20. Sonntag im Jahreskreis
6 Und die Fremden, die sich dem HERRN anschließen,
um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben,
um seine Knechte zu sein,
alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und die an meinem Bund festhalten,
7 sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen
und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets.
Wenn die Gesetzestexte nicht nur überliefert und wörtlich genommen werden, sondern zum Wohl aller „gerecht“ praktiziert werden, dann „kommt mein Heil und offenbart sich meine Gerechtigkeit“, so lautet Gottes Zusage. Grammatikalisch dürfen hier sowohl „mein Heil“ (jeschuah) als auch „meine Gerechtigkeit“ (zädak) wie Personen auftreten.
Was das heißt, „sich dem HERRN anschließen“, das führen die Verse 6 und 7 aus. Zum einen: ihm dienen, nur sein Knecht sein, sich von nichts anderem versklaven zu lassen – eben den Sabbat (= die Freiheit!) zu halten. Wörtlich bedeutet Sabbat „aufhören“ (zu arbeiten), also sich eine Auszeit zu nehmen. Zum anderen: seinen Namen (Ich-bin-da) zu lieben, sich von ihm im Gebet erfreuen lassen.
Evangelium: Mt 15,21-28
21 In jener Zeit zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief:
Hab Erbarmen mit mir,
Herr, du Sohn Davids!
Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
23 Jesus aber gab ihr keine Antwort. (…)
Diese Erzählung ist ein wahrer Klassiker im Blick auf die Rolle der Frauen in der Jesusbewegung. „Jesus lernt von einer Frau!“ – so könnte man sie auch überschreiben.
Tatsächlich verändert Jesus seine inhaltliche Position im Verlauf des Dialoges mit der kanaanäischen Frau. Wie die Jünger sich am Ende positionieren, lässt der Text offen. Dass Jesus seine Position verändert, ist außerordentlich in den Evangelien. Zwar „entweicht er“ (so wörtlich in Mt 15,21) der weiteren Konfrontation mit den jüdischen Autoritäten. Aber im Disput hat er seine inhaltliche Position klar artikuliert und nicht verändert (Mt 15,1-20). Auch auf die Bitte des heidnischen Hauptmanns in Kafarnaum (Mt 8,5-13) reagierte Jesus sofort – ohne Nachdenken über evtl. „Zuständigkeiten“. Die kanaanäische Frau hat von Anfang an (noch mehr als der Hauptmann“) das richtige Bekenntnis: „Herr, Sohn Davids“. Damit erkennt sie ihn als Messias an. Das Problem für Jesus ist nicht einfach die „heidnische Herkunft“ der Frau, sondern offensichtlich, dass sie am falschen Ort ist. Sie ist „außerhalb“ Israels.
Vermutlich spiegelt sich darin eine echte Frage der Gemeinde des Matthäus: Wie weit geht unser Bereich? Und die Antwort hier lautet: auf jeden Fall bis Tyros und Sidon und schließlich bis „zu allen Völkern“ (vgl. Mt 28,19). Denn die Matthäusgemeinde besteht überwiegend aus Judenchristen, die wohl der Überzeugung waren, dass Menschen aus heidnischen Völkern, die zu Jesus, dem jüdischen Messias, gehören wollten, dafür erst Juden werden sollten. Hier wird Jesus selbst als Lernender dargestellt, der durch die Frau verstehen lernt, dass Gottes Heil viel umfassender ist als seine Sendung zu Israel (V. 24), nämlich universal. Und dass die Abwertung von anderen Völkern („Hündchen“) aus eigenem Erwählungsbewusstsein damit aufgehoben ist.