Wo ist mein Platz in dieser Woche?
Predigt Ostersonntag, 5.4.2026
Perikopen: Apg 10,34a.37-43 Joh 20,1-18
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
Mir war heuer in der Karwoche ein Gedanke wichtig: Wo ist mein Platz in dieser Woche? Wo stehe ich in den Evangelien dieser Woche, besonders in der Leidensgeschichte? Wo stehe ich? Ich denke, dass dürfen wir uns jetzt zum Osterfest mitnehmen? Wo ist mein Platz bei der Auferstehung Jesu? Wo finde ich mich in den Osterevangelien, die wir in der kommenden Zeit wieder hören bzw. in der Apostelgeschichte, die ja auch eine Erzählung ist, wie sich die Osterbotschaft verbreitet? Wo ist mein Platz, meine Rolle im Evangelium des heutigen Ostersonntages, das wir gerade gehört haben. Wo bin ich da? Drei Gedanken dazu.
Erstens: Beginnen wir am Anfang, bei Maria von Magdala. Wir werden später noch einmal zu ihr zurückkommen, aber schauen wir einmal, wie es ihr am Anfang geht. Maria von Magdala war mit den anderen Frauen unter dem Kreuz Jesu gestanden. Sie hatte gesehen, wie sein zerschundener Leichnam vom Kreuz genommen und ins Felsengrab gelegt worden war. Am dritten Tag, der Todestag ist hier als erster gerechnet, kommt sie im Morgengrauen zum Grab. „Als es noch dunkel war“, schreibt der heilige Johannes, und deutet damit darauf hin, dass Maria noch im Dunkeln tappt. Sie sieht die geöffnete Grabkammer und ohne diese zu betreten zieht sie einen Schluss daraus: „Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Der Leichnam Jesu ist gestohlen und an einem unbekannten Ort. Das teilt sie auch dem Petrus und dem anderen Jünger mit. Maria sucht einen toten Jesus und will zumindest den Ort kenne, wo er liegt. Das Grab ist der Ort des Gedenkens bis heute. Auch wir gehen nicht zu den Gräbern, um hineinzuschauen, sondern um dort zu trauern oder zu gedenken, wo wir unsere Toten hingelegt haben. Nichts anderes will Maria. Außerdem ein geöffnetes Grab wäre auch für uns ein Schrecken. Stellen wir uns das, wenn wir am Friedhof auf einmal ein offenes Grab finden und nicht wissen warum? Maria von Magdala tappt im Dunkeln. Vielleicht ist das mitunter auch unser Platz im Glauben, dass wir im Dunklen tappen, am falschen Ort suchen, uns nicht wirklich das Licht des Glaubens sichtbar wird.
Zweitens: Petrus und der andere Jünger. Maria läuft zu Petrus und dem anderen Jünger und sagt ihnen, dass der Herr weg ist. So laufen nun diese beiden auch zum Grab. Der als erster ankommt, schaut hinein und sieht nur das Totentuch. Er betritt das Grab gar nicht. Simon Petrus hingegen geht schon hinein und sieht neben dem Totentuch auch noch das Schweißtuch wohlgeordnet liegen. Die vorhandenen Begräbnistücher widersprechen aber der Deutung Mariens, dass jemand seinen Leichnam gestohlen haben könnte. Denn Grabräuber falten nun mal keine Tücher, wie auch Einbrecher nicht zusammenräumen. Und so können die beiden mit dem, was sie sehen, nicht wirklich etwas anfangen. Sie haben keine Botschaft für die anderen So gehen sie nach Haus. Die Leere des Grabes hat nichts bewirkt. Sie gehen leer nach Hause. Es hat sich nichts getan. Ist das nicht auch immer wieder unsere Situation, dass es leer bleibt in unserem Herzen, dass uns der Glaube zu wenig bewirkt?
Drittens: Wir schauen ein zweites Mal auf Maria von Magdala. Denn die Erzählung im Evangelium fängt ja noch einmal von vorne an. Maria steht wieder am Grab. Jetzt lässt ihrer Trauer freien Lauf. Sie weint über den Verlust, nicht nur, dass er grausam getötet wurde, sondern dass jetzt auch noch sein Leichnam weg ist. Mit den von Tränen verschleierten Augen beugt sie sich in die Grabkammer. Zwei Engel fragen sie nach dem Grund ihres Weinens. Maria sagt abermals: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht wohin sie ihn gelegt haben.“ Die Engel können ihr auch nicht weiterhelfen. Maria bleibt in ihrer Trauer um die Reliquien Jesu und bleibt somit auf das Vergangene fixiert, auf die Erinnerung an das Gewesene, wie es auch heute oft auf den Sterbebildern beschworen wird: das Vergangene, die Erinnerung. Sie wandte sich ab von den Engeln und will weggehen, aufgeben in ihrer erfolglosen Suche. Jesus gibt es nicht mehr für sie. Aber als die Weißgekleideten ihr nicht weiterhelfen können, tritt Jesus selbst in ihr Leben. Er liegt nicht irgendwo, sie haben ihn nirgends hingelegt, sondern er steht vor ihr. Der Auferstanden liegt nicht, er steht und er redet sie an. In ihrer Trauer und im Schleier der Tränen kann sie ihn nicht erkennen. Er stellt ihr dieselbe Frage wie die Engel: „Frau warum weinst du, wen suchst du?“ Da dreht sie sich ihm zu uns sagt ihm ihre Not zum dritten Mal: „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Der Lebende steht vor ihr, sie aber will den Toten holen. Dann aber ruft er sie mit Namen, und sie erkennt, dass es nicht einfach der Gärtner ist, auch nicht der gesuchte Tote, sondern der lebendige gute Hirte, der die Seinen mit ihrem Namen ruft und deren Stimme die Seinen erkennen. Jesus ist keine Reliquie, die sie aufbewahren und betrauern kann, wie man heute Urnen im Wohnzimmer oder Garten aufbewahrt. Er bleibt als ihr guter Hirte bei ihr, auch wenn er zum Vater geht. Aber festhalten lässt er sich nicht. Jetzt erst wird Maria zur Botin des Auferstandenen. Sie braucht kein Grab Jesu mehr, weil sie ihn als lebendig erfahren hat. Was Petrus und der andere Jünger nicht geschafft haben. Sie tappt nicht mehr im Dunkeln, sie kann es verkünden: Ich habe den Herrn gesehen. Ich wünsche es uns, dass das unsere Rolle ist, dass der Auferstandene einfach in unser Leben tritt, ein Gespräch mit uns beginnen kann, damit wir eine Beziehung zu ihm haben, und wir durch die Botschaft des Auferstandenen auch die Welt von heute in Atem halten können. Das sollte unser Platz in der Ostergeschichte sein.
Liebe Brüder und Schwestern!
Vor kurzem habe ich einmal eine interessante Feststellung gelesen. Sie lautet: „Wir Menschen im 21. Jahrhundert bekommen an einem Tag mehr Informationen, als ein Bauer im Mittelalter in seinem ganzen Leben.“ Ja, der Informationsfluss ist groß. Wir können das ganze schwer überblicken, geschweige denn verarbeiten. Ostersonntag ist der Tag mit der wichtigsten Information für uns Christen, nein Information ist zu wenig, es ist eine Botschaft, die uns ganz und gar durchdringen muss, eine Performation. Sie lautet: Christus ist auferstanden. Er ist nicht im Tod geblieben. Viele Informationen, die wir erhalten, sind für unser nicht unbedingt lebensnotwendig. Die Botschaft von der Auferstehung jedoch ermöglicht unser Leben als Christen, wenn wir nicht im Dunklen tappen, wenn wir nicht leer im Glauben weggehen, sondern wenn unsere Rolle in der Ostergeschichte in einer lebendigen Beziehung zum Auferstandenen besteht. Halleluja, Amen.
