Das Wunder der Brotvermehrung
Predigt 18. Sonntag im Jahreskreis, 2.8.2026
Perikopen: Jes 55,1-3 Mt 14,13-21
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
Das Wunder der Brotvermehrung, mehrmals überliefert im Evangelium, war scheinbar sehr wichtig für die frühen Christen. Es darf auch für uns Christen im 21. Jahrhundert wichtig sein. Ich wage heute einen Vergleich. Ich vergleiche das Wunder der Brotvermehrung mit unserer Wirtschaft. Wie funktioniert die Brotvermehrung Jesu? Wie funktioniert unsere Wirtschaft? Es ist eine andere Welt. Ja, es liegen Welten dazwischen. Welche Welt ist richtig? Ist die Welt der Brotvermehrung weltfremd, weil sie gar nicht mehr zu uns passen mag? Haben wir uns von der Welt der Brotvermehrung entfernt? Fragen über Fragen türmen sich auf. Drei Gedanken dazu.
Erstens: Zeit. Jesus nimmt sich ganzheitlich Zeit für die Menschen. Er nimmt sich nicht bloß Zeit für seine Verkündigung, wenn er den Menschen etwas zu sagen hat. Er nimmt sich am Abend des Tages Zeit, wenn das Tagewerk getan ist, in der unproduktiven Phase des Essens. Jesus nimmt sich Zeit, immer und immer wieder. Damit zeigt er uns auch, wie Gott ist. Wir glauben an einen Gott, der immer und immer wieder vorbeischaut. Da muss ich an das bekannte Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg denken, das oft falsch verstanden wird. Einige von ihnen arbeiten von früh weg, den ganzen Tag. Einige erst am Abend, nur eine Stunde. Jeder bekommt den Tageslohn, einen Denar. Warum, weil Gott nie aufhört vorbeizschauen und weil er sich eben immer wieder Zeit nimmt. Und warum, weil wir es ihm wert sind. Jesus nimmt sich Zeit für die Menschen in ihrem Hunger. Mit seinem Zeitnehmen beginnt das Wunder der Brotvermehrung. Jetzt kann er Brote und Fische nehmen und mit dem Austeilen beginnen und alle werden satt. Jesus nimmt sich Zeit. Unsere Wirtschaft funktioniert anders. Zeit ist Geld. Nur keine Zeit sinnlos verplempern. Es schmälert den Ertrag. Schnellarbeiten, im Akkord arbeiten, in der Nacht arbeiten, am Sonntag arbeiten. Die Maschinen nicht abstellen und den Menschen einer Maschine ähnlich machen. Von Eigen Roth gibt es ein aussagekräftiges Gedicht, das ich schon einmal gebracht habe. Ich möchte es in Erinnerung rufen: Ein Mensch, von Arbeit überhäuft, indes die Zeit von dannen läuft, hat zu erledigen eine Menge, und kommt, so sagt man, ins Gedränge. Inmitten all der Zappelnot trifft ihn der Schlag, und er ist tot. Was grad so wichtig noch erschienen, fällt hin: Was bleibt von den Terminen? Nur dieser einzige zuletzt: Am Mittwoch wird er beigesetzt und schau, den hält er pünktlich ein, denn er hat Zeit jetzt, es zu sein. Jesus nimmt sich Zeit, um das Brot zu vermehren. Wir können sein Wunder nicht nachmachen, brauchen es auch nicht. Die Wunder tut der Herr. Aber uns Zeit nehmen und Zeit vermehren, das können wir schon.
Zweitens: Hunger. Jesus weiß um den Hunger der Menschen, nicht nur um den Hunger für den Magen, sondern um den Hunger nach dem Leben. „Wer zu mir kommt, wird nie mehr Hunger haben.“ Jesus weiß, dass dem Menschen nach mehr hungert, als nach Brot und Spielen. Es gibt, bei vielen Menschen scheint es mir persönlich verschüttet, den Hunger nach dem Gelingen des Lebens, den Hunger nach dem Heil, den Hunger nach dem Leben in Fülle. Jesus geht es um den echten Hunger der Menschen. Der Wirtschaft geht um die Stillung von Bedürfnissen, meist nur kurzfristig. Denn es ist ja im Laden oder über das Internet schnell wieder alles zu bekommen. Um was geht es in meinem Leben? Um die schnellen Bedürfnisse oder um den eigentlichen Hunger nach Leben. Es gibt, gerade auch im Blick auf unsere sehr bürokratisch tickende Wirtschaft den etwas dummen Spruch: „Von der Wiege bis zur Bahre lauter Formulare.“ Wir Christen sagen das anders: „Von der Wiege bis zur Bahre lauter Sakramente.“ Für jede Phase unseres Lebens gibt es eine Hilfe, eine Stütze des Herrn, um unseren eigentlichen Hunger zu stillen. Viele Menschen sehen das heute anders. Man hat das Bedürfnis nach einer schönen Feier zu Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit und Begräbnis. Man hat das Bedürfnis nach einer schönen Feier, aber nicht den Hunger nach Leben. Und wo das so gesehen wird, wird es schwer vermittelbar, dass es sich hier um Feiern der Kirche und des Glaubens handelt. Es sind Feiern der Kirche. Taufe ist Aufnahme in die Kirche, in der bereits ein kleines Kind auf den Weg nach dem Hunger des Lebens gestellt. Auch das Patenamt muss so gesehen werden. Es ist ein Amt, das die Kirche vergibt aufgrund des Glaubenszeugnisses eines Menschen, damit ein junger Mensch auf dem Weg nach dem Hunger des Lebens begleitet wird. Das Patenamt vergibt die Kirche, nicht die Eltern. Und sie tut das aufgrund des Glaubenszeugnisses desjenigen, der das Amt übernehmen will. Deshalb kann niemand Pate sein, der aus der Kirche ausgetreten ist. Das ist kirchliches Gesetz. Es passiert leider, dass Taufpaten nach der Taufe aus der Kirche austreten, und sich dann bei der Erstkommunion hinter das Kind stellen. Es können ganz wichtige Bezugspersonen sein für ein Kind, keine Frage, aber sie sind keine Paten mehr, weil das Amt erloschen ist, und es nicht mehr um den Hunger nach Leben geht, sondern um das Bedürfnis vorne zu stehen. Auch bei der Firmung hat es schon ähnliches gegeben. Es wird für die Firmkarte jemand angegeben, der Mitglied der Kirche ist. Bei der Firmung steht dann auf einmal jemand da, der nicht mehr Mitglied der Kirche ist. Der Hunger ist das eine, das Bedürfnis das andere, und manchmal siegt Frechheit und Unwahrheit. Das Ganze ließe sich noch mit zahlreichen Beispielen durchspielen. Es muss im gesamten kirchlichen Tun, gerade in der Sakramentenpastoral wieder mehr um den Hunger gehen, und weniger um die Bedürfnisse. Sakramente sollen ansprechende und schön gestalte Feiern sein, keine Frage. Ich habe das immer so gesehen und sämtliche Feiern ordentlich gestaltet. Aber sich darauf zu beschränken, dass es schön war, ist zu wenig. Das tun leider heute viele´, leider auch viele Priester.
Drittens: Es bleiben zwölf Körbe übrig. Das heißt anders gesagt, dass es nicht zu wenig wird. Mangel und Fülle sind zwei gegensätzliche Pole. Die Wirtschaft funktioniert nach dem Mangel. Es könnte immer alles zu wenig werden und da steigen dann die Preise. Die Worte des Propheten Jesaja werden da ein Fremdkörper: „Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser, kauft Getreide und esst, kommt kauft ohne Geld und ohne Bezahlung.“ Der Prophet lädt uns ein an den Gott der Fülle zu glauben, der genug Brot und Fische gibt, der zu Kana einer Unmenge an Wein geschenkt hat. Wir Menschen haben immer Angst vor dem Mangel und dem zu wenig. Wie gut tut es an einen Gott der Fülle zu glauben.
Liebe Brüder und Schwestern!
Die Brotvermehrung: Jesus nimmt sich Zeit. Er weiß um den Hunger der Menschen und es wird nicht zu wenig.
Unsere Wirtschaft: Man hat keine Zeit, weil Zeit Geld ist. Es geht um Bedürfnisse und ihre Befriedigung. Es könnte schnell zu wenig sein.
Ich ziehe die Welt der Brotvermehrung unserer Wirtschaftswelt vor. Amen.
