Sonntag 22. Juli 2018

Bischof em. Aichern in Dachau: „Erinnern ist zu wenig, wir müssen tätig sein, wachsam sein“

Mit einem deutsch-österreichischen ökumenischen Gedenkgottesdienst in Dachau mit Bischof em. Aichern und Bischof Bünker gedachten Christen am 8. April 2018 des Eintreffens des ersten NS-Gefangenentransports aus Österreich 1938.

„Erinnern ist zu wenig, wir müssen tätig sein, wachsam sein“, so der emeritierte Bischof der Diözese Linz, Maximilian Aichern. Er nahm am 8. April 2018 mit dem evangelisch-lutherischen Bischof Michael Bünker an einem deutsch-österreichischen ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau teil. Am wirkten auch der emeritierte Pfarrer von Ostermieting Alfons Einsiedl – sein Großvater Alois Renoldner war 1938 als Gendarmerie-Oberst aus Österreich ins KZ Dachau verschleppt worden – sowie der evangelische Pfarrer der Dachauer Versöhnungskirche, Kirchenrat Björn Mensing, und der katholische Seelsorger an der Gedenkstätte Dachau, Pastoralreferent Ludwig Schmidinger von der Erzdiözese München und Freising, mit.

 

Das Gedenken stand im Zeichen der Erinnerung an das Eintreffen des ersten NS-Gefangenentransports aus Österreich nach dem „Anschluss“ 1938. Nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazideutschland waren am 1. April 1938 am Wiener Westbahnhof 150 Menschen, unter ihnen Juden und politisch Verfolgte aus der konservativen "Vaterländischen Front" sowie der oppositionellen Sozialdemokraten und Kommunisten, von der Kriminalpolizei an die SS übergeben worden. Tags darauf kamen sie in dem bereits 1933 gegründeten KZ Dachau, dem ersten durchgängig betriebenen nationalsozialistischen Konzentrationslager, an. Von den insgesamt rund 200.000 in Dachau inhaftierten Menschen starben bis 1945 nach unterschiedlichen Angaben etwa 30.000 bis 40.000 Personen.

 

 

Bischof em. Aichern: Erschütternde Kindheitserinnerungen an den „Anschluss“

 

Bischof emeritus Aichern erzählte in der Versöhnungskirche von seinen persönlichen Erinnerungen an den „Anschluss“ vor 80 Jahren: „1938 war ich im letzten Kindergartenjahr. Abends um acht Uhr ging ich ins Bett, meine Eltern saßen daneben. Es gab nur einen Raum. Bevor ich einschlief, wurde im Radio berichtet, dass der damalige Bundeskanzler Kurt Schuschnigg aufgibt. Er sagte noch: ‚Gott schütze Österreich‘. Das habe ich noch heute in den Ohren.“ Aichern erinnerte sich an erschütternde Details, etwa über die Brutalität der Nazis Juden gegenüber, die er selbst als Kind miterlebte und deren Bilder er heute noch vor sich sieht.

 

 

Durch „Zwiesprache mit dem lieben Gott“ durchgehalten

 

Alfons Einsiedl, emeritierter katholischer Pfarrer von Ostermiething, las aus einem Brief seines Großvaters, Gendarmerie-Oberst Alois Renoldner, der im KZ Dachau „die schwersten Stunden seines Lebens“ verbracht hatte. In dem Brief heißt es unter anderem: „Wenn wir tausende von Männern beim Früh- oder Abendappell in Habtachtstellung schweigsam oft viele Stunden, in einer kalten Jännernacht 1939 von etwa 17.30 Uhr bis in den nächsten Tag um 6 Uhr früh in Reih und Glied standen, hielt ich Zwiesprache mit dem lieben Gott und konnte so trotz meines Alters ohne größere Schwierigkeiten durchhalten.“ Renoldner schildert in dem Brief, dass er auch im KZ durch Naturwunder wie ein herrliches Morgenrot oder durch den Klang der Kirchenglocken Gottes Allmacht und Nähe spürte. Renoldner: „Froh und glücklich war ich über diese innerlichen Erlebnusse und die Last der Schutzhaft trug ich viel leichter als tausende meiner armen Kameraden ...“

 

 

Bishof Bünker: „Wie macht man das – ein Mensch zu bleiben?“

 

„Wie macht man das – ein Mensch zu bleiben, wenn einem alles Menschliche genommen wird, bis hin zum Namen, und jede menschliche Regung verboten ist?“ Mit dieser Frage erinnerte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker in der Evangelischen Versöhnungskirche der Gedenkstätte des KZ Dachau an das Schicksal der von den Nationalsozialisten Verfolgten, Gefangengenommen und Getöteten. Er spielte damit auf das Dachau-Lied des österreichischen Schriftstellers Jura Soyfer an, in dessen Refrain es heißt: „Bleib ein Mensch, Kamerad!“ Soyfer war im Juni 1938 selbst nach Dachau gekommen. Im Februar 1939 verstarb er im KZ Buchenwald.

 

V. l.: Bischof em. Maximilian Aichern, Bischof Michael Bünker, Kirchenrat Pfarrer Björn Mensing von der Versöhnungskirche und Pastoralreferent Ludwig Schmidinger.

Ökumenisches Gedenken in Dachau: V. l.: Bischof em. Maximilian Aichern, Bischof Michael Bünker, Kirchenrat Pfarrer Björn Mensing von der Versöhnungskirche und Pastoralreferent Ludwig Schmidinger. © Robert Kiderle Fotoagentur

 

„Gerechtigkeit wächst von denen her, denen sie versagt bleibt“

 

„Gerechtigkeit wächst nur von denen her, denen sie versagt bleibt, die nach ihr hungern und dürsten. Sie sollen satt werden. Sie sollen aufgehoben werden aus dem Staub, in den sie die Stiefel der Unterdrückung stoßen. Sie sind ‚selig‘, weil sie darauf vertrauen dürfen, dass Gott an ihrer Seite steht und sie nicht verlässt“, sagte Bünker in seiner Predigt vor den GottesdienstbesucherInnen aus Deutschland und Österreich, die anlässlich des Gedenkens an den ersten Österreicher-Transport nach Dachau im April 1938 in die Gedenkstätte bei München gekommen waren. 150 Menschen, darunter Juden und politisch Verfolgte, waren am 1. April 1938 am Wiener Westbahnhof von der Kriminalpolizei an die Dachauer SS-Wachmannschaft übergeben worden.

 

 

„Bergpredigt Grundrichtung für politische Sachentscheidungen“

 

Neben dem Gedenken an die Ereignisse vor 80 Jahren schlug Bünker aber auch den Bogen zu aktuellen politischen Entwicklungen: Während in der letzten Zeit wieder diskutiert werde, ob mit der Bergpredigt Politik gemacht werden kann oder nicht, sei er „davon überzeugt, dass sie eine Grundrichtung angibt, an der sich auch diejenigen orientieren können, die Tag für Tag politische Sachentscheidungen zu treffen haben“.

 

 

„Menschenrechte aus Blut und Tränen erwachsen“

 

Darüber hinaus erinnerte Bünker an die Folgen, die aus der menschlichen Katastrophe des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs entstanden seien: „Nach der Befreiung der Konzentrationslager ist aus Blut und Tränen Neues entstanden“ – und dies auf politischer Ebene, in der Ökumene sowie im Verhältnis der Kirchen zum Judentum. Zudem seien „aus Blut und Tränen 1948 die Menschenrechte erwachsen, die uns heute ein gutes Zusammenleben für alle ermöglichen“.

 

Abschließend mahnte Bünker ein, wachsam zu sein, wenn heute die Menschenwürde bedroht werde, wenn Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wieder gehäuft aufträten, wenn Hass und Verachtung geschürt würden: „Demokratie braucht den Respekt, die Achtung und Toleranz der Andersdenkenden, sie darf dem Extremismus, der Intoleranz, der Herabwürdigung und dem Hass keinen Platz geben.“

 

 

Deutsch-österreichisches Gedenken mit Ehrengästen aus der Politik

 

An dem ökumenischen Gottesdienst wirkte auch Kirchenrat Björn Mensing, Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit und Pfarrer der Versöhnungskirche, mit, ebenso Pastoralreferent Ludwig Schmidinger, Bischöflicher Beauftragter für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising und katholischer Seelsorger an der Gedenkstätte Dachau, und Claudia Mühlbacher, Pfarrerin in der Evangelischen Versöhnungskirche. Der jüdische Kantor Nikola David von der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München sorgte mit hebräischen Gesängen für die musikalische Gestaltung. Unter den Ehrengästen befanden sich Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Bundestagsabgeordneter Michael Schrodi (SPD), Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath (CSU), Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) sowie Vizelandrätin Marianne Klaffki (SPD).

 

Neben dem Gottesdienst widmeten sich in Dachau mehrere Führungen der Erinnerung an den Österreicher-Transport; in der Versöhnungskirche ist zudem eine Ausstellung über „Österreichischen Widerstand gegen Hitler“ zu sehen. Am deutsch-österreichischen Gedenkgottesdienst nahmen auch ökumenische Gruppen aus Tirol und Oberösterreich teil.

 

Evangelische Kirche in Österreich | Kathpress

 

Lesen Sie auch: Gedenkfahrt nach Dachau mit Bischof Scheuer: Den KZ-Opfern ihre Namen zurückgeben

Katholische Kirche in Oberösterreich
Diözese Linz

Kommunikationsbüro
Herrenstraße 19
Postfach 251
4021 Linz
TEL: 0732 / 7610 - 1170
FAX: 0732 / 7610 - 1175

DVR: 0029874(117)

www.dioezese-linz.at
post@dioezese-linz.at
https://www.dioezese-linz.at/
Darstellung: