Der gute Hirte
Predigt 4. Ostersonntag, 26.4.2026
Perikopen: Apg 2,14a.36-41 Joh 10,1-10
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
Der gute Hirte schaut auf uns. Er schaut nicht nur auf sich. Drei Gedanken dürfen uns wieder helfen das zu vertiefen, damit wir es gut glauben können.
Erstens: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ Ganz am Anfang der Heiligen Schrift findet sich dieses Wort, das dem guten Hirten wohl widerspricht. Kain antwortet, als Gott ihn nach seinem Bruder fragt. „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ Die Frage wird auch heute noch gestellt. Was geht mich der andere an. Ach, lass mich doch in Ruhe ! Hauptsache mir geht’s gut! Kain ist nicht nur eine Gestalt von anno dazumal. Kain ist eine Art zu denken und über Leichen zu gehen. Kain lebt in jedem, der sagt: „Was geht mich das an? Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ Egal ob man den Satz ausspricht oder ihn nur denkt, man weist damit Verantwortung von sich weg.
Zweitens: Bin ich denn der Hirte meines Bruders? Diese Frage gefällt mir schon besser und es stimmt auch so genauso. Im Hebräischen, der Sprache des Alten Testaments, ist das Wort für Hüter und Hirt dasselbe: „Bin ich denn der Hirte meines Bruders?“ Wenn Jesus auch so gesprochen und gedacht hätte, dann gäbe es für uns freilich keine Erlösung und Rettung! „Bin ich denn der Hirte meines Bruders?“ Wenn in einer Gemeinschaft alle so denken würden, könnten wir einpacken und den Laden dicht machen! Wenn in der Kirche alle so denken würden, dann wäre die Kirche bald am Ende! – Wenn in der bürgerlichen Gesellschaft jeder nach diesem Motto leben würde, dann wäre unsere Gesellschaft schnell ein Scherbenhaufen, auf dem keiner mehr leben könnte. Wir dürfen nicht so reden.
Drittens: Wir leben von den „guten Hirten“ und „guten Hirtinnen“. Wir leben von Menschen, die nicht nur nach sich selber schauen, sondern auch ein umsichtiges Auge und eine helfende Hand für andere haben. Wir leben von Menschen, die da sind, wo sie Not sehen und helfen, wo Hilfe nötig ist. Wir leben von Menschen, die sich nicht aus allem heraushalten, sondern sich einsetzen, ihre Zeit und ihre Kraft zur Verfügung stellen, Verantwortung übernehmen, fürsorgend da sind, ohne gleich nach dem Lohn zu fragen oder auf Gegenleistung zu spekulieren. Das Bild vom „guten Hirten“, das uns heute entgegentritt, ist noch immer nicht veraltet. Wir alle sind auf den Hirtendienst Jesu angewiesen. Und wir sind darauf angewiesen, dass dieser Hirtendienst auch heute durch Menschen weitergeführt wird. Es ist schön und wertvoll, wenn er an uns geschieht. Es ist aber auch wichtig, dass er durch uns geschieht. Und da denke ich, auch wenn heute der Welttag der geistlichen Berufe ist, nicht nur an den Papst, die Bischöfe, die Priester und die anderen Hauptamtlichen in der Pastoral, so wichtig diese Dienste sind und so sehr wir um gute und genügend Priester, um Ordensnachwuchs, um Frauen und Männer in der Seelsorge und für Geistliche Berufen beten sollen. Nein, wir alle sind dazu berufen, Hirt und Hirtin zu sein im Blick auf Menschen in unserer Umgebung, für Menschen, die uns anvertraut sind, für Menschen, die uns brauchen, unser Dasein, unser Zuhören, unser Zeithaben, vielleicht auch unsere Fürsorge und Unterstützung. Auch Eltern haben z. B. Teil am Hirtendienst. Stellen euch vor, Eltern sagen: „Sind wir denn die Hüter unserer Kinder?“ Das gleiche gilt für viele andere Berufe. Das gilt für uns alle.
Liebe Brüder und Schwestern! Bin ich der Hüter, der Hirte meines Bruders? Die Antwort ist eindeutig. Ich soll das sein. Jesus, der eigentliche gute Hirte, ist das Gegenstück zu Kain. Er ist der gute Hirt, der Hüter jedes Einzelnen. Wir sind ihm nicht gleichgültig. Ihm liegt an uns. So sehr liegt ihm an uns und so sehr liebt er uns, dass er sein Leben für uns hingibt. „Ich gebe mein Leben hin für meine Schafe.“ „Guter Hirt“ und „gute Hirtin“ sein, d. h., dem Leben dienen, Leben hüten. „Guter Hirt“ und „gute Hirtin“ sein, d. h.: Geborgenheit schenken, ohne einzuschnüren; helfend da sein, ohne abhängig zu machen; füreinander sorgen, ohne zu klammern; Zuwendung schenken, ohne etwas überzustülpen. „Guter Hirt“ und „gute Hirtin“ sein, d. h.: wissen, was dem anderen fehlt; spüren, wessen er bedarf; Anteil nehmen und Anteil geben. Einander Hirtendienste tun, sich nicht aus der Verantwortung stehlen und doch Freiheit gewähren, darauf kommt es an im engen Kreis der Familie, einer Gemeinschaft, unter Freunden, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Kirche und in der Gesellschaft! Nicht: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders“, sondern einem Wort von Elisabeth von Thüringen entsprechend: „Füreinander da sein, weil Gott uns gezeigt hat, dass er für uns da ist.“ Sagen wir es selbst: Wie anders sollen Menschen heute Jesu Hirtensorge und seinen Hirtendienst erfahren, wenn nicht durch Menschen, wenn nicht an uns und durch uns, die wir Christi Namen tragen und im bleibenden Auftrag des guten Hirten stehen? Die Frage soll bleiben, die Frage des guten Hirten. Amen.
