Sonntag 21. Januar 2018

Theologe Sellmann: Keine Gotteserkenntnis "an der 'Welt' vorbei"

Prof. Matthias Sellmann

Der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann bei seinem Österreich-Besuch: Klassisch-akademische Theologie braucht die Ergänzung durch weltzugewandte "journalistische Theologie".

Eine Gotteserkenntnis "an der 'Welt' vorbei" ist für eine dem Zweiten Vatikanischen Konzil verpflichtete Theologie nicht möglich. Das "postvatikanische Projekt", sich durch nichts so intensiv wie durch "Gesellschaft" herausfordern zu lassen, verlangt nach einer Ergänzung der bisher üblichen "klassisch-akademischen Theologie" - der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann plädierte gegenüber "Kathpress" für eine weltzugewandte "journalistische Theologie", die überall dort präsent ist, "wo heute Modernität definiert wird". Konkret könne das zu Praktika in Galerien, Werbeagenturen, bei Börsenmaklern usw. führen, zu Reportagen über inszenierte Körperlichkeit bei Modeschauen oder zu Analysen von "netflix"-Fernsehserien.

Der deutsche Theologe und sein Team vom Bochumer "Zentrum für angewandte Pastoralforschung" (ZAP) waren kürzlich als Fachleute bei einem "Tag der Innovation" in der Diözese Graz-Seckau zu Gast, Sellmann selbst hielt einen Vortrag an der Universität Graz über ein "ungemütliches Thema", wie er sagte: nämlich wie sich die heutige Theologie erfolgreich um mehr Relevanz im akademischen und gesamtgesellschaftlichen Umfeld bemühen und "Diversität als Chance" begreifen könnte.

Im Gespräch mit "Kathpress" umriss Sellmann folgende "Großkoordinaten", in denen sich heutiges Theologietreiben wiederfinde: Es gebe eine "Erwartungskrise" dergestalt, dass man ehrlicherweise nicht den Eindruck haben könne, die führenden Ökonomen, Naturwissenschaftler, Techniker, Juristen, Lebenswissenschaftler oder Publizisten würden die Kenntnisse von Theologen wirklich brauchen. Am ehesten werde die Theologie noch in ethisch-moralischen Fragestellungen und - in Zeiten fundamentalistischer Strömungen - in Bezug auf "religiösen Verbraucherschutz" wahrgenommen und verlangt.

Aber, so Sellmann, "reicht uns das, was eine gute ethische Philosophie wohl ähnlich gut erfüllen könnte?" Und weiter, selbstkritisch im Blick auf die eigene Zunft: "Vielleicht haben wir selbst in den letzten Jahren eine Theologie sichtbar gemacht, der man zwar Ethik zutraut, die aber den für sie unhintergehbaren Gottesbezug seltsam diffus und allgemein gehalten hat."



Herkömmliche Wege zu Gott sind verbaut


Einfach den Gottesbezug wieder zu betonen, "wäre schön, aber dieser Weg ist verbaut": Der Pastoraltheologe diagnostiziert einen "epochalen Paradigmenumbau" in der Moderne insofern, als "sich Gott auf den herkömmlich bekannten Wegen nicht mehr zeigt". Eine zukunftsgerichtete Theologie muss laut Sellmann aushalten, dass sich ihr erster "Gegenstand" fundamental entzieht. "Und sie muss die erste Instanz sein, die genau diesem Befund nicht ausweicht."

In Bezug auf das Verhältnis zu Gott befinde sich die Gegenwart in einem Umbruch, der vergleichbar mit der Konstantinischen Wende, der Reformation oder der napoleonischen Säkularisierung sei - "alles Daten, nach denen man anders an Gott zu glauben lernte als davor".

In dieser geistesgeschichtlichen Situation hilft nach der Überzeugung des deutschen Theologen "nicht der Habitus des Sicherns, sondern der des Aufbrechens", den das Konzil mit seiner Öffnung auf die "Welt" hin vorgezeichnet habe. In dessen Dokumenten werde ein neuer "modus procedendi" sichtbar; Sellmann meint damit all jene Passagen, "in denen das Lehramt lehrt, indem es lernt". Dies gipfele in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes", wonach die Kirche die an sie ergangene Offenbarung nicht verstehen kann, wenn sie nicht auch die sie jeweils umgebende Kultur - sei sie gläubig oder ungläubig - "lesen" kann. "Will sie ihren Gott verstehen, muss sie dies durch den Durchgang durch die sie umgebende Kultur tun", erklärte Sellmann.



"Aggiornamento" auch in der Popkultur


Dies erfordere eben jenen neuen Typ von Theologie, der nach dem "Aggiornamento" (ital. für "Verheutigung, frz. "le jour") des Konzils "journalistisch" agiert. Sellmann wörtlich: "Vielleicht kann man sogar eine Logik des Heiligen Geistes darin erkennen, dass uns die Inhalte der Gottesfrage aus den Händen gleiten, dafür aber eine Vorgehensweise neu aufleuchtet." Die bisher ungeübte Qualitäten erfordere wie "Wirksamkeit", "Strategie" und "Dienstleistung".

Nach Sellmanns Grundthese könnte die Theologie ihr eigenes inhaltliches Projekt dadurch wieder konkreter "lernen", indem sie an bisher ungewohnte Schauplätze von Modernität geht, indem statt Fachaufsätzen und Monografien wie in der klassisch-akademischen Theologie Reportagen und Essays wie auf der Internet-Plattform www.feinschwarz.net verfasst werden. Dadurch kämen "prioritär" Popkultur und Entertainment in den Blick, etwa dass Theologen wissen wollen, warum eine neue "netflix"-TV-Serie so genau den Massengeschmack trifft. Oder ausgehend von Diagnoserobotern in der Medizin darüber sinnieren, wie künstliche Intelligenz die Welt verändert.

Ob Architekturbüros, Kleidungsdesigner, Fitness-Studios, Großgärtnereien, Sportstadien oder biotechnologische Labore - "nichts Menschliches ist der journalistischen Theologie fremd", regte Sellmann an. "Und weil wir überall präsent sind, werden wir merken, wo und in welcher Weise die Gottessuche heute aufploppt. Und dies wird uns neu zeigen, welche Theologinnen und Theologen unsere Zeit heute braucht."

 

Kathpress

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