Seiten der Weihnacht
Predigt Weihnachtstag, 25.12.2022
Perikopen: Jes 52,7-10 Joh 1,1-18
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
Das Weihnachtsfest hat zwei Seiten. Ich möchte sie mit euch anschauen.
Erstens: Die Schauseite von Weihnachten. Das, was wir sehen und von Kindheit an kennen. Es ist Maria mit Josef, auf der Suche nach einen Ort für die Geburt. Es ist der Stall von Bethlehem, Ochs und Esel, die Hirten, die singenden Engel, das neugeborene Kind in der Krippe, von dem etwas Wunderbares ausgeht. Die klassische Seite von Weihnachten ist ein Bild von Frieden und Harmonie, von Liebe und Licht. Dunkle Gestalten kommen fast nicht vor, denn der herzlose Herbergswirt, der das heilige Paar abgewiesen hat, ist längst vergessen und durch andere Gestalten ersetzt, die dem göttlichen Kind ihr Herz und ihre Hände öffnen, vielleicht gehören wir zu ihnen. Sie zeigen ihm damit, dass der Heiland der Armen willkommen ist. Weihnachten rührt nach wie vor die Menschen an und weckt die guten Kräfte, die in jedem schlummern. Viele von uns fühlen sich in diesen Tagen gedrängt, sich in die Schar der Hirten einzureihen und dem Christkind bzw. seinen geringsten Schwestern und Brüdern eine Freude zu machen und so ihre Not lindern. Stichwort bleibt „Licht ins Dunkel“! Weihnachten weckt doch noch vielfach die guten Kräfte, hoffentlich auch bei uns, denn wenn Gott Mensch wird, dürfen wir nicht gering vom Menschen denken und ihn nicht schlecht behandeln. Weihnachten ist ein Fest des menschlichen Herzens, das weit wird in der Begegnung mit dem Gotteskind, und sich in Wohlwollen und Hilfsbereitschaft zu verströmen beginnt. Dabei wird das Menschenherz dem Herzen des Schöpfers ähnlich, der alle seine Geschöpfe, Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte in Liebe umfängt. Und dieses Ähnlich-Werden ist es ja, warum er Mensch geworden ist. Er ist Menschenkind geworden, damit wir Kinder Gottes werden. Das ist die eine Seite von Weihnachten, die anrührende, stimmungsvolle Seite, die man in den Gemälden und Krippenspielen künstlerisch darstellen und ausschmücken kann.
Zweitens: Die Seite der Erlösung, denn das Kind in der Krippe ist nicht nur ein Menschenkind, geboren von der Mutter Maria, es ist auch der Sohn Gottes, der Erlöser. Dieser Erlöser, den die Menschheit heute leider immer weniger braucht, das Kind in der Krippe, das die guten Kräfte des menschlichen Herzens weckt, ist auch Anlass zu anderem. Es weckt in manchen Menschen auch dunkle, aggressive, zerstörerische Mächte. Herodes wittert in ihm einen politischen Konkurrenten, den er beseitigen will. Das Gottesbild, das Jesus später verkünden wird, das weniger von Gesetzlichkeit als von Freiheit und Liebe bestimmt ist, wird ihm den Vorwurf der Gotteslästerung einbringen. Ganz abgesehen von dem Ärgernis, das Jesus mit seinem Anspruch erregt: „Ich bin der Sohn Gottes, durch mich macht der Vater kund, was er wirklich von seinen Kindern erwartet.“ Unter solchen Vorzeichen, die wir ja schon kennen, weil wir wissen wie die Geschichte Jesu weitergegangen ist, verliert Weihnachten seinen idyllischen Charakter. Unser Gott, der seinen Lebenskreis aufsprengt, in dem er durch seinen Sohn Kontakt mit unserer Welt sucht, lässt sich auf ein Abenteuer ein, das nicht so erfolgreich verlaufen wird, wie man es von seiner göttlichen Unternehmung erwarten würde. Es endet am Kreuz. Bei der Linzer Domkrippe hält schon ein Engel das Kreuz über das göttliche Kind. Das hat mich als Bub immer schon nachdenklich gestimmt. Und eine alte Legende sagt, dass Krippe und Kreuz aus demselben Holz geschnitzt sind. Gewiss, Weihnachten ist ein Fest der Liebe, und wo immer das Kind von Betlehem die Herzen rührt und zur Liebe anregt, hat Weihnachten einen guten Teil seines Sinnes erfüllt. Aber es bleibt noch immer die Frage: „Was ist mit dem Kreuz dieses Kindes?“ Können wir dem Kind von Betlehem sagen: „Leg dein Kreuz ab, denn es ist heute eh niemand mehr da, der dich kreuzigen will? Wir alle sind ja längst deine Brüder und Schwestern geworden, erfüllt von deiner Gesinnung, deiner Güte und Menschlichkeit! Wir leben ja so, wie du es willst. Können wir so sprechen, so denken, so fühlen?“ Eines steht fest, liebe Brüder und Schwestern, das Christuskind wäre über solche Worte sehr überrascht und sicherlich mehr erfreut als über die vielen Geschenke und guten Wünsche, die wir in diesen Tagen reichlich hin und herschieben. Amen.
