Thursday 21. November 2019

Mutter und Ambivalenz

Von liebenden Müttern wimmelt es nur so in der Kunstgeschichte. Umso faszinierender war für mich die Begegnung mit einem Bild, das so gar nicht der Vorstellung einer ihr Kind beschützenden Mutter entspricht. 

Das weißlich-hellblaue Gemälde hängt im Wiener Belvedere und ist heute unter dem Titel "Die bösen Mütter" bekannt. Gemalt hat es im Jahr 1894 der Trentiner Künstler Giovanni Segantini - einer der Hauptvertreter des europäischen Symbolismus. Von weitem könnte man meinen, es handelt sich um die Darstellung einer alpenländischen Schneelandschaft mit einem knorrigen Baum im Vordergrund. Sieht man genauer hin, so erkennt man, dass in dem Baum eine Frau mit entblößtem Oberkörper hängt. Die roten aufgelösten Haare haben sich in dem dürren Geäst verfangen, der Körper windet sich in einer ekstatischen Befreiungsgeste nach oben. An der einen Brust trinkt ein aus dem Ast herauswachsender Säugling mit leicht bläulichem Gesicht.

 

Giovanni Segantini: Le cattive madri/Die bösen Mütter, 1894, Österreichische Galerie Belvedere Wien. © File Uploat Bot (Eloquence)/wikimedia.org (gemeinfrei)

 

Lange Zeit war man sich einig, dass Giovanni Segantini, der bereits als Kind Vollwaise war, mit diesem Bild ganz im Geiste der Jahrhundertwende den Egoismus von Frauen anklagen wollte, die ihre Mutterschaft ablehnen.

 

Ich habe dieses Bild nie so sehen können. Vielmehr haben mich weniger moralisierende, gegenwärtige Deutungen interessiert, die dieses Gemälde als Spiegel eines Konflikts zwischen dem Bild der Frau als Mutter und jenem als sinnliche Frau interpretieren. Gefesselt hat mich stets die Ambivalenz dieses Ausnahmebildes, das zeigt, dass Frauen auch als Mütter nicht nur Mütter sind. Jede auch noch so liebende Mutter kennt gerade in den ersten Monaten, die ganz von der Fürsorge um das neugeborene Kind dominiert werden, das Gefühl, ausgesaugt zu werden. Der Wunsch trotz Mutterschaft auch als arbeitende Frau und erotische Partnerin wahrgenommen zu werden, ist heute meist selbstverständlicher Teil eines vielschichtigen Mutter- und Frauenbildes. 

 

Quellenangabe:

Schwanberg, Johanna: Mutter und Innigkeit. In: kunst und kirche, Nr. 03/2010. S. 34.

 

Erstmals erschienen in:

Präsidium des Evangelischen Kirchbautages, in Verbindung mit dem Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg, Deutschland, vertreten durch Prof. Dr. Thomas Erne und Diözesan-Kunstverein Linz, in Verbindung mit dem Institut für Kunstwissenschaft und Philosophie, Katholisch-theologische Privatuniversität Linz, Österreich, vertreten durch Prof. DDr. Monika Leisch-Kiesl (Hrsg.) (2010): kunst und kircheMutter unser - Suche nach Mutterbildern in der Kunst. Nr. 3/2010. Wien/New York: Springer.

 

(sp)

MMMag. Hubert Nitsch
MMMag. Hubert Nitsch

Kunstreferent der Diözese Linz

"kunst und kirche"-Bücherregal

Sichtbar gemacht
Paul Klee: Abstraction with Reference to a Flowering Tree (1925) / National Museum of Modern Art, Tokyo. © Daderot/wikimedia.org

Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder,

sondern macht sichtbar…

(Paul Klee)

Kulturgüter der Orden
Im Blickpunkt: „kunst und kirche”
kunst und kirche. © Springer Verlag

„kunst und kirche”, seit 1971 als ökumenische Zeitschrift für Architektur und Kunst erscheinend, widmet sich immer wieder Themen wie neuen Kirchenbauten, religiösen Traditionen in Phänomenen der Gegenwartsarchitektur, Transformationen zentraler christlicher Inhalte in zeitgenössische Kunst oder der Rolle von Kunst im interreligiösen Dialog. Sie beleuchtet Kunst und Architektur vor einem philosophischen und religiösen Hintergrund. Günter Rombold als Doyen der Zeitschrift freut sich: „Ich finde, die Zeitschrift geht einen guten Weg. Die Kunst hat sich verändert, und die Zeitschrift greift diese jungen Positionen auf; das finde ich gut...”

Im Bild: Engel von Paul Klee

 

Impuls zu Paul Klees Engelbilder

Ausstellung „Paul Klee - Engel”

Hamburger Kunsthalle (2013)

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