
Endlich Leben
Hannes, du bist letzten Sommer in Pension gegangen. Hast du den viel zitierten Pensionsschock bekommen?
Hannes: Nein, überhaupt nicht. Ich habe meine Arbeit mit voller Leidenschaft gemacht, bin in der Früh mit Freude rein und am Abend zufrieden wieder heim. Klar, dass mich meine Freunde gefragt haben, ob mir die Bank nicht abgehe. Nein, tut sie nicht! Hilfreich war, dass ich mich schon länger mit dem Ausstieg beschäftigt habe und dass ich die ersten beiden Pensionsmonate im Sommer vollkommen abgeschaltet habe – keine Medien, keine Börsenberichte, gar nichts. Das hat sich erst einmal wie Urlaub angefühlt. Erst danach habe ich mir dann wieder Sachen angeschaut, die mich interessieren.
Wie hast du das erlebt, Gerlinde?
Gerlinde: Hannes geht ein viel höheres Tempo als ich. Heim von der Arbeit, die nächste Tasche geschnappt und zu einer Sitzung. Das war auch für mich stressig. Jetzt ist es ruhiger geworden und das ist sehr angenehm. Einige Freundinnen haben mich gefragt, wie ich das aushalte, wenn der Hannes jetzt so viel daheim ist, und ob ich ihm schon To-do-Listen geschrieben habe. Nein, ich schreibe keine Listen. Ich gehe davon aus, dass er selber sieht, was zu tun ist.
Hannes: Zugegeben, beim Haushalt bin ich nicht gerade auf Gerlindes Level. Manches Mal habe ich auch ein schlechtes Ge wissen. Listen hätten bei mir aber eh nichts genützt. Das klingt sehr fremdbestimmt und das mag ich nicht.
Gerlinde: Du machst jetzt schon viel mehr, vor allem im Ver gleich zu früher. Etwa den ganzen Einkauf oder das Kochen.
Hannes: Ja, ich koche gern, und wenn ich koche, dann kann es schon mal aufwendig sein. Ich erlebe es als eine Form von Produktivität, die ich vorher in der Arbeit gehabt habe. Und da erlebe ich auch Wertschätzung, so wie früher im Job.
Was ist für einen guten Start in die Pension wichtig?
Hannes: Zuerst die Verabschiedung in der Firma. Ich lasse einen wesentlichen Teil meines Lebens, in den ich viel Energie gesteckt habe, zurück. Das sollte gut und wertschätzend abgeschlossen werden, sonst bleibt eine tiefe Verletzung. Wenn die Firma das nicht macht, kannst du ja deine Lieblingskollegen zu einer Grillerei einladen.
Gerlinde: In dieser Zeit ist es auch wichtig, die berufliche Zeit zu reflektieren. Was war mir im Beruf besonders wichtig? Wo habe ich meine Kraftquellen erlebt und was hat mir die Kraft geraubt? Und vor allem: Was davon kann ich jetzt in meiner Freizeit in anderer Form weiterleben?
Hannes: Wenn du aus dem Job aussteigst, verlierts du an Bedeutung, viele Kontakte fallen weg, weil sie mit der Arbeit zusammenhängen. Männer müssen sich ihre sozialen Kontakte neu aufbauen, über Sportvereine oder in der Kirche und der KMB, weil sie hier Sinnsuche, Werte und soziales Engagement teilen können. Die wenigsten haben wirklich einen Freund, mit dem sie über alles reden können.
Was sollen Paare bedenken, wenn ein Partner in Pension geht?
Gerlinde: Die wichtigen Fragen, die sich beide Partner ein Leben lang stellen sollten, sind folgende: Was hält uns zusammen? Ist das, was ich tue, attraktiv für die Beziehung? Möchte ich mit mir selber verheiratet sein? Durch den Wegfall des Berufes müssen die Details neu angeschaut werden: Wie gehen wir mit unserer Freizeit, mit unseren Freunden, mit dem Haushalt, mit dem Geld, mit unserer Gesundheit um? Was ist mein Bereich? Was ist dein Bereich? Was ist unser Bereich? Wo haben wir unsere Freiräume und was sind unsere gemeinsamen Interessen? Menschen, die das neue Zeitbudget gut aushandeln, können sich meist gut an die neue Situation anpassen.
Hannes: Es heißt nicht, dass die Paare jetzt alles gemeinsam machen müssen, gemeinsam kochen und abwaschen, gemein sam einkaufen, gemeinsam spazieren gehen.
Gerlinde: Mir sagen viele Frauen, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen können, mit ihrem Mann zu arbeiten. Sie wollen den Haushalt lieber weiterhin alleine machen.
Hannes: Trotzdem gibt es oft die unausgesprochene Erwartung, dass er sich mehr einbringt. Da wäre es besser, die Erwartungen konkret zu benennen.
Gerlinde: Frauen sagen oft zu ihren Männern: „Trägst du mir den Mistkübel raus? Hängst du mir die Wäsche auf?“ Das kommt dann so an, als ob Mistkübel und Wäsche der Frau gehören. Es ist aber unser Mistkübel, es ist unsere Wäsche.
Hannes: Auf jeden Fall sollte man das schlechte Gewissen hinterfragen – wenn ich einmal länger liegen bleibe oder nur einen kleinen Teil des Haushalts mache. Da war es für mich hilfreich, wie du gesagt hast, dass das für dich passt. Man muss sich das aber gelegentlich anschauen, ob es immer noch für beide passt.
Gerlinde: Von den Männern wünsche ich mir generell, dass sie die Fürsorglichkeit mehr lernen und leben, ein ganzes Leben lang. Von den Frauen wünsche ich mir, dass sie ihr Prinzessinnengehabe reduzieren. Wenn ich körperlich fit bin, muss ich meinen Alltag nicht umstellen. Das, was ich vorher gemacht habe, kann ich genauso weitermachen.
Hannes: In unserem Seminar wird auch der Austausch in der Frauen- und Männergruppe sehr wertvoll erlebt, da die unter schiedliche Herangehensweise verbindet. Es gibt nicht das richtige und das falsche Modell. Wenn die Paare von sich erzählen und ihre Gedanken teilen, ist sicher die eine oder andere Anregung für die anderen Paare dabei.
Was sind aus deiner beruflichen Erfahrung die häufigsten Probleme in dieser Lebensphase?
Gerlinde: Das reicht von kleinen Alltagstätigkeiten, wo sich Frauen kontrolliert fühlen, bis hin zu ganz essenziellen Themen wie Geldsorgen oder gesundheitlichen Veränderungen des Partners. Fehlende Wertschätzung führt zur Abwertung des anderen bis hin zum Zynismus. Nicht selten wird der Alkohol dann zum Problemlöser, bei Männern und Frauen. Viele lassen sich gehen, etwa was die Körperpflege betrifft, bis hin zur Verwahrlosung. Da wundert es nicht, dass die Trennungen im Alter steigen. Eine Studie aus Deutschland hat gezeigt, dass ein Drittel glücklich lebt, ein Drittel im Kampf lebt und ein Drittel hat resigniert und wartet, bis der andere stirbt.
Der Seminartitel „Endlich leben“ hat ja noch eine zweite Dimension. Welche Fragen stellen sich mit dem Blick auf die Endlichkeit des Lebens?
Hannes: Es geht um die Sinnsuche. Welche Werte sind mir wichtig? Was will ich in der Zeit, die mir bleibt, noch auf die Welt bringen? Wir zeichnen ein Bild der eigenen und der gemeinsamen Zukunft. Dabei geht es um drei Fragen: Was ist nicht mehr möglich? Was ist jetzt noch möglich? Was ist erst jetzt möglich? Großeltern können etwa viel gelassener und geduldiger mit ihren Enkerln umgehen als Eltern in der stressigen Berufszeit. Es geht darum, das bewusst zu schätzen.
Gerlinde: Leider haben viele Menschen im Fokus, was nicht mehr möglich ist. Sie bleiben in ihrem Frust stecken, werden richtig verbittert und nutzen jede Gelegenheit zu schimpfen und zu jammern. Da wirst du für den Partner ungenießbar.
Wie kommt man da wieder raus?
Gerlinde: Zum Beispiel, indem man nach positiven Vorbildern sucht. Wen erlebe ich im Alter glücklich? Warum ist das für mich attraktiv? Solche positiven Bilder verändern am leichtesten etwas. Natürlich ist der körperliche Zustand eine Herausforderung. Wer gebrechlich ist und Schmerzen hat, sollte sich nicht an jenen orientieren, die mit 80 am Berggipfel oben stehen, sondern schauen, was für sie gut möglich ist.
Interview von Roswitha Reisinger und Christian Brandstätter
Zu den Personen:
Gerlinde Hofer ist Partner-, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin und arbeitet als Regionalkoordinatorin für die Beratungsstellen in Enns, Steyr und Weyer der kirchlichen Einrichtung „beziehungleben.at“.
Ihr Mann Hannes ist seit letztem Sommer in Pension zumindest in seinem Brotberuf als Bankdirektor. Ehrenamtlich ist er nach wie vor in der Pfarre St. Florian, in der Lebenshilfe, im Vorstand der KMB Linz und in vielen weiteren Engagements unterwegs.
Aus der beruflichen und privaten Erfahrung heraus organisieren die beiden Seminare für Paare im Übergang in den sogenannten Ruhestand. Der Titel „Endlich Leben“ bedeutet für sie, im „JETZT“ zu leben, Dinge zu tun, die endlich möglich sind. Im Alter nichts mehr aufschieben, sondern umzusetzen, mit dem Bewusstsein, dass das Leben endlich ist. Bruder David Steindl-Rast nennt es die Verbundenheit mit mir, mit dem Partner, mit der Schöpfung im Hier und Jetzt. Damit wird unser Tun nicht aktionistisch und fremdbestimmt, sondern Ausdruck unserer Haltung und Werte.
