2. Sonntag der österlichen Bußzeit 1. 3. 2026
Die hebräische Textüberlieferung setzt die nächste Abschnittsmarkierung – diesmal wieder eine groẞe – nach Vers 9. Ruf und Verheiẞung, Aufbruch und Ankunft gehören demnach zusammen. Die Leseordnung bricht dagegen bereits nach Vers 4 ab. Sie fokussiert damit auf den Aufbruch und lässt die Ankunft in Kanaan unerzählt. Es empfiehlt sich deshalb, zumindest Vers 5 oder sogar die Verse 5-9 mitzulesen.
Abram und Sarai – ihre späteren Namen Abraham und Sara bekommen sie erst in 17,5 bzw. 17,15 von Gott – werden für das spätere Israel zur Identifikationsfiguren für Aufbruch und Wanderung, Ankunft und wechselnde Heimat, Verheiẞung und Segen. Die Aufforderung zum Aufbruch (hebräisch: Lech-lecha, „Geh-für-dich“) ist betont und meint Abram und Sarai in ihrer ganzen Existenz und Befindlichkeit. Gründe für den Aufbruch nennt das Buch Genesis und auch Gott in seiner Rede an Abram nicht. Die Gottesrede betont stattdessen die Lösung aus dem Bestehenden, was das Herausfordernde, vielleicht auch die Unfreiwilligkeit des Aufbruchs unterstreicht: „Land“, „Verwandtschaft“ und „Vaterhaus“ soll Abram verlassen – in dieser Reihenfolge. Die loslösende Bewegung geht also von auẞen nach innen. Das Ziel des Aufbruchs bleibt unbestimmt. Abram muss sich auf eine erneute Aktion Gottes verlassen („das Land, das ich dir zeigen werde“; 12,2). Passend dazu erzählt Gen 12,7 dann auch von einer Ankunftsvision.
Warum Gott gerade zu Abram spricht, bleibt offen. Ein vorheriges „Wohlverhalten“ Abrams und Sarais wird nicht erwähnt, der Ruf ist voraussetzungslos: reine Erwählung. Jüdische Überlieferung schmückt diese Leerstelle im Text deshalb aus und erzählt z. B., dass Abram sich schon vor dem Ruf gegen Götzenbilder gestellt habe. Die Verheiẞungen, die mit dieser Erwählung verbunden sind, knüpfen an bereits erzählte Themen an und wenden sie ins Positive:
In der Turmbau-Erzählung wollten sich die Menschen mit ihrem Bauwerk selber einen Namen machen (11,4) – nun will Gott Abrams Namen groẞ machen.
Sarai und Abram waren kinderlos, Sarai wurde als unfruchtbar bezeichnet, womit zugleich ein zentraler Erzählfaden aller Erzeltern-Erzählungen eröffnet ist (11,30) – trotzdem sollen Abram und Sarai nun zu einem groẞen Volk werden (12,2).
Gott will sie segnen, wie er schon erste Tiere und erste Menschen (Gen 1,28.31; 5,2), den siebten Tag (2,3) sowie Noach und seine Familie gesegnet hatte (9,1). In der Folge wird alles Gute, was Abram und Sarai erleben, eine Folge dieses göttlichen Segens sein. Reich waren sie schon vorher (12,5). Doch was ihr Leben letztlich ausmacht, kommt von Gott. Und der Segen geht weit über Abram und Sarai hinaus: „Alle Sippen der Erde“ sollen durch Abram Segen erlangen (V. 3). Das wird später der Anknüpfungspunkt für Segen und Erwählung, der (auch) weit über Israel hinausgeht. Abram und Sarai werden so in den wenigen Sätzen von Gen 12,1-9 zum identitätsstiftenden Vorbild für Israel und zugleich über Israel hinaus zum Prototyp von Menschen, die sich rufen, erwählen und von Gott führen lassen. Sie sind Gegenbild sich selbst erhöhender und ermächtigender Menschen.