4. Sonntag der österlichen Bußzeit 16. 3. 2026
Evangelium: Joh 9,1-41
In jener Zeit 1 sah Jesus unterwegs einen Mann,
der seit seiner Geburt blind war.
2 Da fragten ihn seine Jünger:
Rabbi, wer hat gesündigt?
3 Er selbst
oder seine Eltern,
sodass er blind geboren wurde?
3 Jesus antwortete:
Weder er noch seine Eltern haben gesündigt,
sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. (...)
Jesus öffnet einem blind geborenen Menschen die Augen – zum ersten Mal in seinem Leben kann er sehen. Und er sieht nicht nur mit den Augen: Er sieht Jesus als Licht der Welt, er sieht Konflikte mit Pharisäern, er sieht seine Eltern, die ihn dabei sich selber überlassen. Der Sohn wird immer eigenständiger und schlieẞlich zum Jünger Jesu.
Der Text wird über weite Strecken von Fragen und Antworten, Angriffen, Verteidigung und Klarstellungen bestimmt.
Im Wirken Jesu am blind geborenen Menschen sollen „die Werke Gottes offenbar werden“ – die Frage, ob die Blindheit etwas mit Schuld zu tun hat, ist völlig verfehlt (V. 3). Gott selbst will sichtbar werden, gesehen werden. Jesus kommt dabei eine besondere Rolle zu: Er leuchtet als „Licht der Welt“ (V. 5).
Die Lichtmetaphorik ist von Anfang an ein zentrales Thema im Johannesevangelium; vgl. Joh 1,4f.9, auch die 2. Lesung des Sonntags: Eph 5,8-14. Die Theologie und die Rituale des Laubhüttenfestes, in dessen Umfeld der Evangelist von der Augenöffnung erzählt, sind voller Wasser- und Lichtsymbolik. Unter anderem wurde an jedem Tag des siebentägigen Festes in einer feierlichen Prozession ein goldener Kelch mit Wasser aus dem Teich Schiloach (!) geschöpft und im Tempel als Wasserspende ausgegossen. Der Name des Teiches („der Gesandte“) kommt daher, dass das Wasser, das in einem Becken am unteren Ende der alten Davidsstadt zusammenfloss, unterirdisch durch einen unter König Hiskija im 8. Jh. v. Chr. gehauenen, über 500 m langen Tunnel, dorthin „geschickt“ wurde. Johannes spielt nun mit dem eigentlich profanen Namen des Teiches – und spielt damit auf Jesus, den von Gott „Geschickten“/Gesandten, an.
Während des Laubhütten-Festes wurden nachts im Tempel riesige Leuchter aufgestellt, die die ganze Stadt erleuchteten. Vor dem Hintergrund solcher Festrituale lässt Johannes Jesus sagen: „Ich bin das Licht der Welt!“
Johannes präsentiert Jesus damit gewissermaẞen als Personifizierung und Erfüllung des jüdischen Festkreises: In der Zugehörigkeit zu Jesus haben Menschen Anteil an der Festfreude Israels.
Die Pharisäer weisen jedoch mehrheitlich die Vorstellung zurück, dass im Wirken Jesu Gottes Werke offenbar würden (V. 16). Ihr Argument: Die Augenöffnung fand an einem Sabbat statt, deshalb sei Jesus ein Sünder, weil er die gebotene Sabbatruhe nicht einhielt.
Schritt für Schritt wächst der sehend gewordene Mensch in die Zugehörigkeit zu Jesus hinein – und dies ausgerechnet unter dem Druck der Untersuchungskommission. Die Erzählung endet, als er Jesus wiedersieht