Reliquienschreine in Altheim
Kuriose Überbleibsel der Geschichte? Antiquitäten? Verwandt mit Aberglaube? Verwandt mit dem Geld?
Reliquien, jetzt einmal allgemein definiert, sind Erinnerungsstücke besonderer Menschen.
Die Hochschätzung des Körpers zählte zu den Anfängen des christlichen Glaubens, denn bei der Auferstehung sind Körper und Seele wieder vereint. Wir werden mit einem „geistigen Leib“ auferweckt (1 Kor 15).
Ebenso wichtig war von den ersten Tagen an die „Gemeinschaft der Heiligen“. Alle Christen wurden vom Apostel Paulus so angeschrieben und angesprochen. Sie alle sollten, zusammen mit Gott, diese „Gemeinschaft der Heiligen“ bilden, durch Glaube und Liebe miteinander verbunden und zur Heiligkeit verpflichtet sein.
Als die Christenverfolgung bereits im 1. Jhd. (z. B. durch Nero) begann, wurde manche Christen als besondere Zeugen angesprochen, als „martys“, (Martyrer). Sie folgten Christus in Wort und Tat nach. Von manchen kennen wir bis heute ihre Namen. (Später kamen noch andere Kriterien zur Heiligkeit hinzu, sodass nicht nur das Blutzeugnis zählte; siehe z. B. beim Hl. Nikolaus.)
Die Heiligen bekamen eine immer zentralere Stellung als Mittler und Fürsprecher, als Vorbilder. Das ersetzte aber nicht die individuelle Aneignung des Glaubens. Magisch wurde eigentlich dabei nicht gedacht – das ist eher eine Erfindung der Neuzeit!
PGR-Mitglied Sebastian Mitterbauer und Fr. Rita Atzwanger M.A. entschlüsselten im letzten Sommer 2018 unsere Reliquien (soweit wie möglich, alle Zetteln konnten doch nicht sicher entziffert werden; dazu müssten die Reliquienkästen geöffnet werden.) Es steht ja bei jeder Reliquien eine Name dabei, von wem diese Primär- oder Sekundärreliquie ist. Die Authentik dafür wurde vom Bischöflichen Ordinariat Passau ausgestellt. Es findet sich nämlich eine Jahreszahl 1731 – sodass die Reliquienkästchen etwa zu dieser Zeit entstanden sein dürften, eingefasst in schöne Klosterarbeiten. - LInk
Reliquienschreine in Altheim
Pfarrkirche Altheim St. Laurenz
Reliquienschrein am Hochaltar, links (nordseitig) außen:
1 S(anta) Illuminatae
2 S. Rosinae V(ictoriae) M(artyriorum)
3 S. Benigni (S. Benignae)
4 Ursula V. M.
5 Gaudioli
6 S. Vincenty M. S.
7 S. Jukundiani Martyra
Medaillon oben: S. Prudentiana / … / Roma (S. Pudentiani/…../Roma)
Medaillon mittig: S. Aloysius Zaga (Gonzaga)/ HIS / S. I.
Reliquienschrein am Hochaltar, links (nordseitig) innen:
1 S. Jucundae V. M.
2 S. Illuminatae
3 TITI. M
4 S. Justae V. M.
5 S. Hilarÿ V. M.
6 Rosina V. M.
7 S. Gaudiosius Martyr.
Medaillon oben: Salvator mundi salva / Portrait in Relieftechnik / Roma
Medaillon mittig: Marienstatue in Relieftechnik; Medaillon unten: Clemens XIII Pont(ifex) M(aximus) A. I. / 1731
Der alten Kirche in Byzanz verdanken wir einerseits die Bilderverehrung, andererseits gab es gerade dazu im 8. u. 9. Jhd. heftigste theologische Debatten, inwiefern Bilder überhaupt erlaubt sein sollen. Es wurde dann dahingehend festgelegt – ein Joh. Damascenus war hier schriftführend -, dass jeder Verehrung eines Bildes oder eines Heiligen oder auch von Reliquien natürlich sich an Gott selbst richtet, der im Abbild als Urbild sichtbar werden kann. (In der westlichen Kirche sah man den Bilderstreit weniger dramatisch: Bilder oder Heilige haben bloße pädagogische Funktion und widersprechen nicht dem Bilderverbot der Hl. Schrift.)
So gilt selbstverständlich eine Heiligenverehrung – und im Credo sagen wir es ausdrücklich: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen“. Heiligen kommt jetzt eine besondere Existenz zu, sie sind schon bei Gott und haben ihren Lohn erhalten. Sie sind aber den auf Erden Lebenden nahe, motivieren uns, stärken uns. Sie verbinden Himmel und Erde und die Kraft des Heiligen ist noch zu verspüren - und deshalb hat Reliquienverehrung (Primärreliquien, Sekundärreliquien, Tertiär-reliquien) einen Sinn. Die ersten Altäre wurden über den Gräbern der Märtyrer errichtet. Die Gräber werden dann zugänglich gemacht und die Heiligen wurden schlussendlich erhoben, zu „Ehren der Ältäre“. Der Hl. Ambrosius (+397) berichtet von einer solchen „translatio“. Als nach den Wirren der Reformation die katholische Kirche sich an das Erbe der Antike und des Mittelalters erinnerte, begann auch wieder die Reliquienverehrung. Einzelne Heilige wurden besonders hervorgehoben – und durch die zufällige Auffindung von Katakomben in Rom wurde das ganze Abendland mit Reliquien der ersten Christen versorgt. Man kannte ihre Namen nicht, aber man gab ihnen Namen. Die Authentik (Echtheit) wurde vom zuständigen Ordinariat auf einem Zettel ausgestellt. Da die Zeit der Entstehung unserer Reliquienschreine in die 1. Hälfte des 18. Jhd. zurückreicht, finden wir durchwegs solche „Katakombenheilige“, die im Heiligenkalender aber nur tlw. Vorkommen.
Hier zweiter Teil:
Reliquienschrein am Hochaltar, rechts (südseitig) außen:
1 S. Ursulae V. (M.)
2 S. CARINAE V. M.
3 Gaudioli M. (Gaudionii)
4 Benigni M. (Benignae)
5 S. Jucundae V. M.
6 Hilarÿ E. M.
7 S. Faustii Martyr.
Medaillon oben: -
Medaillon mittig: Sanctus / Hieronymus presbyter
Medaillon unten: Ioan … (Johannes vom Kreuz?)
Reliquienschrein am Hochaltar, rechts (südseitig) innen:
1 S. Innocentiae V. M.
2 TITI. M.
3 S. CARINA V. M. (CARINAE)
4 Ursulae V. (M.)
5 Vincentÿ M.
6 S. Justae V. M.
7 S. Diodor(i) Martyr.
Medaillon oben: Franc. Xaver.
Medaillon mittig: S. Ioannes Hacraedo
Medaillon unten: S. Marti(n)us eriscopi (episcopi?) fromensi
Der Tugendcharakter der Heiligen wurde in der Antike und im Mittelalter betont – ebenso sollte dieses tugendhafte Leben abfärben auf den, der Heilige oder Reliquien verehrte. Die Authentik selbst eines Knochen, eines Kleides, eines Haares, eines Holzes etc. war gar nicht so entscheidend, wichtig war die Taten des Heiligen, die nachgeahmt werden sollte – und das im Glauben geknüpfte Band zum Heiligen förderte den Glauben und die Liebe. Die Tugend und der Lohn im Himmel stand im Vordergrund, schließlich die Verehrung Gottes.
Zu den Kategorien der Reliquien - nach der Ausstellung in Linz – siehe Homepage Link (Fotos v. Sebastian Mitterbauer).
1) Primärreliquien oder Reliquien erster Klasse sind Körperteile von Heiligen wie z. B: Knochen („ex ossibus“), Haare, Fingernägel und in seltenen Fällen auch Blut. Bei Heiligen, deren Körper verbrannt wurde, gilt die Asche als Reliquie erster Klasse.
2) Als Sekundärreliquie werden Gegenstände angesehen, die der Heilige berührt hat. Dazu gehören z. B. die Gewänder, aber etwa auch Holz vom Sarg. Bei Märtyrern sind es auch die Foltergeräte und Waffen, mit denen sie ums Leben gebracht wurden.
3) Reliquien dritter Klasse oder mittelbare Berührungsreliquien sind Gegenstände, die an „echten“ Reliquien anberührt wurden. Sie werden im Heiligen Land oder in Wallfahrtsorten als Devotionalien abgegeben.
Die Verzierung, Aufstellung der Reliquiare wäre eine eigenen Geschichte: Tafelreliquare im Ensemble (wie in Altheim) gab es, Reliquienmonstranzen, sprachliche Reliquiare, moderne Behälter, Anna-Hände, Nepomuk-Zunge, Wachsmedaillons („Agnus Dei“), Pulver, Frischenhäubchen, Heilige Längen, Breverl (kleine Bilder) usw.
Aus einer Predigt von Bischof Maximilian Aichern: In der Hl. Messe können Lebende und Verstorbene einander verbunden sein. …. durch die Heiligen wird der Geist des Evangeliums vermittelt…….. die armseligen Gebeine hat auch einmal die lebendigmachende Kraft Gottes erfüllt, der schlussendlich alles lebendig macht.
Anbei ein Beispiel einer „Authentik“ (1725) – (Text abgeschrieben – Fotos siehe Link)
Pergamenturkunde 1730 für Reliquien in der Schlosskapelle Rigerting: (Fotos siehe Link)
Eusebius de Cianis, Schutzherr von Siena und Bischof von Massa, bestätigt die aus der Priscilla-Katakombe (zu Rom) entnommenen und von ihm in eine Holzkapsel in bestimmter Art und unter seiner Siegelung eingebrachten Reliquienpartikel des Hl. Martyrers Dionysius und genehmigt dem Graf Hermann von und zu Freyenseiboldstorff den Besitz, die Weitergabe und die Aussetzung zur Verehrung in einer Kirche, Kapelle oder einem Oratorium
Roma, am 2. September 1725,
Unterschriften
Genehmigung durch das Passauer Ordinariat, 26. Mai. 1730.