurch brach in die Hölle des KZ ein Licht der Hoffnung und der Liebe ein", so Scheuer. Wer ein Warum zum Leben habe, ertrage fast jedes Wie, zitierte der Bischof den jüdischen Arzt und Psychotherapeuten Viktor E. Frankl.

 

"Glaube an Gott angesichts NS-Barbarei möglich?"

 

Angesichts der NS-Barbarei stelle sich die Frage: "Kann man noch an einen guten Gott glauben, der dies alles zugelassen hat?" Nicht wenige meinten, aus der Erfahrung des Bösen heraus und aus der Solidarität mit den Leidenden und Opfern, Gott absagen zu müssen, so Scheuer. Dieser Anfrage könne nur mit einem Gott begegnet werden, "der mit den Toten, Geschlagenen und Opfern durch die Macht der Auferweckung etwas anfangen kann", zitierte der Bischof den Theologen Johann Baptist Metz.

 

Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes erfordere laut Scheuer eine Wachsamkeit, die sich selbst im Gewissen und in der Verantwortung situiere. Denn sie sei nicht neutral und objektiv distanziert, sondern stehe im Kontext von Sympathie, Apathie oder Antipathie, von Gleichgültigkeit, von Nihilismus, Hoffnung, Hass und Verachtung, von Verzweiflung oder auch Verzeihen, von Freude am Leben oder Bitterkeit, von Funktionalisierung, Selbstrechtfertigung oder Anklage. Sie stelle die Frage nach Gerechtigkeit, sei aber nicht von vornherein frei vom Willen zur Macht. Insofern gelte es, die eigenen Maßstäbe, Interessen und Motive zu benennen, so der Bischof.

 

Mit Johann Baptist Metz plädierte Scheuer für eine Rückbesinnung auf die Frage nach der Rettung der Opfer und der Gerechtigkeit für die unschuldigen Leidenden. "Die Gottesrede ist entweder die Rede von der Vision und der Verheißung einer großen Gerechtigkeit, die auch an diesen vergangenen Leiden rührt, oder sie ist leer und verheißungslos - auch für die gegenwärtig Lebenden", zitierte der Bischof den Theologen. Die dieser Gottesrede immanente Frage sei deshalb zunächst und in erster Linie die Frage nach der Rettung der ungerecht Leidenden.

 

Predigt von Bischof Manfred Scheuer zum Nachlesen

 

Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst mit Bischof Manfred Scheuer
Gedenk- und Befreiungsfeiern 2018 Mauthausen | ökumenischer Gottesdienst mit Bischof Manfred Scheuer

© Samuel Haijes

 

 

Pfarrerin Reiner: Flucht einzige Chance zu überleben

 

80 Jahre nach der NS-Herrschaft sei Flucht und Verlust der Heimat wiederum für so viele Menschen aus dem Nahen Osten und aus afrikanischen Ländern die einzige Chance zum Überleben, betonte die evangelische Pfarrerin Hannelore Reiner in ihrer Predigt. Angesichts etwa des andauernden Krieges in Syrien oder des Hungers in Afrika brauche es wesentlich mehr Unterstützung von den reichen Ländern dieser Erde, also auch von Österreich.

 

Nach dem Wortgottesdienst wurde der Mauthausenschwur in mehr als 20 verschiedenen Sprachen verlesen – ein wichtiger symbolischer Akt an diesem Ort, wo von 1938 bis 1945 Deutsch die einzig erlaubte Sprache war.

 

 

Internationale Beteiligung an der Gedenk- und Befreiungsfeier

 

Im Anschluss begrüßte MKÖ-Vorsitzender Willi Mernyi die tausenden TeilnehmerInnen, insbesondere die KZ-Überlebenden und die zahlreichen Jugendlichen. Im Zuge der gemeinsamen Befreiungsfeier erfolgten die Kranzniederlegungen unter anderem durch Bundespräsidenten Dr. Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Sebastian Kurz, Nationalratspräsidenten Mag. Wolfgang Sobotka, Staatssekretärin Mag. Karoline Edtstadler, Bundespräsidenten a. D. Dr. Heinz Fischer, IKG-Präsident Deutsch, Bischof em. Dr. Maximilian Aichern sowie internationalen und nationalen Delegationen und Jugendorganisationen und weitere. Während der Kranzniederlegung hielten die Vertreterinnen und Vertreter der Opferorganisationen aus Deutschland, Polen, Russland und Ungarn ihre Gedenkreden in den jeweiligen Landessprachen.

 

Kurze Videobeiträge von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die aufgrund der Verfolgung des nationalsozialistischen Terrorregimes aus Österreich fliehen mussten, wurden während der gemeinsamen Feier eingespielt. Auch dieses Jahr wurde die Internationale Befreiungsfeier von den Schauspielerinnen und Moderatorinnen Mercedes Echerer und Konstanze Breitebner mehrsprachig begleitet.

 

V. l.: Bischof Manfred Scheuer, Bischof em. Maximilian Aichern, Pfarrerin Hannelore Reiner, Murat Baser.
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen

© Bernhard Rudinger / © MKÖ / Sebastian Philipp

 

 

Berührender gemeinsamer Auszug

 

Den Höhepunkt des Festakts bildete der gemeinsame Auszug – ähnlich der ersten Befreiungsfeiern der KZ-Überlebenden – aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ende der Feierlichkeit. Auch dieses Jahr wurde der Auszug aus Mauthausen von den KZ-Überlebenden Dušan Stefancic, Yauhen Chrol, Nikolai Kireev, Shaul Spielmann, Andrew Sternberg und weitere mit Jehuda Gurvich an der Spitze angeführt, begleitet von den Zeitzeugen Anna Hackl und Tommy Frankl, GIs der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika und Schülerinnen und Schüler der NMS Mauthausen. Damit wird die Befreiung der KZ-Inhaftierten im Jahr 1945 symbolisiert.

 

Die Internationale Befreiungsfeier stellt die weitaus größte Gedenk- und Befreiungsfeier weltweit dar. Auch dieses Jahr wurde ein beeindruckendes Zeichen für ein „Niemals wieder“ gesetzt.

 

Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen

© MKÖ / Sebastian Philipp

 

 

Jugendgedenkmarsch

 

Auch heuer waren wieder VertreterInnen der Katholischen Jungschar und der Katholischen Jugend OÖ bei der Befreiungsfeier in Mauthausen dabei, unter ihnen Jakob Haijes (Vorsitzender der Katholischen Jungschar Österreichs), Samuel Ziselsberger (Vorsitzender Katholische Jungschar Diözese St. Pölten), Robert Aistleitner (Vorsitzender der Katholischen Jugend OÖ) und die Zivildiener der kj oö.

 

Der Jugendgedenkmarsch konnte heuer leider nicht wie üblich im Steinbruch starten, da die Todesstiege gesperrt ist. Der gemeinsame Gang über die Stiege hatte in den vergangenen Jahren eine besondere Symbolkraft. Das heurige Thema „Flucht und Heimat“ wurde von den Jugendorganisationen gut auf den Punkt gebracht mit dem Satz: „Wer heute flüchten muss, findet keine Heimat mehr“ – Asylgesetze 2018. In ihren Statements gingen die Rednerinnen von der Sozialistischen Jugend und der Bundesjugendvertretung auf die Situation in Österreich ein. Junge Menschen haben sich seit 2015 verstärkt für Flüchtlinge und Integration engagiert und müssen jetzt miterleben, wie gut integrierte Familien und Lehrlinge abgeschoben werden und wie somit alle Integrationsbemühungen der Geflüchteten und alle Hilfe der Engagierten zunichte gemacht wird. Der Ruf nach internationaler Solidarität wurde vor dem Jugenddenkmal genauso wie auf dem Appellplatz laut.

 

Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
GGedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch
Gedenk- und Befreiungsfeier 2018 Mauthausen | Jugendgedenkmarsch

© Samuel Haijes

 

Mauthausen Komitee Österreich  / Sarah Emberger | Katholische Jugend OÖ / Kathpress

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