Die Bedeutung der Loretoverehrung
Sie haben ihrer Frömmigkeit Ausdruck gegeben. Erst die Nachwelt macht daraus Denkmäler. Daher sehen wir als gläubige Christen bei unserer Schwarzen Madonna nicht zuerst Traditions- und Kunstgeschichte, sondern ein Bild der Gottesmutter, das religiöse Gefühle weckt und Glauben und Gebet erleichtert. Wenn ich hier eine Deutung der Statue und der Kapelle bringe, dann zeige ich nicht die Absicht des Künstlers auf, sondern meditiere ein Bild mit meinem persönlichen Zugang. Mystik ist ein tieferer, weil religiöser Zugang als Kunst- und Formgeschichte, die die meist religiöse Absicht des Künstlers kaum berücksichtigen.
Zum Verständnis der Loreto-Verehrung ist es wichtig, sich in die barocke Lebens- und Frömmigkeitswelt einzufühlen. Der Bau der Kapelle geschah bei uns wohl aus der Freude am Besonderen, Exquisiten und auch Verspielten der "Schwarzen Madonna" in einer brüchigen Kapelle. Er geschah aus der großen Freude an Bildern und an dem, was sichtbar und greifbar ist. Man erzählte sich die Geschichten vom "Fliegenden Haus", man erweiterte sie und schmückte sie aus. Auch wenn ein wichtiger Grund für den Bau der Loretokapellen die Gegenreformation der Habsburger gewesen ist, so war diese Absicht den Leuten bald nicht mehr geläufig. Sie wandten sich dem tieferen Gehalt des Loretos zu. Bilder, die die Menschen unmittelbar vor allem Nachdenken ansprechen, lassen in der Seele eine Ahnung von etwas entstehen, das von Gott schon von Anfang an ins Herz gelegt worden ist. Die Marienverehrung gibt den archetypischen Bildern des Unbewussten noch den Platz, den sie in der amtlichen Liturgie kaum mehr eingeräumt bekommen. Diese Bilder sind gewiss auch der religiösen Mode der jeweiligen Zeit unterworfen.
Das Haus der Muttergottes, in dem Gott Fleisch angenommen hat, wird zum Gleichnis unseres Lebens. Die festen und doch brüchigen Mauern stellen die Ungewissheiten, Brüche und Leiden unseres Lebens dar. Die schon "zerstörten" Bilder an den Wänden, die bruchstückhaften Fresken, sind ein Gleichnis der Vergänglichkeit von allem. Selbst die Erinnerung daran wird bruchstückhaft und verblasst. Wer das Heilige Haus Mariens betritt, betritt zugleich sein eigenes Leben, er wird im selben Atemzug zum Zuschauer und Schauspieler in diesem barocken "Theater". Er geht "in sich", geht im Wortsinn der Meditation "zur Mitte". Aus dem grellen Licht der Welt geht er in den dunklen Raum, der wie der Mutterschoß Geborgenheit bietet und doch auf etwas Geheimnisvolles verweist, das in den dunklen Tiefen der Seele haust, auf das noch Ungehobene und Unerforschte des Lebens, auf die geheimnisvolle Herkunft und die noch verborgene Zukunft des Daseins. Vergessene und bisweilen verdrängte Erinnerungen erwachen, kaum vernarbte Wunden oder eine noch offene Schuld brechen auf. Im Dunklen haust aber auch der Dämon, die Gefährdung des Daseins. Der Gang in dieses Haus der Mutter ist schon vorgebildet in den vielen Geschichten vom Gang in die Höhle, wo die Lebensblume oder ein Schatz verborgen sind, wo die Erdmutter in der Tiefe wohnt, die Perchta oder Fee, aber auch - vom Christentum böse dargestellt - Hexe und Drache. Nicht jedem gelingt dieser Gang, wie die Erzählung von der "Frau Holle" weiß
Nun ist aber ein Lauretanum keine Wiederholung eines alten Märchens. Die Frau im Dunkel, die "Schwarze Madonna" ist kein Mythos, sondern ein geschichtlicher Mensch aus Fleisch und Blut, Maria mit ihrem göttlichen Kind. Sie holt den Menschen auf den Boden der Wirklichkeit eines gelebten Lebens zurück. Sie ist nicht die "weißblaue" Frau zeitgenössischer Visionen, die kind- und makellos wie eine antike Göttin allem Irdischen entrückt ist. Sie ist vielmehr erdhaft, "braungebrannt und trotzdem schön", wie sie das Hohelied der Liebe besingt (Hld 1,5). Sie ist unsere Mutter, die um die Schattenseite des Herzens weiß. Ihr ist man verbunden, wenn es in der Seele Nacht geworden ist. Bei ihr ist man wieder im Schoß der Mutter. Und wenn "tiefes Schweigen das All umfängt und die Nacht zur Mitte gelangt ist", dann "springt das Göttliche Wort zur Erde" (Weish 18, 14-15), nimmt wie in Maria Gestalt an und verheißt den Morgen nach der Nacht des Leides.
Marias Bild steht über dem "Herd", dem Ort der Glut und der Wärme, aber es steht auch (oft hinter einem Gitter) im "Sanctuarium", gewissermaßen im intimen Bereich des Hauses. Sie ist bei aller Nähe und Verbundenheit nicht verfügbar, sowenig es auch die alten Hausgeister waren, die im Herd wohnten. Dem Menschen, der ihr Geheimnis geachtet hat, haben sie geholfen. Dem aber, der ihr Geheimnis schamlos ergründen und sich nutzbar machen wollte, dem schickten sie Spott und Unglück. So entzieht sich auch Gott dem, der ihn frech und stolz in seinen Dienst nehmen will, sodass er unerlöst dem Unheil verfallen bleibt (vgl. Lk 1,51). Gottes Geheimnis ist noch nicht enthüllt. Dem, der ins Haus der Mutter geht, wird die Nacht nicht genommen, aber sie hat schon die Mitte überschritten, und der Morgen schickt sein Ahnen voraus. Denn Maria, die "Morgenröte der Erlösung" trägt schon ihr Kind auf dem Arm, den Erlöser der Welt.
Die Schwarze Madonna weist mit ihrer Schwärze auf die dunkle, verborgene und unerforschbare Seite Gottes ("Weisheit") und der Welt (Vergänglichkeit, Tod) hin und führt sie zur Versöhnung mit der hellen Seite (Schöpfung, Liebe). Der Abstieg in das Reich des Todes beinhaltet das Aushalten der trennenden Absonderung ("Sünde"), der Dunkelheiten und Rätsel des Menschendaseins, um nach der "Höllenfahrt" die Neugeburt ins Licht erfahren zu können. Die "Himmelskönigin" und die "Schwarze Madonna" sind die Urbilder der zwei Seiten, Himmel und Erde, Leben und Tod, Gott und Mensch, die zur Einheit streben, der endgültigen Schau der "Herrlichkeit Gottes", der Vereinigung mit ihm. Die Menschwerdung Gottes bis in den Abstieg ins Totenreich ist die Versöhnung der beiden.
Daher wundert es nicht, dass die Volksfrömmigkeit Maria wie eine Göttin verehrt, weil sie durch die Frau Maria auf Gott selber blickt. In dieser Schau sieht das Volk die künftige Einheit und Vollendung, wenn alle Trennung aufgehoben sein wird. Das logisch-exakte Trennen des theologischen Verstandes zerteilt Gott und die Welt in immer kleinere "Teile" und reinigt sie vom Dunklen, ja "Schmutzigen". Das nicht hinterfragte Annehmen des Heiligen im Hellen und im Dunklen "wie die Kinder" verspricht Heilung und Versöhnung.
Als Papst Johannes XXIII. am 4. Oktober 1962 nach Loreto gekommen war, sagte er: "Die Menschwerdung des Wortes Gottes ist das Gebetsmotiv in der Stunde des Angelus, der von frommen Christen in der ganzen Welt gebetet wird. Diese uns so vertraute Form des betrachtenden Gebetes bekommt gerade hier neuen Antrieb. So möchte ich die Menschen einladen, über diese Verbindung von Himmel und Erde nachzudenken, welche ja das Ziel der Menschwerdung und der Erlösung ist."