Montag 11. Dezember 2017

Publikation: DENK.STATT Johann Gruber

Das Buch gibt einen umfassenden Einblick in den Verlauf des Kunstprojektes „DENK.STATT Johann Gruber - Passage gegen das Vergessen“ in St. Georgen an der Gusen, es beinhaltet einen Überblick über die historische Bedeutung der Region Gusen/St. Georgen während der NS-Zeit, befasst sich mit dem Wirken von Dr. Johann Gruber, erläutert theologische Aspekte zeitgemäßer Erinnerungskultur und zeigt schließlich sowohl die Entwicklung als auch neue Perspektiven der österreichischen und örtlichen Erinnerungskultur auf.

 

Einleitung von Eva Drechsler:

 

Ganz gerade, klar und konsequent zieht sich die weiße Linie mit den eng aneinandergereihten Wörtern über das Granitpflaster des Kirchenplatzes von St. Georgen an der Gusen bis hin zum Spiegelsteg. Geht man diese Wortkette entlang, geraten verschiedene Objekte ins Blickfeld; und so erschließen die eigenen zugleich jene fünf Schritte, aus denen sich das Kunstprojekt von Renate Herter Passage gegen das Vergessen  zusammensetzt. Es sind dies die Entfernung der Pflanzentröge vom Platz vor der Kirche, die Ergänzung der Aufschrift auf dem Pfarrheim, die Verhüllung des Kriegerdenkmals, die Anbringung der weißen Textzeile auf dem Granitpflaster, der Spiegelsteg, der den Blick auf den Eingang zur todbringenden Unterwelt des Stollensystems „Bergkristall“ lenkt. Auch einzelne Gebäude, letzte Reste der Konzentrationslager Gusen I und Gusen II, stehen noch; 40 000 Menschenleben sind hier während des NS-Regimes ausgelöscht worden.

 

Eines dieser Opfer war der oberösterreichische Priester und Pädagoge Dr. Johann Gruber, der alles, auch das eigene Leben, eingesetzt hat, um seinen Mitgefangenen zu helfen, und dessen Name durch verschiedene Vereinigungen und Initiativen dem drohenden Vergessenwerden entrissen worden ist. Das Pfarrheim trägt nun seinen Namen, und darin liegt die – in einem  nachträglichen sechsten Schritt – wieder entfernte Verkleidung des  Kriegerdenkmals wie die überdimensionale leere Hülle eines entpuppten  Schmetterlings, der sich endlich aus Erstarrung und Dunkelheit befreit hat und nie mehr in sie zurückkehren kann.

Unser Buch DENK.STATT Johann Gruber soll die neuen Wege jener  Erinnerungskultur erschließen, die seit Jahren in der „Bewusstseinsregion Mauthausen – Gusen – St. Georgen/Gusen“ mit großem Engagement von Einzelpersonen und Gruppierungen sowie mit der Unterstützung staatlicher, kirchlicher und privater Stellen aufgebaut worden ist und nun kreativ

weiterentwickelt wird. Veröffentlichen als das Gegenteil von Verdrängen, Verheimlichen und Vergessen bewirkt reflektierte Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, wie sie unheilvoller nicht sein könnte, und deren sorgfältige Aufarbeitung, so weit diese überhaupt möglich ist, die Würdigung gegenwärtiger Gestaltung und die Erschließung von Zukunftsperspektiven. Dem Anliegen des Erinnerns und damit des Nichtvergessens entspricht der Beschluss des Redaktionsteams, außer dem von einer Jury ausgewählten und nunmehr umgesetzten Kunstprojekt von Renate Herter (Text: Kuratorin Dagmar Höss und Monika Sommer-Sieghart) auch jene Projekte in das Buch einzubeziehen, die ebenfalls eingereicht worden waren (Dagmar Höss). Rudolf A. Haunschmied analysiert die Geschichte der von der SS betriebenen Steinbrüche und Stollen, in denen die Gefangenen unter furchtbaren Bedingungen arbeiten mussten, ebenso wie jene der Konzentrationslager, deren Namen nur in den ersten Nachkriegsjahren noch geläufig waren, sich dann aber im Schatten der „offiziellen“ Gedenkstätte Mauthausen verloren. Diese Lager befanden sich zum größten Teil auf dem Pfarrgebiet von St. Georgen/Gusen.

Mit dem Phänomen der Resilienz beschäftigt sich Sieglinde Witzany im Zusammenhang mit der außergewöhnlich starken Persönlichkeit Johann Grubers. Was hat ihn dazu befähigt, sich von Kindheit an für andere Menschen einzusetzen, im KZ von der „Gruber-Suppe“ bis zur Bildungsveranstaltung alles Mögliche für die Gefangenen zu organisieren, ohne Rücksicht auf die möglichen tödlichen Folgen? – Das Vergessen unbequemer Personen und Fakten in den Aufbaujahren der Zweiten Republik und den Aufbruch zu einer neuen Erinnerungskultur in den 1980er-Jahren untersucht Heidemarie Uhl. Vorher war das „offizielle“ Österreich weder bereit noch imstande, sich mit seiner ebenso einseitigen wie zweifelhaften Interpretation der Opferrolle auseinanderzusetzen und sich endlich davon zu lösen.

Das Bewusstsein historischer Verantwortung und seine Umsetzung in  konkreten, ortsbezogenen Projekten beleuchtet Martha Gammer. Umfangreiche Informationsarbeit bereitete den Weg, Gedenk-und Befreiungsfeiern banden die örtliche Bevölkerung ein und führten zu berührenden Begegnungen mit Überlebenden der Konzentrationslager. – Wie man mit dem Wissen um die Vergangenheit die Zukunft gestalten kann, erörtern Brigitte Halbmayr und Alfred Zauner. In der Bewusstseinsregion sind viele bunte Ideen und kreative Projekte entwickelt worden, die Energie und Zuversicht vermitteln sollen. Auch Monika Weilguni beschreibt einen örtlichen Prozess, nämlich jenen der Realisierung des Kunstprojekts DENK.

STATT Johann Gruber, an der viele sehr engagierte ehrenamtliche Mitdenker/-innen intensiv gearbeitet haben.

Es gab und gibt aber auch andere Stimmen in der Bevölkerung, und diese analysiert Christoph Freudenthaler in seinem Beitrag. Muss sich das Kunstprojekt auf dem Kirchenplatz abspielen? Ist ein Kriegerdenkmal nur für die „Helden“ da – und sind die Gefallenen und Vermissten tatsächlich solche oder nicht auch Opfer einer (im vollen Wortsinn) verheerenden Ideologie? Ähnliche Fragen werden von Pfarrer Franz Wöckinger auf der theologischen Ebene weiter entfaltet. Er erinnert daran, dass Christentum die Solidarität mit den Leidenden und Verfolgten niemals ausklammern kann, auch nicht zugunsten eines Bedürfnisses nach ungestörter Harmonie auf dem Kirchenplatz. Und er zeigt auf: Nur die Opfer können vergeben – diese Vergebung darf aber nicht von anderen eingefordert werden.

Bürgermeister Erich Wahl verweist auf die geeignete Verankerung des Wissens um historische Vorgänge und Zusammenhänge, das in der  „Bewusstseinsregion“ zu positiven Zukunftsperspektiven führen soll – die mit den vielen Besuchern geteilt werden mögen. Aktives gemeinsames Erinnern, Toleranz und Zivilcourage seien hier Schwerpunkte.

Am Ende des Buches wird eine Feierstunde am 29. November 2013 auf dem Kirchenplatz von St. Georgen/Gusen dokumentiert, in deren Rahmen das Projekt an die Bevölkerung übergeben worden ist. Die behutsamen Texte, in fünf Schritten gestaltet, regen zum Nach- und Weiterdenken an – und so sind auch sie eine Botschaft gegen das Vergessen.

Katholische Kirche in Oberösterreich
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