Abschied nach 37 Jahren Diözese: Christian Pichler zieht Bilanz
Lieber Christian, mit deiner Pensionierung Anfang November 2025 geht eine beeindruckende, 37 Jahre währende Zeit in der Diözese Linz zu Ende. Wenn du zurückblickst: Wie hat alles begonnen – und was hat dich damals motiviert, dich auf diesen Weg einzulassen?
Begonnen hat alles mit meiner kirchlichen Sozialisation von Kindesbeinen an (Ministrant, Sternsinger, Lektor, …) und meinem ehrenamtlichen Engagement in der Katholischen Jugend auf Pfarr- und Dekanatsebene, damals noch KJL - Kath. Jugend Land. Mit 16 Jahren habe ich die Burg Altpernstein kennengelernt und war begeisterter Teilnehmer an vielen Burgwochenenden und Burgwochen. Die Burg war auch das Impuls-Zentrum der KJL und so war ich durch mein Engagement im Dekanatsteam auch als junger Erwachsener immer wieder mal auf der Burg.
Wie alles begann:
Eine Berufung zwischen Zufall und Fügung
In einer Studienkrise - es wurde gerade ein Burgverwalter gesucht - ereilte mich der Anruf, ob ich/wir nicht hauptberuflich auf die Burg gehen möchte/n. Wir waren damals jung verheiratet und unsere Tochter Katharina gerade mal neun Monate alt. Nach kurzer Überlegungszeit haben wir zugesagt.
Was bedeutet die Burg Altpernstein heute noch für dich?
Wir waren von Februar 1988 bis Juni 1991 auf der Burg. Obwohl es nicht einmal dreieinhalb Jahre waren, war das für mich persönlich eine der schönsten Zeiten in meinem Leben. Ich habe das Leben und Arbeiten auf der Burg trotz vieler Anstrengungen und Entbehrungen genossen. Im Burgteam waren wir neun junge Erwachsene; wir waren so etwas wie eine Arbeits- und Wohngemeinschaft mit einer gemeinsamen spirituellen Ausrichtung und einem basisdemokratischen Ansatz. Dabei konnte ich viele positive und negative Erfahrungen sammeln und ich habe viel fürs Leben gelernt.
Auf der Burg habe ich mich auch entschieden, das Jus-Studium doch abzuschließen (Promotion im Mai 1989) und unser Sohn Jakob ist im Juli 1989 auf der Burg zur Welt gekommen. Aus all diesen Gründen war die Burg ein ganz besonderer Ort für mich und eine wichtige persönliche und berufliche Station in meinem Leben. Lange habe ich damit gehadert, dass die Diözese bzw. die Kath. Jugend die Burg Altpernstein „aufgegeben“ hat. Bis heute hat die Kath. Jugend noch keine Home Base mehr, wie es die Burg für sie war.
Vom Burgverwalter über deine Tätigkeit als Referent bis hin zum Leiter des Katholischen Bildungswerks: Wenn du auf diese Etappen zurückblickst – was bleibt dir besonders in Erinnerung? Welche Erfahrungen oder Begegnungen haben dich geprägt?
Im September 1991 habe ich als Nachfolger des legendären Hans Lenzenweger im Katholischen Bildungswerk als Referent zu arbeiten begonnen. Mein erster Job war von Sept. 1991 bis April 1993 die Projektleitung und das Projektmanagement des letzten großen Medienverbundprogramms „Alles Alltag - zehn Angebote zum Leben“.
Als Neuling und Jüngster der bereits bestehenden Projektgruppe wurde ich von Prof. Mag. DDr. Georg Datterl (damals Leiter des Sozialreferats der Diözese Linz) so begrüßt: „Ah, du bist der Neue. Eins sagen wir dir gleich: Wenn das Projekt erfolgreich wird, waren es wir alle. Wenn es in die Hose geht, dann warst es du.“ Das Projekt wurde mit tatkräftiger Unterstützung aller Beteiligten in unserer Diözese mit einem Anteil von 40 Prozent aller Gesprächsrunden in Österreich sehr erfolgreich umgesetzt.
Aus meiner ersten Zeit im Kath. Bildungswerk ist mir noch in Erinnerung, dass dem damaligen Leiter, Dr. Günther Leitner, der ein echter Pionier war, bei seinen Referent:innen ein abgeschlossenes Studium und eine möglichst interdisziplinäre Teamkonstellation wichtig war. Ebenso, dass Hildegund Staininger unserem Chef den Rücken freigehalten und gestärkt hatte, wo immer es nur ging. Wir haben 1994 die erste CI-Broschüre „Kraftfelder Bewirken Wachstum“ entwickelt, bereits damals die Regionsbegleitung initiiert und nach dem Motto „2+2=5 und mehr“ auf Teambildung vor Ort gesetzt. In diese Zeit fielen auch die Geburtsstunden von SPIEGEL-Elternbildung und SelbA - Selbständig & Aktiv.
1993 bis 1996 habe ich die Ausbildung „Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung in der Kirche“ absolviert; es war die erste Ausbildung, die in Österreich stattgefunden hat. Bis 2011 war ich neben meiner Teilzeitanstellung Gemeindeberater und PGR-Klausurbegleiter. Sepp Weichselbaumer (damals Pastoralamtsdirektor-Stellvertreter) bin ich heute noch dankbar, dass er mich zur Gemeindeberatung gebracht hat und der Pastoralamtsleitung, dass sie mir diese Ausbildung ermöglicht hat. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Durchführung des ersten Open Space mit über 120 Teilnehmer:innen in Wels gemeinsam mit Dr.in Monika Udeani und Mag.a Ursi Schmidinger sowie die erste Dekanatssynode in Linz Nord im Jahr 2008.
Von Jänner 2000 bis Ende 2011 war ich mit einer 75 % Anstellung Referent für Personal-Entwicklung im Pastoralamt. Gemeinsam mit meinem Vorgesetzten, Mag. Franz Heinz und anderen Involvierten, konnten wir einige Vorzeigeprojekte initiieren und umsetzen; zum Beispiel die Module zur Führungskräftequalifizierung mit DI Dr. August Höglinger und Dr. Alfred Klinglmair, das Pastoralamtsleitbild, das PA-Führungsleitbild und das Führungsfeedback als PE-Instrument für Führungskräfte. Der ämterübergreifende Austausch und die Zusammenarbeit mit Josef Hochgerner (Diözesanfinanzkammer), Mag. Stefan Manigatterer (Institut Pastorale Fortbildung) und Mag. Herbert Schustereder (Caritas) sind mir auch noch in guter Erinnerung.
Am 1. Jänner 2012 bin ich ins Katholische Bildungswerk zurückgekehrt und habe von Dr. Günther Leitner, der in Pension gegangen ist, die Leitung des Kath. Bildungswerks übernommen.
Welche Anliegen, Werte oder Visionen waren dir als Leiter des Katholischen Bildungswerks besonders wichtig?
In meiner Antrittsrede habe ich bei einer Pressekonferenz für ein stärkeres gesellschaftspolitisches Engagement des Bildungswerks plädiert und gesagt, dass das Kath. Bildungswerk OÖ auch in den Pfarren ein Stück weit politischer werden muss. Das ist uns in der Fläche mit den Themenschwerpunkten des EB-Forums OÖ ganz gut gelungen. Und dafür wurden wir auch zweimal innerhalb von sechs Jahren (2017 und 2023) mit dem Preis der Kath. Erwachsenenbildung Österreichs ausgezeichnet, worauf ich heute noch demütig stolz bin.
Ganz wichtig war und ist mir nach wie vor, unser zum weitaus größten Teil von Ehrenamtlichen getragenes Bildungsnetzwerk vor Ort bestmöglich zu stärken, zu servicieren und im Rahmen unserer Möglichkeiten zu begleiten. Dazu gehört ein professionelles Ehrenamts- bzw. Freiwilligenmanagement, das bei einer ansprechenden Willkommenskultur beginnt, eine gute Einführung, attraktive und qualitativ hochwertige Weiterbildung sowie Teambildung und -entwicklung beinhaltet, auf hohe Wertschätzung für das Geleistete abzielt und mit einer Kultur des Danks und des "Abschied nehmen dürfens" endet.
"Wir optimieren nicht Gewinn,
sondern Menschlichkeit"
Nach wie vor hat jedes Motto, das wir uns in den letzten Jahren auf die Fahne geheftet haben, seine Gültigkeit: 2+2=5 und mehr; Stimmt der Geist, wächst die Begeisterung; Verwoben mit Gott und der Welt; Bildung trifft Begegnung; Horizont weiten - Menschen stärken; Wir optimieren nicht Wachstum und Gewinn, sondern erweitern menschliche und soziale Kompetenz.
Wie hat sich das Bildungswerk in deiner Zeit verändert, und wo siehst du seine Zukunft in einer Kirche im Wandel?
Eine große und einschneidende Veränderung war im September 2014 die Integration der Bibliotheksfachstelle als ein eigenständiges Geschäftsfeld ins Kath. Bildungswerk. Ich bin überzeugt davon, dass man die positiven Auswirkungen und die in den Pfarren und Pfarrgemeinden noch entstehenden Synergien erst in ein paar Jahren erkennen kann.
„Festliche Meilensteine“ waren 15 Jahre SelbA für mehr Lebensqualität im Alter (2015) im BH Schloss Puchberg, das große 75 Jahr Jubiläum des Kath. Bildungswerks „Verwoben mit Gott und der Welt“ mit knapp 600 Mitfeiernden im Musiktheater (2017), die vier Jubiläumsveranstaltungen anlässlich 25 Jahre SPIEGEL-Elternbildung (2019), das 70 Jahre Jubiläum von Szenario im Musiktheater (2023), die zwei Festveranstaltungen zum 30jährigen SPIEGEL-Jubiläum im BH Schloss Puchberg (2024) sowie 25 Jahre SelbA im Juni 2025 in der Welser Stadthalle.
Die Zukunft des Kath. Bildungswerks in einer Kirche im Wandel sehe ich im „aggiornamento“: im aktiven Anpassen an die Bedürfnisse der Menschen und an die Bedarfe bzw. Notwendigkeiten der jeweiligen Zeit. Das Kath. Bildungswerk muss ein attraktiver und lebendiger Teil von Kirche am Puls der Zeit bleiben und diesem Anspruch weiterhin auf anziehende, einladende und ausstrahlende Art und Weise gerecht werden. Dann werden von unseren Mitarbeiter:innen in den rund 850 Standorten und Aktivgruppen auch weiterhin kraftvolle und stärkende Bildungsimpulse für ein gelingendes Leben ausgehen, die wesentlich zur persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung beitragen.
Du warst in der Diözese immer als „bunter Hund“ bekannt? Wie siehst du dieses Image selbst? Was steckt dahinter?
Wer sagt das und wie kommst du darauf? Vielleicht, weil in meinem Büro das Bild von Prenninga „Bunter Hund“ mit dem Untertitel „I wass, i hätts net dazuaschreim miassn“ hängt? Oder weil ich gerne bunte Farben trage?
Was sicher stimmt und vielleicht diesem Image zuträglich ist, dass ich gerne etwas Neues ausprobiere (neue Veranstaltungsformate, innovative und kreative Methoden und Tools, neue/andere Zugänge zu Themen, Kleidung, …), ich Abwechslung liebe und bei mir nicht immer alles nach demselben Schema ablaufen muss.
Du hast oft gesagt, dass du jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen bist. Gehst du jetzt auch genauso gerne wieder hinaus? (und warum?)
Ja, ich bin (fast) jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen; die Arbeit war für mich sinnstiftend und hat mich erfüllt und das Kath. Bildungswerk ist fast so etwas wie eine zweite Heimat für mich geworden. „Nicht das Glück führt zur Dankbarkeit, sondern die Dankbarkeit macht glücklich“ sagt Bruder David Steindl-Rast. 37 zum weitaus größten Teil schöne und erfolgreiche Jahre liegen hinter mir und dafür bin ich unendlich dankbar.
Natürlich war nicht immer alles eitel Wonne - wo gehobelt wird, fallen Späne. Das war leider manchmal so. Wichtig war es, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, daraus zu lernen und die hoffentlich richtigen Schlüsse zu ziehen.
Das ganz Hinausgehen wird am Anfang schon eine Umstellung werden. Das lachende Auge freut sich auf weniger Termine, auf eine struktur- und sparprozessfreie Zeit, auf mehr Zeit für mich und meine Lieben sowie auf neue Herausforderungen in der nachberuflichen Lebensphase.
Das weinende Auge wird zumindest in den ersten Monaten die hauptberuflichen Kolleg:innen, die nebenberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen, die unser agiles Bildungsnetzwerk lebendig halten, aber auch die vielen qualitätsvollen Fach- und Jahrestagungen, Regionsbegleiter:innen-Klausuren etc. vermissen.
Wenn du auf deine Jahre im Bildungswerk zurückschaust: Wo hast du das Wirken Gottes oder das Miteinander im Glauben besonders gespürt?
Schwierige Frage. Am unmittelbar stärksten gespürt und getragen gefühlt habe ich mich bei den Gottesdiensten mit unserem Geistlichen Assistenten MMag. Klaus Dopler bei den Jahrestagungen in Puchberg. Aber auch bei unseren Weihnachtsfeiern in der Diözesanhauskapelle und bei den Klausuren im Großteam habe ich das Wirken Gottes und das Miteinander im Glauben manchmal mehr, manchmal weniger stark gespürt.
Und ebenso bei den vielen Jubiläumsgottesdiensten in den pfarrlichen KBW-Treffpunkten Bildung, wo ich eine starke Einbettung der pfarrlichen Kath. Bildungswerke in die jeweiligen Pfarrgemeinden und eine tiefe Verbundenheit gespürt habe; dafür bin ich auch ganz besonders dankbar.
Verrätst du uns drei Dinge, die auf deiner „Liste“ stehen, Dinge, die du in deiner Pension unbedingt tun möchtest? Bzw. gibt es überhaupt so eine Liste?
Ehrlich gesagt - es gibt keine Liste. Ich freue mich darauf, nicht mehr so termingesteuert zu sein, ebenso auf eine struktur- und sparprozessfreie Zeit. Viele wissen, dass ich gerne weit wandere - „Zeit, zu gehen“ ist also in einem mehrdeutigen Sinn angesagt.
Von einer längeren Skandinavienreise träume ich bereits seit meiner Studienzeit; damals habe ich mir eine solche Reise nicht leisten können. Auch Island steht auf meiner Reiseagenda. Und ich werde in den nächsten Jahren viele Musikfestivals besuchen: beginnen werde ich mit Schrammelklang 2026 am Herrensee in Litschau.
Unser Dekanat Altenfelden ist jetzt im Herbst in die Umsetzung Richtung Pfarre neu gestartet. Der Pfarrgemeinderat hat mich für die Mitarbeit im Kernteam nominiert.
Fad wird mir also sicher nicht. Im Übrigen bin ich neugierig und gespannt darauf, welche Chancen und Herausforderungen in der nachberuflichen Lebensphase noch auf mich zukommen werden.
Biografisches zu Christian Pichler (65)
Sein Wirken in der Diözese war geprägt von der Einstellung, dass lebenslanges Lernen wichtig ist, von der inneren Überzeugung „man muss die Menschen mögen“, von Innovationsgeist und Kreativpotenzial, von einem feinen Gespür für Netzwerke und einem tiefen Vertrauen in die Gestaltungskraft engagierter Menschen.
Seine diözesane Laufbahn begann 1988 als Verwalter auf der Burg Altpernstein. Von 1991 bis 1999 war er Organisationsreferent beim Katholischen Bildungswerk, anschließend – von 2000 bis 2011 – Referent für Personalentwicklung im Pastoralamt der Diözese Linz. Von 1996 bis 2011 war er zudem als Gemeindeberater tätig. Seit 2012 leitete Christian Pichler das Katholische Bildungswerk Oberösterreich.
Die Fragen stellte Silke Kreilmayr, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Kath. Bildungswerk OÖ