Weltsuizidpräventionstag 2026: Dem Leben Sinn geben
Seit Mitte der 1980er-Jahre gehen die Suizide in Österreich in allen Altersgruppen kontinuierlich zurück. Dennoch starben im Jahr 2025 insgesamt 1.155 Menschen durch Suizid, 80 Prozent davon Männer, nennt Univ.-Prof. Thomas Niederkrotenthaler von der MedUni Wien die Zahlen. In Oberösterreich waren es 216. In absoluten Zahlen werden die meisten Suizide – etwa ein Drittel – im mittleren Lebensalter (45 bis 64 Jahre) verzeichnet. Die bevölkerungsbezogene Suizidrate steigt jedoch mit dem Alter an: Betrachtet man die relative Häufigkeit, zeigen sich in den höchsten Altersgruppen die höchsten Suizidraten.
Suizidprävention umfasse ein breites Bündel an Arbeitsbereichen, die darauf abzielten, Suizidalität in der Bevölkerung zu reduzieren, Menschen mit Suizidgedanken Hilfe zukommen zu lassen und Unterstützung nach erfolgten Suiziden bzw. Suizidversuchen zu geben, so der Suizidforscher.
Um Menschen in psychischen Belastungs- und Krisensituationen rasch zu unterstützten, arbeitet das Sozialressort des Landes Oberösterreich eng mit verschiedenen Organisationen zusammen. „Der Trägerverbund der Krisenhilfe OÖ, dem auch die TelefonSeelsorge OÖ angehört, bildet dabei eine wichtige Nahtstelle zwischen Erstkontakt, Akutintervention und weiterführenden Hilfsangeboten“, betont Sozial-Landesrat Christian Dörfel. Das niederschwellige Angebot der TelefonSeelsorge helfe dabei, Sorgen zu teilen, neue Perspektiven zu gewinnen und gemeinsam einen nächsten Schritt zu finden.
Sinn im Leben sehen als wichtiger Faktor für die psychische Gesundheit
Ein Faktor, der für die psychische Gesundheit und die Suizidprävention von großer Bedeutung ist, ist das Erleben von Sinn im eigenen Leben. Wer einen Sinn erkennt, findet oft auch Kraft, schwierige Zeiten zu bewältigen und Hoffnung für die Zukunft zu bewahren. Doch: „Viele Menschen erleben Phasen der Unsicherheit und Überforderung. Manche sehen allein keinen Ausweg“, sagt Dörfel.
Aktuell sind es politische Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit und die ständige Präsenz negativer Nachrichten, die viele Menschen verunsichern. Kommen auch noch private Krisen oder psychische Erkrankungen dazu, kann sich für manche die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen. „Der von vielen Menschen empfundene fehlende Sinn im Leben ist eine große Herausforderung unserer Zeit“, betonen die Leiterin der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142, Silvia Breitwieser und Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Referentin der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142. Wer keinen Sinn finde, sei weniger resilient. „Menschen, die ihren Alltag oder Teile davon als sinnvoll erleben, leben erfüllter, bewusster und psychisch gesünder“, so Lanzerstorfer-Holzner.
Sinn braucht Verbindungen und Verbunden-Sein
Sinn könne aus unterschiedlichen Bereichen geschöpft werden. „Dabei kann es um andere Menschen, die Gesellschaft, aber auch um Natur und Tiere gehen“, so Lanzerstorfer-Holzner. Sinnerfülltes Leben gelinge jedenfalls nicht allein. Es brauche Verbindung – mit sich selbst, mit anderen, mit Natur, Gesellschaft und dem Leben an sich.
Zwar wachse in Zeiten zunehmender Individualisierung die Sehnsucht nach Verbundenheit, Zugehörigkeit und echten Begegnungen, gleichzeitig seien aber viele Menschen von Einsamkeit betroffen, vor allem die jungen. Lanzerstorfer-Holzner: „Aktuelle Daten zeigen, dass 16 Prozent der unter 30‑Jährigen angeben, sich meist oder immer einsam zu fühlen.“ Einsamkeit mache auf lange Sicht psychisch und physisch krank. Betroffene würden ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken aufweisen.
Über den fehlenden Lebenssinn oder die Einsamkeit bzw. den Wunsch nach Zugehörigkeit zu sprechen, ist ein erster wichtiger Schritt. „Es zeigt sich, dass in suizidalen Krisen ein Gespräch schon sehr viel weiterhilft. Menschen brauchen die Gelegenheit, sich auszusprechen. Denn eine Kontaktaufnahme steht meistens ein Stück im Widerspruch zur Selbsttötungsabsicht. Der Mensch in einer suizidalen Krise sucht eine Person, die ihn versteht und seine Verzweiflung akzeptieren und ertragen kann“, so die Krisenbegleiterin. Eine solche Person zu finden, sei oft nicht einfach. Es brauche ein Gegenüber, das zuhöre, Anteil nehme und sich einfühle, ohne schnelle Lösungen anzubieten.
Genau das bieten die ausgebildeten Berater:innen der TelefonSeelsorge: Sie stellen ausreichend Zeit zur Verfügung, hören zu, zeigen Verständnis für die schwierige Situation und vermitteln Ratsuchenden das Gefühl, mit ihren Problemen nicht allein zu sein. Ziel ist es, in eine hoch angespannte Situation etwas Abstand, Ruhe und Klarheit zu bringen. Betroffene erhalten ein niederschwelliges Beziehungsangebot, das Verbundenheit schafft und dadurch Sicherheit gibt.
Oft hilft die Erfahrung, dazuzugehören und gehört zu werden
„Sinn bedeutet nicht, auf alles eine Antwort zu haben“, sagt Klemens Hafner-Hanner, Ehe-, Familien- und Lebensberater von BEZIEHUNGLEBEN.AT. Sinn bedeute, etwas zu haben, das trägt. Wichtig sei, sich die eigenen Ressourcen zu vergegenwärtigen: „Was tue ich gerne? Wer oder was hat in meinem Leben eine Bedeutung?“ Sinn entstehe vor allem dort, wo Menschen Verbundenheit erlebten. Familie, Partnerschaft, Freundschaften und Gemeinschaft geben Orientierung und Halt.
Die Familienberater:innen von BEZIEHUNGLEBEN.AT treffen auf viele Menschen, die unter Einsamkeit leiden, also mit den eigenen Sorgen und Gedanken auf sich allein gestellt sind. „Für diese Menschen ist die Frage nach dem Sinn oft besonders schmerzhaft, weil ihnen wichtige Erfahrungen von Zugehörigkeit und Nähe fehlen“, so Hafner-Hanner. Dauerhafte Einsamkeit könne Hoffnung rauben, das Selbstwertgefühl schwächen und das Gefühl verstärken, im Leben keinen Platz zu haben.
Gerade deshalb brauche es Orte, an denen Menschen miteinander in Kontakt kommen und neue Beziehungen aufbauen können, so der Experte: Treffpunkte, Vereine und Organisationen für ehrenamtliches Engagement und auch kirchliche Einrichtungen wie Pfarren. „Oft braucht es nicht die Suche nach dem großen Lebenssinn, sondern die Erfahrung, dazuzugehören, gehört zu werden und selbst etwas beitragen zu können.“
Zuhören ist für Hafner-Hanner die wichtigste Form der Unterstützung. Denn: „Sinn entsteht oft nicht durch große Antworten, sondern durch die Erfahrung, mit den eigenen Belastungen nicht allein zu sein. Beratung kann helfen, Orientierung zu finden und neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.“
Fachtagung „Dem Leben Sinn geben“
Am 9. September 2026 widmet sich die Fachtagung „Dem Leben Sinn geben“ im OÖ Nachrichten Forum in Linz von 14.00 bis 17.00 Uhr der Suizidprävention. Bei der Veranstaltung von BEZIEHUNGLEBEN.AT und der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142 erörtern Univ.-Prof. Thomas Niederkrotenthaler von der MedUni Wien, Primaria Adelheid Kastner vom Kepler-Universitätsklinikum Linz und der Psychotherapeut Univ.-Prof. Alfried Längle, wie Menschen dabei unterstützt werden können, dem Leben trotz schwieriger Umstände wieder Sinn zu geben. An der anschließenden Podiumsdiskussion beteiligen sich auch Katharina Raninger vom Kepler-Universitätsklinikum Linz und Silvia Breitwieser von der TelefonSeelsorge OÖ -Notruf 142. Moderiert wird die Diskussion von Christine Haiden.
BEZIEHUNGLEBEN.AT: Hilfe für Betroffene und Angehörige
BEZIEHUNGLEBEN.AT ist eine wichtige Anlaufstelle für Menschen in Lebenskrisen. Die geförderte Familienberatungsstelle betreibt in OÖ 27 Beratungsstellen, wo im Jahr 2025 mehr als 23.000 Beratungen für mehr als 9.300 Menschen durchgeführt wurden. Über die Telefonnummer 0732 / 77 36 76 können Termine für die kostenlosen Beratungsgespräche vereinbart werden. Diese werden vor Ort, per Telefon als Videoberatung, per Mail oder Chat angeboten. Die Berater:innen unterliegen der gesetzlichen Schweigepflicht. Auf der Website www.beziehungleben.at sind alle Beratungsstellen und Berater:innen aufgelistet.
TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142
Die TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142 ist ein kostenloses Beratungs-, Gesprächs- und Informationsangebot für Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder Krisen. Der amtliche, psychosoziale Notruf ist täglich rund um die Uhr unter der Nummer 142 erreichbar. Wer lieber schreibt, kann täglich von 16.00 bis 23.00 Uhr die Chatberatung (onlineberatung-telefonseelsorge.at) nutzen oder rund um die Uhr eine Anfrage an die Messenger-Beratung (0660 / 142 0 142) senden.
Kontakte für Rückfragen:
Univ.-Prof. Dr. Thomas Niederkrotenthaler, PhD, MMSc.
Medizinische Universität Wien
Zentrum für Public Health
Abteilung für Public Mental Health
Kinderspitalgasse 15/Parterre, 1090 Wien
Mail: thomas.niederkrotenthaler@meduniwien.ac.at
Web: www.public-health.meduniwien.ac.at/unsere-abteilungen/abteilung-fuer-public-mental-health
Sozial-Landesrat Dr. Christian Dörfel
Landhausplatz 1, 4021 Linz
Tel.: +43 732 7720-17 300
Mail: lr.doerfel@ooe.gv.at
Mag. Klemens Hafner-Hanner
Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberater, Psychotherapeut
Diözese Linz, Teamleitung Familienberatung
Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz
Tel.: +43(0)51785 -3515
Mail: klemens.hafner@dioezese-linz.at
Web: www.beziehungleben.at
TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142
Mag.a Silvia Breitwieser, Leiterin
Mag.a Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Referentin
Schulstraße 4, 4040 Linz
Tel.: +43(0)732/73 13 13
Mail: telefonseelsorge@dioezese-linz.at
Web: www.ooe.telefonseelsorge.at
Chat-, Messenger- und Mailberatung: onlineberatung-telefonseelsorge.at
Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid
Presseunterlagen zum Downlad
Pressemitteilung zum Download (doc/pdf)
Presseunterlage mit den einzelnen Statements
Fotos zum Download: © Diözese Linz / Maria Appenzeller (honorarfrei)


