Saturday 18. January 2020

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

„Sagt den Verzagten: seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Er selbst kommt und wird euch retten.“ (Jes 35,4)


Blinden werden die Augen und Tauben die Ohren geöffnet, der Lahme springt wie ein Hirsch und die Stummen jauchzen auf. Es sind dies Zeichen für die Zeit der Erfüllung, der Ankunft des Messias. Diese Verheißungen des Jesaja gehen weit über den Advent und Weihnachten hinaus.

In der Zeit Jesu bekommen diese Verheißungen eine besondere, religiös-politische Sprengkraft. Blinde, Stumme, Taube – das waren in den Augen der gesetzestreuen Gläubigen gottferne Menschen: Ihre Behinderung wurde als ein Hinweis auf eine Strafe Gottes gesehen und deshalb wurden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt, beziehungsweise ganz ausgeschlossen. 
Jesus hingegen spricht ausgerechnet ihnen seine Trostworte zu, jenen, die außerhalb des Gesetzes stehen: Er findet Worte der Rettung für die Verlorenen und nicht nur für „die Braven“.

Eine Provokation für die Pharisäer und Schriftgelehrten, weil ihr Gottesbild ein gegenteiliges ist: Zöllner, Dirnen und Sünder haben die Gemeinschaft mit Gott auf Dauer verloren, weil sie die Gesetze der Tora nicht mehr halten konnten. Wer ein Gesetz nicht zur Gänze halten konnte wurde konsequent gemieden, verachtet. 

 

Auch Aussätzige und Arme wurden wegen eines vermeintlichen Vergehens gegen Gott und das Gesetz bestraft und für schuldig abgestempelt. Und wer seine Schuld nicht bei den Priestern im Tempel durch Brand- und Sühneopfer bezahlen konnte, blieb ebenso auf Dauer von der priesterlich verwalteten Gemeinschaft mit Gott ausgeschlossen.
Ein unmenschliches und ungerechtes System.
Gerade gegen dieses unbarmherzige System verkündet Jesus: Kehrt um! Kehrt um - zum befreienden Gottesbild der alten Propheten, bleibt nicht länger am unmenschlichen Gottesbild des Pharisäer und Schriftgelehrten hängen. Gott straft und vernichtet nicht, sondern er sammelt und rettet. Er ist der mütterliche Vater, voll Erbarmen für alle.

 

Beim Evangelisten Matthäus wird dieses Programm Jesu bereits in der Bergpredigt (Mt 5) - seinem ersten öffentlichen Auftreten - unüberbietbar angekündigt. 


Die erste Seligpreisung lautet: Selig, die arm sind vor Gott, oder wie wir auch übersetzen können: Selig, die ohne Gesetz sind, denn ihnen gehört das Himmelreich! 
Euch, denen vorgeworfen wird, das Gesetz nicht zu halten, Euch gehört schon jetzt der ganze Himmel! Eine Anlehnung an den Propheten Hosea, durch den Gott sich den Menschen mitgeteilt hat: Auch wenn du untreu bist, werde ich umso mehr mit dir gehen. (Hos 2)

Durch diesen Hosea mahnt Gott auch ein: Liebe und Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. (Hos 6,6)
Dies gipfelt bei Matthäus in der mittleren Seligpreisung: Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.
„Die Zeit ist erfüllt“ - können wir das auch für unsere Tage in Anspruch nehmen? In drei Ereignissen des zu Ende gehenden Jahres sind für mich – beispielhaft wohl für unzählige andere – so etwas wie messianische Zeichen aufgeleuchtet.

Kardinal Krajewski, Almosenmeister des Papstes in Rom, stieg in einer Samstag- nacht im Mai 2019 in den Keller einer Obdachlosenunterkunft, um das Haus wieder an das Stromnetz anzuschließen. Das leerstehende Haus war von bedürftigen Familien und Obdachlosen in Beschlag genommen worden, 450 Personen, darunter 100 Kinder. Die Situation der BewohnerInnen war dramatisch: Jede/r Dritte hatte gesundheitliche Probleme. Sie waren seit Tagen ohne Kühlschrank, Warmwasser, Waschmaschine, Licht und Kochgelegenheit, nachdem ihnen der Stromversorger wegen unbezahlter Rechnungen den Strom abgedreht hatte. Der Kardinal sah sich zu diesem humanitären Akt verpflichtet und übernahm auch die volle Verantwortung. 
„Blinden werden die Augen und Tauben die Ohren geöffnet.“
Auch im Mai dieses Jahres haben, gemeinsam mit dem ehemaligen Politiker und Flüchtlingskoordinator Ferry Maier, mehrere beherzte Leute die menschenverachtende Tafel „Ausreisezentrum“, die an der Erstaufnahmestelle für Asylsuchende in Traiskirchen angebracht worden war, entfernt. Nicht nur für sie war die Tafel eine „Dokumentation der Unanständigkeit und Menschenverachtung“ (Zitat Maier). 
„Die Stummen jauchzen auf.“
Und schließlich ein Beispiel aus der Welt des Sportes, wo Konkurrenz, jeder gegen jeden, Sieg und Niederlage systemimmanent sind. Im September 2019, bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha/Katar, kam es am ersten Wettkampftag zu einer großen menschlichen Geste. In einem Vorlauf über 5000 Meter nahm ein Läufer einen völlig erschöpften und entkräfteten Kontrahenten 200 Meter vor dem Ziel in seine Arme und führte ihn unter dem Jubel der etwa 5000 ZuschauerInnen im Schritttempo ins Ziel. 
„Der Lahme springt wie ein Hirsch.“

„Sagt den Verzagten: seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Er selbst kommt und wird euch retten.“ (Jes 35,4)
Zur Umkehr zu diesen Verheißungen und zu diesem Gottesbild ruft Jesus auf, auch in unseren Tagen. 
Gott genügt, dass es ein Mensch ist. 
Denn die Sonne geht über allen dieser Erde auf, Gerechten und Ungerechten. 
Gott will retten, er schenkt sein Erbarmen allen Menschen und wendet sich besonders jenen zu, die ihn am meisten brauchen. 
Das ist die Frohe Botschaft Jesu: Freut euch - Gott ist barmherzig, rettet und richtet auf! 
Amen.

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