Monday 26. July 2021

Schwerpunkt „Prinzipien der Katholischen Soziallehre“: Subsidiarität

zum 6. Sonntag in der Osterzeit (9. Mai 2021) im Jahreskreis| Lesejahr B

Autor: Peter Schwarzenbacher, MSc Referent für Diakone

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!


„Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt. So wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 15,12)


Es gibt wohl kein spezielleres und gleichzeitig universelleres Gebot im christlichen Glauben – und auch nicht darüber hinaus.


Im christlichen Glauben gibt es zahlreiche theologische und pastoral-praktische Ausformungen dieses Gebotes. In der Katholischen Kirche allen voran die Prinzipien der Katholischen Soziallehre. In einer Predigtreihe dazu soll heute ein Augenmerk auf das Prinzip der Subsidiarität gelegt werden.


„Sei dankbar für das, was du hast;
warte auf das Übrige und sei froh;
dass du noch nicht alles hast;
es ist auch ein Vergnügen,
noch auf etwas zu hoffen.“
(Seneca)


Jeder Mensch hat je eigene Begabungen, Fähigkeiten, kann auf Ressourcen aus seiner Biographie und in seinem Umfeld zurückgreifen.
Kein Mensch aber hat alles, ist in dem Sinn vollkommen.
„Niemand ist eine Insel“ (John Donne), niemand verdankt sich selbst und bewirkt die meisten Dinge alleine aus sich heraus. Wir alle sind auf unser Gegenüber angewiesen, auf Gemeinschaft.

Die Katholische Soziallehre kennt folgende sechs Prinzipien: Nachhaltigkeit, Personalität, Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenwürde und Subsidiarität.


Subsidiarität meint die Ausgewogenheit zwischen Selbstverantwortung und sinnvoller Ergänzung, meist als Hilfe zur Selbsthilfe. Jede und jeder Einzelne soll selbst aktiv werden und handeln können, nach den jeweilig gegebenen Möglichkeiten.


Wenn Grenzen dieser Möglichkeiten erreicht werden, soll die je größere Einheit unterstützen, das Ihre dazustellen.
Subsidiarität steht für das Recht des und der Einzelnen auf Eigenverantwortung in der kleineren Einheit. Und zugleich für die Pflicht der Gemeinschaft, des Staates, der größeren Einheit zur Ergänzung, dort wo sich in der kleineren Einheit eine Lücke auftut, etwas fehlt.


Über alle Zeiten hinweg ist diese Balance immer wieder in die Schieflage gekommen: politisch-gesellschaftlich, kirchlich und auch familiär usw. Der Kommunismus hat in seiner realen Ausformung meist das Recht und die Verantwortung des Individuums begrenzt oder gar verbieten wollen. Im Liberalismus ist man stets auf die reine Eigenverantwortung und die regulierenden Gesetze des freien Marktes bedacht und versucht, die gestalterische Kraft des Gemeinschaftlichen, des Staates zu unterbinden, massiv zurückzudrängen.


Demgemäß ist es dann wohl ein eigenartig anmutender Subsidiaritäts-Ansatz,
wenn heute Großkonzerne, die in den vergangenen Jahren nachweislich überaus große Gewinne eingefahren und ihre Aktionäre mit großzügigen Dividenden bedacht haben, im Corona-Jahr staatliche Unterstützung einfordern, wo sonst meistens alles Staatliche schlecht geredet wird.
Wohingegen dringend der Subsidiaritäts-Gedanke zur Anwendung kommen sollte ist in der unrühmlichen Abschiebepraxis gut integrierter Kinder, Jugendlicher und Familien im Asylbereich. Regionale Härtefallkommissionen könnten – neben dem Buchstaben der Bundes-Gesetze als sinnvolle Ergänzung – gut in jedem Einzelfall prüfen, ob nach noch festzulegenden Kriterien ein gesicherter Verbleib in Österreich zugesprochen werden kann oder nicht.


Auch eine ressourcen- und sozialraum-orientierte Seelsorge greift das Prinzip der Subsidiarität auf und hat es für ihre praktische Umsetzung differenziert weiterentwickelt. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Entwicklung und Stärkung der Individualität und Sozialität des Menschen in seinem Alltag, in seinem persönlichen Umfeld. Sozialer und pastoraler Arbeit kommt die Aufgabe zu, zu helfen, die kommunikativen und materiellen Potentiale der Menschen im sozialen Raum zu entdecken, zu stärken und nutzbar zu machen. Und erst als letzten Schritt dort etwas anzubieten bzw. zu ergänzen, wo definitiv etwas fehlt. 
Der Respekt vor der Person des Anderen, dessen Einmaligkeit, lässt nur die Option offen, nicht für die Menschen etwas tun zu wollen, sondern nur mit ihnen. Nur im eigenverantwortlichen Handeln und Sich-Einbringen können sich Menschen als befähigt, kompetent und kreativ erfahren. Und jeder Mensch hat Ressourcen, auf die er bzw. sie zurückgreifen und nutzen kann: persönliche, soziale, materielle und infrastrukturelle.


Als Basis für alle Prinzipien der Katholische Soziallehre gilt: „Das Licht Christi
scheint auf alle Menschen“: dies begründet unter anderem die unteilbare Würde des und der Einzelnen. Dies zeigt sich im Alltag der Menschen auch darin, ob ihnen etwas zugetraut wird, sie in den eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten bestärkt werden, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung keine leeren Floskeln sind.

 

Amen.
 

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