Mittwoch 20. September 2017

DENK.STATT Johann Gruber

© Christian Herzenberger

 

Die DENK.STATT JOHANN GRUBER umfasst alle Initiativen, die vom Verein Plattform Johann Gruber im Zusammenhang mit Gedenken und Erinnern realisiert werden.

 

Das Kunstprojekt "Passage gegen das Vergessen" der Berliner Künstlerin Renate Herter erinnert an den mutigen Priester und Pädagogen

Dr. Johann Gruber sowie an die 40.000 Todesopfer der KZ-Lager Gusen und der Stollenanlage „Bergkristall“ in St. Georgen / Gusen.

 

Darüber hinaus ermutigt es zu einem in die Zukunft gerichteten und sensiblen Umgang mit der eigenen Ortsgeschichte.

 

Das Projekt wurde in einem mehrmonatigen und mehrstufigen Prozess zwischen Kirche und Pfarrheim umgesetzt, löste zahlreiche Diskussionen in der Bevölkerung aus und veränderte letztlich die Wahrnehmung des Ortes und seiner Geschichte.

 

In der Zeit von März bis November 2013 wurde es in vorerst 5 Schritten realisiert.

 

Dabei wurden in einem ersten Schritt die Blumentröge des Kirchenvorplatzes entfernt, in einem weiteren Schritt wurde das Pfarrheim in „Johann Gruber Pfarrheim“ umbenannt, das Kriegerdenkmal über mehrere Monate verhüllt, über den Kirchenvorplatz eine Textzeile gemalt und schließlich ein Spiegelsteg errichtet, der den Blick auf die beiden Konzentrationslager in Gusen und auf die in der Nähe der Kirche befindliche unterirdische Stollenanlage „Bergkristall“ weitet.

 

In einem sechsten nachträglich von der Künstlerin installierten Schritt wurde sodann die Plane, mit der des Kriegerdenkmal verhüllt wurde, mit einem großen Bild von dessen Verhüllung im Eingangsbereich des Johann Gruber Pfarrheims installiert, um eine nachhaltige Erinnerung an die Verhüllung des Kriegerdenkmals wach zu halten.

 

Das Kunstprojekt Passage gegen das Vergessen ist ein weiterer Beitrag für den aktiven Prozess des Erinnerns an die Opfer der  Konzentrationslager in dieser Region sowie an Johann Gruber als Beispiel für Menschlichkeit und Zivilcourage.

Es markiert einen wesentlichen Schritt in einer langfristigen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit von St. Georgen/Gusen.

Entstehungsgeschichte "Passage gegen das Vergessen"

Beschreibung der einzelnen Schritte

 

Über die Initiative eines Fachausschusses der Pfarrgemeinderates (Papa Gruber Kreis) wurde am 6. April 2011 im Pfarrgemeinderat von St. Georgen an der Gusen in einem einstimmigen Beschluss der Auftrag an den Fachausschuss erteilt, ein Gedenkprojekt für die 40.000 Opfer der Konzentrationslager auf dem Pfarrgebiet von St. Georgen und für Dr. Johann Gruber in die Wege zu leiten.

 

Zur Realisierung dieses Vorhabens wurden umfangreiche Vorbereitungen getroffen: Über Vermittlung des Kunstreferates der Diözese Linz konnte Mag.a Dagmar Höss (Künstlerin und Kunstvermittlerin in der Gedenk- und Vermittlungsarbeit) als Kuratorin gewonnen werden.

 

In zahlreichen Gesprächen in der Pfarrgemeinderatsleitung, mit Gemeindevertreter/innen, in den Kulturausschüssen der drei Gemeinden St. Georgen/Gusen, Luftenberg und Langenstein, mit dem örtlichen Kulturverein, dem Heimatverein St. Georgen/Gusen und dem Kameradschaftsbund wurde sowohl die Basis für die Finanzierung als auch für den Verein „Plattform Johann Gruber“ gelegt. Dieser wurde im Jänner 2012 gegründet und setzt sich aus Vertreter/-innen der politischen Gemeinden Luftenberg, Langenstein, St. Georgen an der Gusen, Vertreter/-innen des örtlichen Kulturvereins, der Pfarre, des Papa Gruber Kreises und des Gedenkdienst­komitees Gusen zusammen.

 

In einem geladenen Wettbewerb wurden sodann acht renommierte Künstlerinnen und Künstler aus Österreich, Deutschland und Spanien von ebenfalls acht namhaften Multiplikatoren/-innen vorgeschlagen.

 

Aussschreibungstext Kunstprojekt (PDF Format)

 

Am 24. März 2012 fand ein ganztägiger Lokalaugenschein statt, bei dem sich Künstler/-innen, Jury- und Plattformmitglieder sowie die interessierte Bevölkerung trafen, um gemeinsam einige bedeutsame Orte der NS Geschichte zu begehen, das Anliegen und Thema zu vermitteln und mögliche Standorte für das geplante Projekt zu diskutieren.

 

Begehung Audioweg Gusen

 

In einer groß angelegten öffentlichen Jurysitzung am 6. Juli 2012 konnten die Künstler/-innen ihr Projekt dem Publikum (über 100 Teilnehmer/-innen) persönlich vorstellen. Die Einreichungen sind in der 2014 erschienenen Publikation "Denk.Statt Johann Gruber: Neue Wege der Erinnerungskultur (Hg. Plattform Johann Gruber) ausführlich dokumentiert.

 

Publikation: DENK.STATT Johann Gruber

 

Nach eingehender öffentlicher Diskussion fiel die Entscheidung der Jury schließlich einstimmig für das Projekt „Passage gegen das Vergessen“ der Berliner Künstlerin Renate Herter:

 

Hier können Sie die gesamte Jurysitzung sehen.

 

Sie überzeugte durch die Prozesshaftigkeit ihrer Arbeit, durch den zu erwartenden Diskussionsprozess, durch das besondere Eingehen auf den Ort St. Georgen/Gusen und die zeitgemäße Sprache des Kunstwerks.

 

Dagmar Höss

 

 

Am 24. Oktober 2012 wurde das Projekt „Passage gegen das Vergessen“ von der Kuratorin Dagmar Höss der Öffentlichkeit im Detail vorgestellt. Mehr als 120 Personen zeigten reges Interesse an dem Projekt, diskutierten und brachten Vorschläge ein, die teilweise auch zu Projektanpassungen führten. Bei dieser Veranstaltung gab der Kirchenhistoriker DDr. Helmut Wagner Denkanstöße zur Aktualität der Biographie Johann Grubers. Die Zeithistorikerin Dr. Heidemarie Uhl referierte über die Entwicklung der Gedenkkultur in der Zweiten Republik und ging dabei auf Fragen einer zeitgemäßen Erinnerungskultur ein.

 

In der Folge löste das Kunstprojekt in der breiten Bevölkerung einen unerwartet starken und breiten Diskussionsprozess aus: in Artikeln und Leserbriefen der lokalen Medienlandschaft, unter den politischen Entscheidungsträgern, in den pfarrlichen Gremien, an den Stammtischen der örtlichen Gastronomie und in unzähligen privaten Gesprächen wurde über das Projekt heftig diskutiert, ehe es noch umgesetzt wurde.

 

Heidemarie Uhl

Helmut Wagner

 

Strikte Ablehnung, aber auch zustimmende Ermutigung kennzeichneten diesen mitunter tiefgehenden Meinungsaustausch über den Stellenwert aktueller Gedenkarbeit und über die Verwobenheit des Ortes in die Ereignisse der NS-Herrschaft.

 

In der Zeit von März bis November 2013 wurde das Projekt schließlich in vorerst 5 Schritten realisiert. Dabei wurden in einem ersten Schritt die Blumentröge des Kirchenvorplatzes entfernt, in einem weiteren Schritt wurde das Pfarrheim in „Johann Gruber Pfarrheim“ umbenannt, das Kriegerdenkmal über mehrere Monate verhüllt, über den Kirchenvorplatz eine Textzeile gemalt und schließlich ein Spiegelsteg errichtet, der den Blick auf die beiden Konzentrationslager in Gusen und auf die in der Nähe der Kirche befindliche unterirdische Stollenanlage „Bergkristall“ weitet.

 

In einem sechsten nachträglich von der Künstlerin installierten Schritt wurde sodann die Plane, mit der des Kriegerdenkmal verhüllt wurde, mit einem großen Bild von dessen Verhüllung im Eingangsbereich des Johann Gruber Pfarrheims installiert, um eine nachhaltige Erinnerung an die Verhüllung des Kriegerdenkmals wach zu halten.

 

Am 29. November 2013 wurde das Projekt In einer Feierstunde von der Berliner Künstlerin Renate Herter an die Bevölkerung übergeben.

 

Feierstunde (Foto © Christian Herzenberger)

 

Von September 2013 bis März 2014 wurde eine Publikation mit dem Titel „DENK.STATT Johann Gruber. Neue Weg der Erinnerungskultur“ erstellt, die im Wagner Verlag erschienen ist.

Im Rahmen der DENK.STATT Johann Gruber wurde zudem ein umfangreiches Vermittlungsangebot erarbeitet, das sowohl auf einzelne Besucher/-innen als auch auf Gruppen abzielt.

 

Die Vermittlungsbox „DENK.STATT Johann Gruber“ richtet sich vor allem an Gruppen und initiiert altergerechte Angebote für eine vertiefende Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die erarbeiteten Materialien verstehen sich als Impulsgeber für erforschendes Lernen in und außerhalb des Unterrichts für Kinder und Jugendliche ab etwa 12 Jahren. Die Box beinhaltet zahlreiche Arbeitsanleitungen, Recherchematerialien, Literatur, Filme und Interviewvorlagen, die den Schüler/-innen eigenständige Zugänge zur Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte ermöglichen sollen.

 

Darüber hinaus wurde im Rahmen der DENK.STATT Johann Gruber der Folder „Schritte des Erinnern – St. Georgen an der Gusen im Nationalsozialismus“ erstellt, der Einzelbesucher/-innen oder Gruppen in Form eines Rundganges zu einigen ausgewählten historisch bedeutsamen Orten und ihrer Geschichte in St. Georgen an der Gusen begleitet.

 

Am 7. April 2014, dem 70. Todestag von Dr. Johann Gruber, wurde die Publikation „DENK.STATT Johann Gruber – Neue Wege der Erinnerungskultur“ im Beisein von Bundesminister Alois Stöger, Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, den Bischöfen Dr. Ludwig Schwarz und Dr. Maximilian Aichern, dem Generalsekretär des Zukunftsfonds der Republik Österreich Prof. Herwig Hösele, der Generalsekretärin des Nationalfonds Mag. Hannah M. Lessing in einer großen Veranstaltung (etwa 300 Besucher/-innen) präsentiert. Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka hielt dabei ein vielbeachtetes Referat zur „Bedeutung der Erinnerungsarbeit für die Gegenwart“. Jugendliche brachten mit einem „Gedenk-Rap“ und einem „Gruber-Rap“ ihre musikalische Beschäftigung mit dem Thema zum Ausdruck. Mit dieser Veranstaltung wurde die DENK.STATT Johann Gruber nicht abgeschlossen, vielmehr sollten bedeutsame Weichen für die Zukunft der Gedenkarbeit in der Region des Pfarrgebietes von St. Georgen an der Gusen gelegt werden.

 

 Festakt anlässlich des 70. Todestages von Johann Gruber am 7. April 2014

Passage gegen das Vergessen

Zur Entstehung. Kurzbeschreibung der einzelnen Schritte.

 „Klären, ebnen“ – Schritt 1


Bereits der erste Schritt, das Entfernen der Bepflanzung auf dem Kirchenvorplatz, führt zu zahlreichen Diskussionen in St. Georgen an der Gusen. Die geplanten Veränderungen lösen in Teilen der Bevölkerung Bedenken aus. Sie stehen stellvertretend für den Wunsch mancher, die Geschichte endlich ruhen zu lassen.

 

 „Gesicht zeigen“ – Schritt 2


Im nächsten Schritt wird der vorhandene Schriftzug „Pfarrheim“ um den Namen „Johann Gruber“ erweitert und diesem auf diese Weise das Gebäude gewidmet. „Das Pfarrheim macht so nicht nur den Namen des Priesters Johann Gruber bekannt, sondern bekennt sich damit zu einem Menschen, der im christlichen Sinne human und sozial handelte und seinen Mitmenschen praktische Hilfe und Hoffnung gab. (...)“

 

Aus: Renate Herter, Projekteinreichung DENK.STATT Johann Gruber

 

 „Sichtbar machen durch Verdecken“ – Schritt 3


Eine Anforderung an die Künstlerin war die Einbeziehung des bestehenden Kriegerdenkmals, das als Verweis auf die Geschichte der Erinnerungskultur in Österreich erhalten bleiben sollte.
Renate Herter verhüllt in einem dritten Schritt dieses Denkmal für mehrere Monate. Die durch ihren Eingriff veränderte, skulpturale Form sowie das Weiß des Materials schaffen eine Verfremdung, fordern heraus und regen zahlreiche Debatten an. Die „Abwesenheit“ des Kriegerdenkmals lässt plötzlich viele Fragen nach einem zeitgemäßen Opfer- und Täterbegriff aufkommen.

 

 „Aussprechen, Verstehen“ – Schritt 4


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Quer über den Kirchenvorplatz setzt Renate Herter eine Textzeile in Form einer weißen „Linie“ auf dem Boden. Diese Linie schafft eine visuelle Verbindung zwischen dem Johann Gruber Pfarrheim und dem Spiegelsteg, teilt jedoch gleichzeitig den Platz in zwei Hälften und durchbricht die vorgegebene Ordnung.

 

 „Eingreifendes Verändern“ – Schritt 5


Im letzten Schritt dieses Projektes verweist Renate Herter von der Holzplattform des Platzes auf den etwa zweihundert Meter Luftlinie weit entfernten Eingang zur Stollenanlage „Bergkristall“ sowie in Richtung der ehemaligen Konzentrationslager Gusen I und Gusen II. Aus dem Plateau ragt waagrecht ein doppelseitig verspiegelter Steg, in dem sich sowohl der Himmel als auch die Erde spiegeln und miteinander verbinden.

 

Die Hülle“ - Schritt 6


Nach der Entfernung der Hülle wächst dem Projekt ein weiterer Schritt hinzu: Herter legt die Hülle, mit der sie das Kriegerdenkmal zum temporären Verschwinden gebracht hatte, im Johann Gruber Pfarrheim sichtbar aus. Durch dieses „Relikt“ bleibt der Schritt 3 weiterhin sichtbar und vermittelt so auch nach der Abnahme einen wichtigen Aspekt des Projekts.

 

 

Fotos © Christian Herzenberger

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