Dienstag 19. Februar 2019

Bischof Manfred Scheuer lud zum Agrardialog

Zum Agrardialog zum Thema „Landwirtschaft verwurzelt im Glauben“ lud Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer die Mitglieder des Netzwerk Agrar und Führungspersönlichkeiten des OÖ Bauernbundes am 5. Februar 2019 in den Festsaal des Linzer Bischofshofes.

Organisiert wurde die Begegnung im Linzer Bischofshof vom Netzwerk Agrar des OÖ Bauernbundes und vom bischöflichen Referenten Mag. Andreas Kaltseis. Etwa 60 Interessierte folgten der Einladung, unter ihnen der Obmann des OÖ Bauernbundes Agrar-Landesrat Max Hiegelsberger, die Direktorin des OÖ Bauernbundes Maria Sauer, der designierte Direktor der Landwirtschaftskammer Oberösterreich Mag. Karl Dietachmair, der Obmann des Netzwerk Agrar DI Karl-Heinz Schaurhofer, BA und der Referent des Netzwerk Agrar DI Wilfried Söllradl. Beim „Agrardialog“ diskutierte Bischof Manfred Scheuer nach einem Impulsvortrag mit seinen Gästen über das Verhältnis von Kirche, Glaube und Landwirtschaft.

 

Bischof Manfred Scheuer kennt die Landwirtschaft aus seiner eigenen Kindheit, stammt er doch von einem Nebenerwerbsbauern ab. Er sieht die Landwirtschaft als eine Geschichte des Wandels und der Herausforderungen: In den letzten Jahren sind massive Umbrüche in den Wertordnungen, in der technischen Entwicklung und im ländlichen Raum insgesamt festzustellen. Auch die Einstellung zu den Lebensmitteln hat sich gewandelt – von der Wertschätzung des Brotes, wie Bischof Manfred sie als Bäckerssohn in früherer Zeit erlebt hat, zum leichtfertigen Wegwerfen von Lebensmitteln heute.

 

Der Obmann des Netzwerk Agrar DI Karl-Heinz Schaurhofer, BA und Bischof Manfred Scheuer mit etwa 60 Gästen des Agrardialogs im Festsaal des Linzer Bischofshofes.
Der Obmann des Netzwerk Agrar DI Karl-Heinz Schaurhofer, BA
Agrardialog mit Bischof Manfred Scheuer und Mitgliedern des Netzwerk Agrar des OÖ Bauernbundes.

© Diözese Linz / Kraml

 

 

Landwirtschaft – eine Geschichte des Wandels und der Herausforderungen

 

In seinem Vortrag nahm Bischof Scheuer eingangs auf Dokumentarfilme wie „Unser täglich Brot“ oder „We feed the world“ Bezug, die sehr deutlich die Zusammenhänge zwischen industrieller Nahrungsmittelproduktion und Globalisierung, zwischen Überfluss auf der einen und Mangel auf der anderen Seite aufzeigen. Bischof Scheuer nannte dazu sprechende Zahlen: „Tag für Tag wird in Wien gleich viel Brot entsorgt, wie Graz verbraucht. 20 Prozent des Brotes in Wien müssen weggeworfen werden, konnte man den Medien entnehmen, weil die KundInnen noch am Abend frisches Brot im Supermarktregal erwarten. Auf rund 350.000 Hektar, vor allem in Lateinamerika, werden Sojabohnen für die österreichische Viehwirtschaft angebaut, daneben hungert ein Viertel der einheimischen Bevölkerung. Jede Europäerin und jeder Europäer essen jährlich zehn Kilogramm künstlich bewässertes Treibhausgemüse aus Südspanien, wo deswegen die Wasserreserven knapp werden.“

 

Scheuer zeichnete die Geschichte der Landwirtschaft als Geschichte eines Wandels: „Meine beiden Großmütter hatten im Alter einen Buckel. Die eine war Bäuerin, die andere Bäckerin und Bäuerin. Beide hatten viele und schwere Lasten zu tragen, etwa Mehl- oder Getreidesäcke. Die Technik hat viele unwürdige, auch gesundheitsschädigende Arbeitsplätze geschluckt. Körperliche, gesundheitsschädliche Belastungen wurden an vielen Arbeitsplätzen geringer. Auch im land- und forstwirtschaftlichen Bereich hat sich sehr viel verändert.“ Maschinen und Technik hätten aber auch neue Erschwernisse geschaffen und zu anderen, neuen Formen der Abhängigkeit und Belastung geführt, deren Formen vielfältig seien, so Scheuer: „Ein Nebenverdienst, eine zweite Arbeitsstelle, eine neue Fülle an Aufgaben und Verantwortung, finanzielle Belastungen durch teure Maschinen etc. Gerade solche finanziellen Belastungen oder Versuche, unrentable Betriebe möglichst lange am Leben zu erhalten, führen oft zu einer Armut, die auch im ländlichen Bereich keine Seltenheit ist, wenn sie auch kaum offen gezeigt wird.“

 

Landwirtschaft sei eine Geschichte des Wandels und der Herausforderungen, eine Geschichte der harten Arbeit, so Scheuer weiter: „Da waren Zeiten der Not und des Elends, der Kriege und der offenen oder versteckten Armut. Schwere wirtschaftliche Einbrüche kennzeichneten immer wieder die Zeit. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen um gerechte Preise für Lebensmittel und Produkte aus dem ländlichen Raum, oft dabei die Verweigerung dieser Gerechtigkeit. Massive Umbrüche in den Wertordnungen, in der technischen Entwicklung und im ländlichen Raum insgesamt sind festzuhalten. Der Wandel ist dramatisch: Vor 100 Jahren lebten mehr als 60 Prozent der Bevölkerung auf Bauernhöfen, jetzt sind es 2 Prozent. Es ist eine Geschichte der Abschiede und des Lassens, aber auch der Gestaltung und der Stärke. Es gab Zeiten vielfältiger Form der Kooperation, der Nachbarschaftshilfe, des Vereinslebens, aber auch Zeiten der Ausdünnung der Infrastruktur auf dem Land, der Reduzierung öffentlicher Dienstleistungen, auch der Abwanderung von Nahversorgern. Die familiären Strukturen haben sich grundlegend gewandelt. Die frühere Großfamilie mit vielen Kindern gibt es praktisch nicht mehr. Konflikte zwischen den Generationen, zwischen Alt und Jung gehören dazu. Nicht selten herrscht bei diesen Konflikten Sprachlosigkeit und Gesprächsverweigerung. Bauern finden oft keinen Hofübernehmer. Für Jungbauern wird es immer schwerer, eine Partnerin zu finden. – Brücken zu schlagen zwischen Alt und Neu, zwischen Jung und Alt und darüber hinaus zu Familien, die neu in ein Dorf zuwandern, ist eine wichtige Aufgabe und Herausforderung.“

 

Agrardialog im Linzer Bischofshof

Bischof Manfred Scheuer mit 60 Mitgliedern des Netzwerk Agrar. © Diözese Linz / Kraml

 

So wie der ländliche Raum hätten sich auch die Aufgaben der Landwirtschaft gewandelt und umfassten nun neben der Nahrungsmittelproduktion auch die Landschaftspflege, die Bewahrung der Umwelt und die Erhaltung des Lebensraums. Scheuer: „Gott sei Dank ist es hierzulande das Ziel, flächendeckend zu bewirtschaften, nicht nur bei besten Voraussetzungen des Klimas und des Bodens zu produzieren. Ohne bäuerliche Betriebe gibt es keine Kulturlandschaft.“ Als Grundgesetz bäuerlichen Handelns nannte der Bischof die Nachhaltigkeit. Zu ihr gehöre der Schutz wertvoller Ressourcen ebenso wie die Erhaltung der Artenvielfalt und die Frage nach den Zielen. Der Bischof wörtlich: „Es wäre fatal, wenn sich Landwirtschaft wie in anderen Ländern auf industrielle Produktion von Lebensmitteln reduzieren würde. Eine ökosoziale Agrarpolitik verfolgt die Gleichwertigkeit wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Ziele in der Landwirtschaft. Eine solche Politik bringt sicher manche Nachteile, sie eröffnet aber auch Lebenschancen und Zukunftsperspektiven.“ Auch die Kirche frage nach dem Ziel von Arbeit und Wirtschaft und danach, was dem Menschen, dem Leben und der Schöpfung diene. „Kriterien sind die Achtsamkeit für die Würde der Person und die Verantwortung für die Schöpfung. Es geht darum, das Prinzip Nachhaltigkeit in Handlungsstrategien und Entscheidungsprozesse einzubringen“, so Scheuer.

 

Der Diözesanbischof sprach sich darüber hinaus für die Bedeutung von Bräuchen („Der Mensch braucht Bräuche wie das tägliche Brot“) und gegen eine Aushöhlung der Sonntagsruhe aus: „Die Sonntagsruhe macht deutlich: Der Mensch ist mehr als ein Produktionsfaktor, seine Würde berechnet sich nicht nach seinem Marktwert. Der Sonntag ist eine Form der Muße, das heißt, der Zustimmung zur Welt und zum Leben im Ganzen, ein Tag der Orientierung, der Vergewisserung des Lebenssinnes, der Öffnung auf Gott hin. Er ist ein Tag der Gemeinschaft, der Kultur und der Pflege gesellschaftlicher Intimräume wie Familie und Freundschaft. Die Pflege des Sonntags wirkt so der Vereinsamung und Anonymität in der heutigen Gesellschaft entgegen.“

 

 

Papst-Enzyklika Laudato si: Plädoyer für die kleinbäuerliche Landwirtschaft

 

Bischof Scheuer wies auch auf die Bedeutung der Papst-Enzyklika Laudato si für die Landwirtschaft hin. Die Enzyklika halte grundsätzlich ein Plädoyer für die kleinbäuerliche Landwirtschaft. Der Papst dazu: „Die Verantwortungsträger haben das Recht und die Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen, um die Kleinproduzenten und die Produktionsvielfalt klar und nachdrücklich zu unterstützen. Damit es eine wirtschaftliche Freiheit gibt, von der alle effektiv profitieren, kann es manchmal notwendig sein, denen Grenzen zu setzen, die größere Ressourcen und finanzielle Macht besitzen.“ (LS 129) Franziskus weiter: „Um die Grundfragen in Angriff zu nehmen, die nicht durch Maßnahmen einzelner Länder gelöst werden können, ist ein weltweiter Konsens unerlässlich, der zum Beispiel dazu führt, eine nachhaltige und vielgestaltige Landwirtschaft zu planen, erneuerbare und möglichst umweltfreundliche Energieformen zu entwickeln, eine größere Energieeffizienz zu fördern, eine angemessenere Verwaltung der Ressourcen aus Wald und Meer voranzutreiben und allen den Zugang zu Trinkwasser zu sichern.“ (LS 164)

 

Aus den Ausführungen des Papstes in Laudato si lasse sich ableiten, dass der Landwirtschaft insgesamt eine Schlüsselrolle für eine zukunftsfähige Entwicklung des Öko-Systems zukomme, so Scheuer. Der Bischof: „Bäuerinnen und Bauern fällt in einem hohen Maße der Erhalt von Boden und Kulturflächen zu, sie verantworten zu einem Gutteil die Ernährung der Menschen. Das bedingt einen schonenden Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Das ist einerseits eine große Herausforderung, andererseits aber eine sehr herausragende Stellung: Sie sind privilegierte ‚Beschützer des Werkes Gottes‘, was ein nachhaltiges Wirtschaften mit Augenmaß, einen schonenden Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen und einen achtsamen Umgang damit einfordert. Gleichzeitig muss ihnen von der Gesellschaft entsprechende Anerkennung gebühren und von der Politik Rahmenbedingungen ermöglicht werden, um diesem Auftrag angemessen nachkommen zu können.“

 

Bischof Manfred Scheuer lud zum Agrardialog in den Linzer Bischofshof.

Bischof Manfred Scheuer bei seinem Impulsreferat. © Diözese Linz / Kraml

 

„Die Herausforderungen der europäischen Landwirtschaft: ein Spreizstand mit vielen Beinen“

 

Scheuer skizzierte auch die Herausforderungen der EU-Agrarpolitik: „Die durch Überbewirtschaftung und hohen Düngemitteleinsatz entstandenen Umweltschäden, vor allem an Luft und Grundwasser, haben zu einem Meinungsumschwung geführt. Landwirtschaft muss heute umweltbewusster produzieren. Der Schutz von Boden und Wasser, die Erhaltung der Biodiversität, Tierschutz und artgerechte Tierhaltung, die Vermeidung von Treibhausgasen um die Klimaschutzziele zu erreichen – all diesen in Auflagen verpackten (durchaus berechtigten) Forderungen muss heute genügen, wer noch Landwirtschaft betreiben will. Viele Landwirte entscheiden sich deswegen, ihren Betrieb aufzugeben: Er ist nicht mehr rentabel, selbst im Nebenerwerb nicht.“ LandwirtInnen würden sich häufig zu Recht als Opfer fühlen, so Scheuer: „Sie sollen ausreichend günstige Nahrungsmittel produzieren und gleichzeitig eine lebenswerte Umwelt für zukünftige Generationen erhalten. Sie bezweifeln zurecht, ob die Gesellschaft bereit ist, dafür auch den entsprechenden Preis zu bezahlen. Für Umweltschutzmaßnahmen werden sie durch Direktzahlungen entschädigt, aber das ‚core-business‘, die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte, steht unter großem Preisdruck.“

 

Die Herausforderungen, vor denen die europäische Landwirtschaft stehe, nannte Scheuer einen gewagten Spreizstand auf vielen Beinen: „Einerseits möchte man aus der europäischen Landwirtschaft einen krisenfesten Wirtschaftssektor machen, der den Landwirten Einkommenssicherheit bietet und sie gegen Marktschwankungen weitgehend abschirmt. Gleichzeitig möchte man den Beruf des Landwirts wieder attraktiv für junge Menschen machen und der Landflucht entgegenwirken. Andererseits soll Landwirtschaft innovativ werden und neue Technologien und Pflanzenzuchtmethoden anwenden, die eine ‚ressourcenschonende und höchst effiziente Präzisionslandwirtschaft‘ ermöglichen, wofür große Investitionen in die Infrastruktur des ländlichen Raums notwendig werden. Und schließlich soll die Landwirtschaftspolitik den ländlichen Raum insgesamt als «lebenswerten Raum» stärken. Dabei soll das eigentliche Ziel landwirtschaftlicher Aktivität nicht vergessen werden: die Erzeugung ‚schmackhafter, sicherer und billiger Lebensmittel‘, die auch im nicht-EU-Ausland abgesetzt werden sollen, in der Hoffnung, hier wachsende Märkte zu finden. Ist all das von der Landwirtschaftspolitik wirklich zu schaffen?“

 

Vortrag von Bischof Scheuer zum Download und Nachlesen

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