
Im Garten der Selbstentfaltung
Ein Garten ist viel mehr als Rasen, Hecke, Apfelbaum und Gemüsebeet. Er ist das Wohnzimmer im Freien, ein Ort der Geborgenheit, an dem wir bestimmen können, was zu tun ist. Die Gartenarbeit tut unserer Gesundheit gut und verbindet uns mit den Menschen, die rund um uns wohnen. Wenn der Frühling endlich angekommen ist, sind alle irgendwie fröhlicher und freundlicher zueinander. Ein Glücksgefühl durchzieht die Gartensiedlung.
Dabei ist Gartenarbeit oft eine ziemliche Schufterei. Während ich diese Zeilen in die Tastatur tippe, schmerzt mein Rücken noch etwas vom gestrigen Schaufeln. Und trotzdem kann ich es kaum erwarten, wieder weiterzumachen. Ein Garten knabbert nicht an den eigenen Batteriereserven, im Gegenteil. Er lädt sie trotz der Anstrengung wieder auf.
Gesundheit aus dem Garten
Es ist erwiesen, dass Gärtnern durch die Kombination aus frischer Luft, moderater Bewegung, dem Erleben von Selbstwirksamkeit und den vielen Eindrücken – vom satten Grün der Sträucher über die blühende Blumenpracht bis hin zum unmittelbaren Erlebnis des Wetters – eine sehr positive Wirkung auf die Psyche hat.
Einen großen Anteil daran haben die Pflanzen. Der Aufenthalt in Wäldern und Wiesen, ja bereits der bloße Anblick eines Baumes schaltet das limbische System – das unbewusste Alarmsystem des Körpers – in den Entspannungsmodus. Die Phyto philie, die Liebe des Menschen zu Pflanzen, zeigt sich durch positive emotionale und physiologische Reaktionen. Blutdruck und Herzfrequenz sinken, die Stimmung steigt. Ein Garten, auch wenn es nur die kleine Version am Fensterbrett ist, trägt also zu unserem Wohlbefinden bei.
In der Erde glücklich buddeln
Eine der Ursachen für das Glück des Gärtners liegt im Boden: das Bakterium Mycobacterium vaccae. Es ist Teil des Bodenmikrobioms und wirkt ähnlich wie Antidepressiva. Konkret aktiviert es bestimmte Neuronen im Gehirn, die das Glücks- hormon Serotonin produzieren, und verringert damit den Stress.
Ein Garten hat auch eine therapeutische Wirkung, etwa bei psychischen und neurologischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen und Burn-out. Im Wesentlichen geht es darum, den Fokus wieder auf sich selbst und auf die eigenen Grund-bedürfnisse zu richten, sprich mit den Beinen auf dem Boden anzukommen. Und das nicht nur im übertragenen Sinn.
Die Umwelt und die Tätigkeit in ihr regt den Menschen zu innerem Erleben und lösungsorientiertem Handeln an. Durch die Wahrnehmung eigener Kompetenzen steigt automatisch der Selbstwert. Im Garten zeigt sich auch unmittelbar der Verlauf der Jahreszeiten, vom Wachstum und Gedeihen auf der einen Seite bis zum Wandel und Abschiednehmen auf der anderen. Er ist eine Projektionsfläche für die eigene Persönlichkeit.
Gärten erzählen Geschichten
Apropos Persönlichkeit. Ein Garten stärkt nicht nur deine physische und psychische Gesundheit, er erzählt auch sehr viel von dir. „Zeig mir deinen Garten und ich sag dir, wer du bist“, könnte das Motto eines Sonntagsspaziergangs durch eine Gartensiedlung sein. Schon die Zäune bieten einen ersten Eindruck davon, wer dahinter wohnt. Die Palette reicht von blickdichten Thujenhecken und hochgezogenen „Lärmschutz wänden“ bis zu offen gestalteten, einladenden Vorgärten.
Die Gärten selbst sind ein offenes Buch der Seelen ihrer Besitzer. Hier der Ertrag versprechende Obstgarten, mit Hochbeeten voll Gemüse und duftenden Kräuterbeeten, gleich daneben akkurat geschnittene Hecken und kurzgeschorener Rasen der Marke „betreten verboten“. Der Mähroboter passt auf. Zwei Häuser weiter wohnt offensichtlich eine Familie mit Kindern. Neben allerlei Spielgeräten und einem Fußballtor thront im Nussbaum ein Fünf-Sterne-Sommerrefugium mit Materialseilbahn. Der Nachbar drapiert eine Heerschar von Wächtern – Gartenzwerge, Elfen, Feen, Rehkitze – und Unmengen an Blumentrögen, Minischeibtruhen und anderen Dekorationsgegenständen rund ums Haus, während der Garten daneben mehr oder weniger sich selbst beziehungsweise den Vögeln, Bienen und Schmetterlingen überlassen ist.
Vielfalt oder Monotonie?
Abgesehen von Messis, die alles sammeln, und Männern, die Kindheitsträume verwirklichen, zeigt der Umgang mit dem Natürlichen sehr viel davon, wie wir als Kinder geprägt wurden. Haben wir in der freien Natur gespielt, im Bach geplantscht oder sind wir auf Bäume geklettert, so werden uns diese Erlebnisse unbewusst als Erwachsene begleiten. Wir legen selbst einen üppigen Naturgarten an, in dem viele Lebewesen Platz haben. Haben wir im Garten unserer Eltern erlebt, dass jedes Unkraut ausgerissen wurde, werden wir uns wahrscheinlich ähnlich verhalten. Das Miteinander von Mensch und Pflanze beschränkt sich dann auf die abendliche Schneckenjagd und das Ein- schalten des Rasensprengers. Der Garten ist Teil eines überschau baren Systems, Mut zur Vielfalt wird man hier nicht finden.
Schade, denn gerade die Vielfalt ist die Basis für das Leben. Ohne vielfältige gesunde Ökosysteme gibt es keine Nahrung, kein Wasser, keinen Sauerstoff. Fast alle unsere Obst- und Gemüsepflanzen tragen nur dann Früchte, wenn sie von Tieren bestäubt werden. Insekten und Vögel halten weniger erwünschte Lebewesen in Schach und bestimmen unmittelbar, wie viel im Garten wächst Betrachten wir doch den Garten und die Welt einmal mit den Augen eines Kindes. Lassen wir uns ein auf die Faszination von Naschhecken, Regenwürmern und Steinhaufen. Lernen wir wieder den direkten Kontakt mit der Natur. Damit schaffen wir auch einen inneren Reichtum für unsere Seelen und unsere emotionale Balance. Und geben wir diese „Lebensschule der Natur“ an unsere Kinder weiter. Denn unser Handeln vererben wir weiter und das wirkt viele Generationen nach.
Autor: Christian Brandstätter
