Donnerstag 21. September 2017

Flüchtlingskrise: Theologin sieht Europa vor "Epochenwandel"

Die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak

Wiener Pastoraltheologin Polak im "Kathpress"-Interview: "Wenn wir nicht lernen, mit MigrantInnen und Flüchtlingen zu leben, die in noch viel größerer Zahl kommen werden, könnte das in Barbarei enden."

Österreich und mit ihm ganz Europa steht angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise vor einem "Epochenwandel". Das hat die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak am 11. Juli 2015 im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur "Kathpress" unterstrichen. Neu sei nicht nur die Zahl der Flüchtlinge, die derzeit nach Österreich und in andere Länder Europas dränge, sondern auch die Vielzahl an unterschiedlich motivierten Flucht- und Migrationsgründen. Österreich reagiere weitgehend "konzeptlos" auf diese neue Herausforderung. Dabei sei das Problem akut: "Wenn wir nicht lernen, mit den MigrantInnen und Flüchtlingen zu leben, die in noch viel größerer Zahl kommen werden, könnte das in einer Barbarei enden", warnte Polak.

In Österreich stelle sie derzeit eine "starke Polarisierung" fest: eine "enorme Hilfsbereitschaft" und viel Engagement auf der einen Seite - und die Wiederkehr von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf der anderen Seite. Der Politik bescheinigt Polak in diesem Zusammenhang ein Versagen auf ganzer Front: "Wenn ich höre, wie viele Menschen bereit sind, Häuser, Zimmer, Wohnungen zur Verfügung zu stellen, und diese dann von der Politik abgelehnt werden, dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das gewollt ist: Denn so bleiben die Bilder von Zelten präsent - und das entspricht auf der Symbolebene der Aussage: Das Boot ist voll - auch wenn das ganz und gar nicht der Realität entspricht."

Von Seiten der Politik sei es an der Zeit, die Augen zu öffnen und einzuräumen, dass die Probleme, die Menschen zu Flüchtlingen werden lassen, "hausgemacht" sind: sei es durch ausbeuterische Wirtschaftspolitik, durch den in Kauf genommenen Klimawandel oder durch Krieg. Doch anstelle von Einsicht und politischer Weitsicht herrsche in Österreich eine weitgehende "Migrationsblindheit" vor. "Was werden wir unseren Kindern sagen, wenn sie uns in zwanzig, dreißig Jahren fragen, warum wir nicht rechtzeitig reagiert haben, obwohl die Entwicklungen absehbar waren?"



Verrohung der Sprache


Zugleich sei sie "schockiert" über die "sprachlichen Verschärfungen" in der politischen Debatte in Österreich, so Polak unter Verweis etwa auf Äußerungen von FP-Politikern im Parlament. Entgleisungen wie jene von Dagmar Belakowitsch-Jenewein ("... darin können sie schreien so viel sie wollen") zeigten "den Ungeist unappetitlicher Rassismen" - und die Tatsache, dass solche Äußerungen weitgehend konsequenzlos blieben zeige zugleich eine "erschreckende Desensibilisierung" des öffentlichen Diskurses. "Und mit der Verrohung der Sprache sinkt auch die Humanität und die Schwelle der Aggression." Österreich zahle im Blick auf die neuen Rassismen derzeit den "hohen Preis einer nicht aufgearbeiteten NS-Geschichte", so die Pastoraltheologin.

Aus kirchlicher Sicht gebe es eine Ungleichzeitigkeit zwischen europäischen Strukturen und jenen in der Kirche in Österreich. Während auf EU-Ebene bereits zahlreiche Einrichtungen, Angebote und Programme existierten, die sich mit Migrationsfragen befassen - und wo die Kirchen "wirkliche big player" seien -, seien die Kirchen in Österreich in dieser Frage "viel zu spät erwacht". Erst langsam dränge sich etwa bei Katholiken die Tatsache ins Bewusstsein, dass die katholische Kirche in Wien bis zu einem Drittel aus anderssprachigen Gemeinden besteht. "Es gibt offenbar eine eingelernte Ignoranz den eigenen Minoritäten gegenüber."



Migration ist "biblische Urerfahrung"


Dabei müsse Migration aus theologischer Perspektive viel stärker als eine Bereicherung und eine "biblische Urerfahrung" begriffen werden, so die Theologin. "Wir sollten die gegenwärtige Situation auch als Chance begreifen, aus unserer - wie es der Papst nennt - 'Herzensverhärtung' herauszukommen." Als Christ sei man durch Flucht- und Migrationsphänomene herausgefordert, sich Gedanken über das Zusammenleben von Menschen und über Fragen der sozialen Gerechtigkeit zu machen.

Von besonderer Bedeutung sind in der akuten Krise laut Polak auf "säkularer" Seite die Bürgermeister, auf kirchlicher Seite die Pfarrgemeinden und dort vor allem die Pfarrgemeinderäte: Denn wo die große Politik versage und Familien überfordert seien, ruhe die Hoffnung gerade auf der mittleren zivilgesellschaftlichen Ebene. Dort werde Widerstand geübt gegen politische Bevormundung, dort würden entsprechend Quartiere geschaffen und werde Menschen Hoffnung gegeben. "Die Pfarrgemeinderäte sind aus meiner Sicht ein wichtiger Schlüssel zur Lösung der Flüchtlingskrise", so Polak. Sie hätten Möglichkeiten, unbürokratisch und rasch Hilfe anzubieten - was auch in großem Ausmaß geschehe.

O-Töne des Gesprächs mit Regina Polak können unter www.kathpress.at/audio abgerufen werden.

 

Kathpress

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