Anerkennung und Ehre
Predigt 29. Sonntag im Jahreskreis, 22.10.2023
Perikopen: Jes 45.1.4-6 Mt 22,15-21
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
„Darf man dem Kaiser Steuern zahlen?“ Die Frage der Pharisäer ist raffiniert. In der gesamten antiken Welt waren Staat und Religion eins. Sagt Jesus Ja, hat er es sich mit dem Juden verdorben. Sagt er Nein, hat er die römische Besatzungsmacht am Hals. Aber Jesus lässt sich nicht aufs Glatteis führen. Seine Antwort ist raffinierter als die Frage. Mit dem Blick auf die Münze sagt er: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Bei seiner Antwort wollen wir heute wieder dreifach stehen bleiben.
Erstens: Die Antwort Jesu in der Geschichte. Die ersten Christen haben die Antwort Jesu verstanden, haben verstanden, dass es sich um zwei Bereiche, Gott und Kaiser, handelt. Der Kirchenvater Ambrosius hat im 4. Jahrhundert aus diesem Wort Jesu die sogenannte Theorie von den zwei Schwertern, entwickelt. Das geistliche und das weltliche Schwert, Kirche und Staat. Im Mittelalter kam es dann zum sogenannten Investiturstreit. Papst und Kaiser stritten um ihre Vorherschafft. Die Päpste haben sich letztlich durchgesetzt, was nicht zum Segen für die Kirche war und man uns bis heute vorwirft. In der Neuzeit wurde der Spieß umgedreht. Dem Papst wurden politische Macht und der Kirchenstaat weggenommen, und bei uns in Österreich hat unter Kaiser Joseph II. die Kirche viele Besitzungen und politische Macht verloren. Heute dürfen wir das als Segen betrachten. In dem Maß, als die direkte politische Macht in der Kirche abgenommen, ist trotz vielfachem Versagen kirchlicher Amtsträger, die moralische Autorität der Kirche und des Papsttums gewachsen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die legitime Autonomie (Selbstständigkeit) aller weltlichen Bereiche, nicht nur Politik, auch Kultur und Wissenschaft anerkannt. So sind Freiheit und Unabhängigkeit von Kirche und Staat für uns heute Gottseidank selbstverständlich. Wir haben also aus dieser Geschichte gelernt, und sollen auch heute immer wieder bereit sein aus dieser Geschichte lernen.
Zweitens: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört.“ Wir alle sind Staatsbürger, sind Mitglieder eines staatlichen Gefüges, das in sich funktioniert, das uns viel ermöglicht, wo uns freilich aber auch nicht alles passt. Die Träger sind ja die Menschen, die eben nicht perfekt sind. Wir müssen Steuern zahlen, müssen den Staat unterstützen, damit er funktioniert. Ein neues Wort unserer Zeit lautet Staatsverweigerer. Ich finde es ein bedenkliches Wort, auch wenn bei vielen Menschen das Vertrauen in die Verantwortlichem im Staat gesunken ist. Und dann gibt es heute auch sogenannte staatenlose Menschen, die meinen in Schlepperbanden ihr Glück zu finden. Der Bereich des Kaisers, ist Bereich des Kaisers. Kirche hat keine Politik mehr zu betreiben. Aber es bleibt die Frage, wie im Bereich des Staates die Dimension des Göttlichen anwesend ist. Der Philosoph Nietzsche hat einmal das bekannte Wort gesagt: „Gott ist tot.“ Er wollte damit nicht sagen, dass Gott gestorben ist, sondern, dass von ihm kein Leben mehr ausgeht, dass er keine entscheidende Rolle mehr spielt. Die Folgen dieser Einstellung beschreibt Nietzsche dann folgendermaßen: „Es gibt keine Richtung und keinen Sinn mehr. Es gibt kein oben und kein unten mehr. Alles ist gleichgültig. Wir selbst sind zu Göttern geworden. Wir entscheiden selbst, was gut und was schlecht ist. So ist auch alles beliebig geworden. Gott ist nicht mehr wirklich Gott und Herr. Sein Gebot spielt kaum mehr eine Rolle. Freilich haben viele dadurch auch den Halt und die Orientierung verloren.“ Der Bereich des Kaisers, der Staat, ist der Bereich des Kaisers. Aber es ist immer die Frage, wie intensiv die Gottesfrage hier überhaupt gestellt wird. Kirche hat auch eine Verantwortung für die Öffentlichkeit. Sie darf sich nicht auf die Sakristei zurückziehen und sich mit einem kleinen Kreis Frommer begnügen. Es kann Situationen geben, in denen Kirche so handeln muss, wie Johannes der Täufer, der dem König Herodes sagte: „ Das ist dir nicht erlaubt.“ Das ist zum Beispiel dort, wo es um die Heiligkeit und Unverfügbarkeit des Lebens geht. Da berührt man die Ordnung Gottes. Darüber kann man auch nicht abstimmen. Darüber kann auch nicht die Mehrheit entscheiden. Und genau dann wir die zweite Forderung Jesu aktuell.
Drittens: „Gebt Gott, was Gott gehört.“ Da geht es jetzt nicht um den öffentlichen Bereich, sondern um mich persönlich. Jeder muss sich fragen: „Was ist Gottes in meinem Leben? Was sind wir ihm schuldig.“ Im Grunde ist alles, was wir sind und haben, ja nicht von uns, sondern von ihm. Wie undankbar behandeln wir ihn oft. Wie schnell ist uns in den Sachen Gottes alles zu viel? Beten und Gottesdienst, das tun viele nur dann, wenn ihnen danach ist. Jesus sagt uns aber als erstes Gebot, das werden wir nächsten Sonntag hören: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Der heilige Benedikt, dessen Orden für die Entwicklung Europas extrem wichtig war, schreibt in seiner Regel: „Dem Gottesdienst ist deshalb nichts vorzuziehen.“ Und mit dem Gebot der Gottesliebe ist, dann die Nächstenliebe verbunden. Deshalb gilt oft: Wer Gott vergisst, vergisst auch sehr leicht den Menschen.
Liebe Brüder und Schwestern!
„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Ein interessantes Wort, das Geschichte geschrieben hat und auch weiter Geschichte schreiben soll. Gott Anerkennung und Ehre zu geben, bedeutet sich dann in die Welt hinaussenden zu lassen, um dort dem Menschen zu geben, was des Menschen ist. Maria, die Rosenkranzkönigin, auf die wir im Oktober besonders schauen, möge uns helfen dieses Programm zu verwirklichen. Amen.
