Mittwoch 26. September 2018

Geschichten vom Pilgern

Mehr und mehr Menschen begeben sich auf eine mehrtägige Pilgerreise. Sie pilgern, um Ruhe zu finden, und häufig finden sie sich selbst. Also Vorsicht: Pilgern kann das Leben verändern.

Ein Pilger, der weit gewandert ist, ist der heutige Bad Ischler Pfarrer Mag. Christian Öhler. Er erinnert sich an eine Begegnung bei einer Pilger­reise im Jahr 2002: „Am Anfang des Weges, so zwischen Attnang und Vöcklabruck, haben wir im Schatten eines Baumes gerastet. Ein älteres Ehepaar hat sich zu uns gesellt. Er, ein Landwirt, hat nach einigem Nachdenken gemeint: ,Man sollte das beizeiten tun, denn sonst ist das wieder und das wieder – und dann hast du ’s Leben versäumt.‘“ Darüber sann Christian Öhler nach. Er kam zu dem Schluss: „Ja, da hat er schon recht damit. Du kannst das Leben versäumen, obwohl ständig was los ist, obwohl dir nie fad wird dabei.“

 

Pilgern sollte man mindestens drei Tage, erst dann setzt das Gefühl der Leichtigkeit ein.

Pilgern sollte man mindestens drei Tage, erst dann setzt das Gefühl der Leichtigkeit ein.  © Fotolia.com/PANORAMO

 

Mit dem Pilgern fing Christian Öhler als Abschluss einer intensiven Lebens- und Arbeitsphase an. „In meinen ersten sieben Jahren in Auwiesen, also von 1995 bis 2002, habe ich sehr viel gearbeitet. Aufbau der Pfarre Linz-Marcel Callo, Gottesdienste im Volkshaus, Tuchfabrik revitalisiert, fast jedes Jahr eine Einweihung, kaum freie Tage.“ Mit seinem langjährigen Freund und Priesterkollegen Franz Peter Handlechner pilgerte er danach in 100 Gehtagen von Linz nach Santiago. Viele Pilgerreisen folgten: Auf dem Berg Athos von Kloster zu Kloster. Nach Mariazell, Admont, Gurk, Altötting, Regensburg. Auf dem Jakobsweg durch die Bretagne zum heiligen Hilarius nach Poitiers. In Italien. In Serbien. Durch den Kosovo.

 

Am Anfang die Sehnsucht

 

Pilgern als Auszeit, um über das eigene Leben nachzusinnen, boomt. Gehen im Schatten des Waldes, an Flussläufen, bei Sonne, Regen, Schnee. Schritt für Schritt auf neuen inneren und äußeren Wegen. Seit Urzeiten ist es Menschen ein Bedürfnis, zu pilgern. Nicht nur religiöse Menschen machen sich auf den Weg, auch atheistische Gesellschaften verzeichnen einen Pilgerboom. Christine Dittlbacher, MAS, ist Pilgerreferentin der Diözese Linz. Sie analysiert: „Zuerst kam Wellness, dann Healthness. Mit Spiritualityness ist Pilgern an der Reihe. Die Menschen sind auf der Suche nach Religiosität, nach ihrer Rückbindung. Viele sind nicht mehr eingebunden in religiöse Traditionen, denn heute haben wir die Freiheit, nicht alles mitmachen zu müssen. In dieser Freiheit merken manche, dass etwas fehlt. Im Überfluss wächst die Sehnsucht nach Reduktion. Was brauche ich wirklich? Manche Menschen wollen sich überhaupt wieder einmal selbst spüren. Außerdem können wir es uns heute leisten, eine Auszeit zu nehmen.“
 

Aufbrechen zu neuen Wegen

 

Christine Dittlbacher kam durch Zufall zum Pilgern. Bei einem Urlaub mit dem Fahrrad in Irland beschloss die damals 19-Jährige lieber zu Fuß zu gehen. „Die Wege, die wir mit dem Rad entlangfuhren, waren uneben, eng, gefährlich. Ich klinkte mich aus und wanderte alleine auf den Pat-Ways, das sind irische Pilgerwege, die von einer Klosterruine zur nächsten führen. Das hat mir unglaublich gut gefallen.“ Das Gehen war ihr vertraut. Vater und Mutter waren begeisterte Bergwanderer. Weil an ihrem Elternhaus der Jakobsweg vorbeiführt, kam sie bereits früh in Kontakt mit Pilgerreisenden. „Die Pilger blieben manchmal über Nacht. Mein Opa hat sich oft mit ihnen unterhalten“, erzählt sie. Dazu gesellte sich das Interesse an Spiritualität sowie eine große Sehnsucht, Neues kennenzulernen. Christine Dittlbacher machte ihre Lust am Entdecken und Gehen zu einem Inhalt ihres Lebens. Im Jahr 2004 entwickelte sie eine Ausbildung für PilgerbegleiterInnen. Immer wieder erschließt sie neue Pilgerwege, zum Beispiel den neu eröffneten Martinusweg, der durch Oberösterreich nach Passau führt.

 

Unterwegs mit sich selbst

 

Pilgern ist ein therapeutischer Prozess. Er lässt sich in fünf Abschnitte einteilen: Dem Anlass folgen das Aufbrechen, Unterwegssein, Ankommen und das gewandelte Wieder-daheim-Sein. Pilgern sollte man mindestens drei Tage, denn ein innerer Prozess braucht Zeit. Oft beschränken sich Pilgernde auf die Wegerfahrung. Doch Pilgern heißt auch Wiederkäuen. Gedanken kommen, gehen. Nach einiger Zeit öffnet sich der Blick in die Weite der Landschaft und der eigenen Möglichkeiten. Klärungen bahnen sich an, Ideen reifen, wollen gelebt werden, während die Schöpfung die Pilgernden in ihrem Rhythmus mitnimmt. Es ist ein Unterschied, ob man flussaufwärts oder flussabwärts geht, ob Frühling oder Herbst ist. Beim Gehen verändert sich vieles. Pilgern heißt Stärken stärken. Es ist eine Methode zur Versöhnung mit sich selbst und anderen. Christine Dittlbacher beschreibt es so: „Pilgern macht mich gelassen und dankbar. Es macht mir Mut, meine Tatkraft steigt, meine Kreativität wächst und ich verspüre den Drang nach neuer Aktivität. Oder wie Sr. Melanie Wolfers sagt: ,Pilgern ist eine wunderbare Möglichkeit, Freundschaft mit sich selbst zu schließen.‘“


Kürzere Wanderungen mit spiritueller Begleitung können als spirituelle Wanderungen bezeichnet werden.

 

Von den Begegnungen unterwegs

 

Wenn Christian Öhler pilgert, schreibt er Tagebuch. „Pilgern ist anstrengend“, resümiert er. „Am Morgen musst du früh aus dem Bett. Denn Morgenstund’ hat Gold im Mund. Am Vormittag geht’s leicht. Nach dem Mittagessen wird’s mühsam. 30 Kilometer am Tag sind nicht ohne. Wenn der Tag drückend heiß ist, bist du dankbar, wenn dir jemand eine Wasserflasche mit frischem Wasser füllt.“ Am Abend beginnt die Suche nach einem Quartier. Bei einer Pilgerung teilte er sich ein Appartment mit einem Monteur, der Landmaschinen wartete. „Beim Frühstück kommen wir ins Gespräch. Ein bis zwei Wochen im Jahr nimmt er sich Zeit zum Meditieren, damit ihn der Alltag nicht fortträgt. Also auch eine Art Wartung. ,Wie Pilgern‘, meine ich, und als wir auseinandergehen, wünscht er mir noch einen guten Service.“

 

Übers Pilgern kann Christian Öhler (li) viel erzählen.

Übers Pilgern kann Christian Öhler (li) viel erzählen. © privat


Ankommen bei sich

 

Wer pilgert, wird ankommen. Während beim Weitwandern etwas Äußeres das Ziel darstellt, ist das Ziel des Pilgerns ein inneres. Letztlich geht es um jene tiefe Zufriedenheit, die aus vielen Dankbarkeiten rührt. Pilgern ist auch ein Lösungsweg. Mit spirituellen Impulsen begleiten Christine Dittlbacher und die nach ihrem Curriculum ausgebildeten PilgerbegleiterInnen die Pilgernden dabei. „Ich erinnere mich an eine Schwedin, die nicht schwanger werden konnte. Beim Pilgern entschied sie, ihr Schicksal anzunehmen und Pädagogin zu werden, um der Mütterlichkeit, die sie in sich spürte, gerecht zu werden. Nach Monaten schrieb sie mir: Liebe Christine, ich habe die Ausbildung begonnen. Jetzt muss ich sie unterbrechen. Ich bin schwanger.‘“

 

Gewandelt wieder daheim

 

Von Lebensveränderungen nach einer Pilgerreise kann Christine Dittlbacher viel erzählen: „Da war dieser Mann, der zwei Jahre lang gegen Leukämie kämpfte, obwohl ihm die Ärzte nach der Diagnose nur noch drei Wochen Lebenszeit prognostiziert hatten. Er wurde geheilt und pilgerte aus Dankbarkeit. Wieder daheim, beschloss er, nicht mehr in seinen Job in der Pharmaindustrie zurückzukehren, und ging zu ,Ärzte ohne Grenzen.‘“ Bei einer anderen Pilgerreise war eine Frau dabei, die immer wieder vom unglücklichen Verhältnis zu ihrer Tochter sprach. Seit Jahren bestand kein Kontakt. Mitpilgernde fanden die Nummer der Tochter heraus, riefen sie an und erzählten, wie sehr die Mutter unter der Situation litt. „Plötzlich hielt ein Auto auf der Strecke. Die Tochter stieg aus und ging auf ihre Mutter zu. Aber die wandte sich ab. Die Tochter ließ sich nicht beirren. Sie pilgerte die ganze Woche mit. Am Ende stiegen Mutter und Tochter gemeinsam ins Auto.“ Doch es gibt auch Paare, die nach einer gemeinsamen Pilgerreise beschließen, getrennte Wege zu gehen.

 

Was wäre, wenn Christian Öhler nie zu pilgern angefangen hätte? „Wer weiß, vielleicht wäre ich ausgebrannt. Jedenfalls wäre ich nicht so zufrieden mit meinem Leben, wie ich es sein darf.“ Und Christine Dittlbacher? Sie lacht: „Das kann ich mir jetzt gar nicht vorstellen.“

 

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Dieser Artikel erschien in der Juli/August-Ausgabe 2018 der MitarbeiterInnen-Zeitung der Diözese Linz.  Autorin ist Maria Appenzeller.

 

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