Sunday 29. November 2020

Weil Menschenwürde eine Rolle spielt

Vor den (Theater-)Vorhang geholt wurde im wahrsten Sinn des Wortes das Engagement gegen Menschenhandel am 18. Oktober 2020 im Linzer Musiktheater. Der Erlös der Benefizmatinee kommt entwürdigten, traumatisierten Frauen zugute.

Menschenhandel ist für jene, die ihn betreiben, ein gutes Geschäft – und es gibt ihn auch in Oberösterreich. Extreme Armut und Notsituationen bewegen Frauen dazu, ihre Heimatländer zu verlassen. Mit falschen Versprechungen und der Hoffnung auf ein besseres Leben werden sie in eine fatale Falle gelockt: Sie geraten umgehend in finanzielle Abhängigkeit und sind mit ihren Ausweispapieren auch ihre Identität los. In Hilflosigkeit und Angst gefangen, sind sie der Androhung und Ausübung von psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt. Ausbeuterische Beziehungen und Arbeitsverhältnisse, in die sie hineingezwungen werden, berauben diese Frauen und Mädchen ihrer Freiheitsrechte und ihrer Würde. Hinter Zwangsprostitution steht ein kriminelles Netzwerk; Frauenhandel und Zwangsprostitution sind eine Verletzung der Menschenrechte.

 

 

Kunst, die unter die Haut geht

 

Sie sind seit einiger Zeit NetzwerkpartnerInnen für Menschenwürde: die Initiative „Aktiv gegen Menschenhandel – aktiv für Menschenwürde in OÖ“ der Salvatorianerin Maria Schlackl und das Linzer Landestheater. Gemeinsam luden sie am 18. Oktober 2020, dem 14. Europäischen Tag gegen Menschenhandel, um 11.00 Uhr zur Benefizmatinee ins Hauptfoyer des Linzer Musiktheaters ein. Unter dem Titel „Menschenwürde – du spielst eine Rolle“ erlebten die BesucherInnen ein berührendes Programm mit Musik, Tanz, Kurzfilm, Performance, Erzählungen von Frauen und Freiern, Resonanzen und Gesprächen. Daniela Dett und Christian Fröhlich (Musicalensemble), Michael Wahlmüller mit dem Ensemble Lentia Nova und die Dance Company Variable beeindruckten mit künstlerischen Umsetzungen des Themas, die unter die Haut gingen. Der Erlös der Veranstaltung kommt entwürdigten, traumatisierten Frauen mit ihren Kindern zugute.

 

Musical-Darstellerin Daniela Dett
Dance Company Variable
Michael Wahlmüller mit dem Ensemble Lentia Nova
Regisseurin Carola Maier
Christian Fröhlich als Freier
Tom Bitterlich am Klavier.
Kunst und Kirche als Netzwerk gegen Menschenhandel.

© Diözese Linz / Tauber

 

 

Dank und Respekt von Bundespräsident van der Bellen

 

Bundespräsident Alexander van der Bellen hatte eine Video-Grußbotschaft geschickt, in der er Schwester Maria Schlackl und ihrer Initiative für ihr Engagement dankte: „Diejenigen, die sich aktiv engagieren, wissen, dass es schwierig ist, den Opfern eine Stimme zu geben, ihnen zu helfen, ein freies, würdevolles Leben zu führen. Menschen wie Sr. Maria Schlackl erleben mit ihrem humanitären Engagement Zustimmung und Dankbarkeit, aber auch Widerspruch im öffentlichen Diskurs, sogar Kritik. Und trotzdem tun sie es. Respekt und danke!“ Das große, unsichtbare Geschäft mit der Ware Mensch sei Realität, so van der Bellen – eine Realität, an die man sich niemals gewöhnen dürfe: „Sonst kann es jenes Österreich, jenes Europa, das wir alle wollen, nicht geben: wo die Menschenrechte für alle gelten und wo die Menschenwürde unantastbar ist.“

 

Grußbotschaft von Bundespräsident Alexander van der Bellen.

 

 

Es braucht Bewusstseinsbildung und Ausstiegshilfen

 

Schwester Maria Schlackl gehört dem Orden der Salvatorianerinnen an und hat 2014 die Initiative „Aktiv gegen Menschenhandel – aktiv für Menschenwürde in OÖ“ gegründet, die gegen Gewalt gegenüber Frauen, Zwangsprostitution und Menschenhandel kämpft. Mit ihrem Engagement unterstützen Schwester Maria Schlackl und ihr Team sowie andere Ordensfrauen aus unterschiedlichen Gemeinschaften den Verein SOLWODI (Solidarity with women in distress – Solidarität mit Frauen in Not), der 1985 in Kenia gegründet wurde und inzwischen auch in Deutschland, Rumänien und Österreich aktiv ist. SOLWODI setzt sich für eine Verbesserung der Stellung von Frauen ein, die in ihren Heimatländern oder in Europa in eine extreme Notlage geraten sind – bis hin zur Zwangsprostitution. Seit 2012 gibt es den Verein SOLWODI Österreich, der betroffene Frauen durch Beratung, Begleitung und Schutz – etwa durch anonyme Schutzwohnungen – unterstützt und durch öffentliche Veranstaltungen die Bewusstseinsbildung vorantreibt. Die Arbeit des Vereins wird ausschließlich durch Spenden finanziert.

 

Sr. Maria Schlackl erinnerte in ihren Begrüßungsworten bei der Benefizmatinee daran, dass die in der Menschenrechtserklärung festgeschriebene Würde jedes Menschen mit der Wirklichkeit oft nicht in Einklang stehe. Schlackl: „Hängt das Recht auf Würde vielleicht für manche Personen versperrt in einem Schrank in der Garderobe des großen Welttheaters – dort, wo sie persönlich keinen Zugriff mehr haben bzw. nie hatten? Wer hat den Schlüssel dazu? Können sie selbst bestimmt agieren? Ihre eigene Würde schützen – vor fremdem Zugriff?“ Sie sei dankbar, dass diese Fragen im Linzer Musiktheater, in einem Haus für „Lebenskunst“ gestellt würden, so Schlackl.

 

Es brauche die Vernetzung im Engagement für ein würdevolles Menschsein, „für eine Gesellschaft, in der Frauen und Kinder nicht zur Ware degradiert und in der Sexbranche missbraucht werden dürfen“. Schlackl forderte Aufklärung und Bewusstseinsbildung schon in den Schulen, aber auch Ausstiegshilfen und Perspektiven in Form von Alternativen für Frauen, die in Zwangsprostitution festgehalten und ausgebeutet werden. In anderen EU-Staaten werde all dies bereits realisiert bzw. diskutiert. Schlackl: „Leid und Traumata der Betroffenen sind unbeschreiblich – und der Einstieg in ein würdevolles Leben gestaltet sich hürdenreich. Viele dieser betroffenen Frauen sind hier in Österreich, weil sie betrogen wurden und Menschenhändler weltweit Milliarden verdienen. An das Geschäft mit der Ware Mensch dürfen wir uns nicht gewöhnen – wir, das sind Kirche, VerantwortungsträgerInnen des öffentlichen Lebens, letztlich die gesamte Gesellschaft.“

 

 

Kunst als Einführung in das Leben

 

Der Gastgeber der Matinee, Intendant Hermann Schneider, meinte in seinen Begrüßungsworten: „Viele Theaterschaffende und KünstlerInnen versuchen seit Jahren, die Thematik in den Kunstwerken der Vergangenheit zu entdecken und auf die Bühne zu bringen. Viele Menschen empören sich darüber und meinen, das habe doch nichts mit hehrer Kunst und Erbauung zu tun. Aber die Kunst ist die Einführung in das Leben – das ist unser Auftrag. Sie hilft uns, darüber nachzudenken, wie wir leben, gelebt haben und wie wir leben wollen. Es ist unser Selbstverständnis als KünstlerInnen, deswegen so unsere Kunst zu machen.“ Proteste gegen ökonomische Einschnitte und Veränderungen im Kulturbereich zielten genau darauf ab: der Kunst weiterhin eine Stimme zu geben und die Möglichkeit, sich zu artikulieren: „in Form unserer Kunstwerke und in einem Foyer, in dem sich die Gesellschaft begegnet und darüber nachdenkt, wie wir eigentlich leben wollen oder lieber nicht leben wollen“, so der Intendant.

 

Schwester Maria Schlackl und Intendant Hermann Schneider
Intendant Hermann Schneider

© Diözese Linz / Tauber

 

 

Entwürdigung öffentlich zum Thema machen

 

In einer Gesprächsrunde wurden Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Kunst gefragt, was sie von der Veranstaltung in ihren Alltag mitnehmen. Bischof Manfred Scheuer dazu: „Hinter dem Thema Menschenhandel stehen konkrete Gesichter, Geschichten, Schicksale, die unverwechselbar sind. Damit ist konkretes Leid, konkrete Entwürdigung und auch Entrechtung verbunden. Dies alles gilt es medial und politisch zu benennen.“


Soziallandesrätin Birgit Gerstorfer betonte: „Ausbeutung, ob nun sexuelle Ausbeutung oder Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt, hängt immer zusammen mit Armut, mit prekären Lebensverhältnissen. Daher werde ich weiterhin das Thema Armutsbekämpfung überall, wo ich kann, auf die Tagesordnung bringen.“


Superintendent Gerold Lehner fragte: „Wer wollen wir Männer sein? Wollen wir uns auf Instinktgesteuertheit reduzieren? Ist der Mensch ein Instinktwesen oder ist er ein Kulturwesen? Wir müssen uns bewusst sein, dass wir von Gott her Königskinder sind – und das eigentliche Ethos eines Königskindes ist es, seiner Berufung gemäß zu leben. Das bedeutet unglaubliche Schönheit und Wertschätzung eines und einer jeden von uns – und gleichzeitig eine große Verantwortung, in der wir stehen.“

 

Gesprächsrunde mit Bischof Manfred Scheuer, LAbg. Christian Kolarik, Landesrätin Birgit Gerstorfer, Superintendent Gerold Lehner und Intendant Hermann Schneider. Ganz rechts: Moderator Peter Wesely

Gesprächsrunde mit Bischof Manfred Scheuer, LAbg. Christian Kolarik, Landesrätin Birgit Gerstorfer, Superintendent Gerold Lehner und Intendant Hermann Schneider. Ganz rechts: Moderator Peter Wesely.

 


Landtagsabgeordneter Christian Kolarik: „Menschenhandel insgesamt und sexuelle Ausbeutung im Besonderen ist ein vielschichtiges Thema. Die Frage ist: Wie schafft man es, auf dem Markt die Nachfrage einzudämmen? Es braucht aber auch Veränderungen im Opferschutz, in der Strafverfolgung, in der Legistik. Unsere Aufgabe dazu muss es darüber hinaus sein, dass in den Herkunftsländern gerechte Verhältnisse hergestellt werden, damit man dem Menschenhandel seinen Boden entzieht.“

 

Intendant Hermann Schneider betonte: „Mir kommt zu diesem Thema in den Sinn: „Think Global, act local“. Think global: Da sind die Strukturen und Netzwerke, aber auch wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten und Interessen, die dieses System hervorrufen. Es geht nicht nur um Sexualität, sondern um Machtverhältnisse und um eine patriarchale Gesellschaftsstruktur, in der die Männer das Sagen haben. Act local: Wir können Theater politisch machen, damit wir ein Irgendwo haben, von dem wir sagen: Da wollen wir leben, da wollen wir hin. Das Ästhetische und das Religiöse sollten Fixsterne sein, an denen wir uns immer messen.“

 

 

Stand 16.11.2020

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