
Die Kraft der Stille
Die laute Welt
Da ist zuerst die messbar laute Welt rund um uns. Im Gegensatz zu den Augen können wir unsere Ohren nicht schließen. Wir sind dauernd akustischen Reizen ausgesetzt. Um sechs Uhr morgens reißt uns der Zeitungsausträger aus dem Schlaf, der mit seinem alten Moped durch die Siedlung rattert, kurz darauf schaltet sich der Radiowecker ein, der Straßenlärm schwillt an, die Kaffeemaschine mahlt den Frühstückskaffee, der Nachbar startet seinen Traktor, ich werde heute noch den Rasen mähen.
Um wirklich konzentriert geistig tätig sein zu können, dürfen die Umweltgeräusche nicht über 55 Dezibel (dB) anschwellen. Ab 120 dB besteht bereits akute Verletzungsgefahr für Hörzellen, bei einem Knall von 150 dB platzt das Trommelfell. 180 dB sind tödlich. Der Motorrasenmäher erzeugt übrigens 90 dB.
Ich sollte einen Gehörschutz tragen.
Ganz unabhängig davon, ob sie gewollt ist oder nicht – die ständige Geräuschkulisse hat Folgen. Umweltlärm stellt meist keine direkte Gefahr für die Hörorgane dar, er wirkt subtiler. Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien führt drei Ebenen an: „Erstens die psychische Ebene, wenn jemand gereizt oder aggressiv reagiert, wenn spät abends wiederholt nebenan gehämmert wird. Zweitens die geistige Ebene, wenn Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis durch ablenkende Musik leiden. Die dritte Ebene umfasst eine Reihe physiologische Vorgänge. Es kommt zu einer Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems, zu einer vermehrten Freisetzung von Stresshormonen.“ Alles zusammengenommen wird als lärmbedingte Stressreaktion bezeichnet.
Äärm ist allerdings nicht nur eine in Dezibel messbare Größe, er beinhaltet auch subjektive Merkmale wie etwa die Einstellung gegenüber der Geräuschquelle oder der aktuellen physischen und psychischen Verfassung. Gestresste Personen reagieren sensibler auf akustische Beeinträchtigungen und empfinden diese auch eher als störend. In diesem Kontext ist es auch nach vollziehbar, dass Lärm psychische Erkrankungen verstärkt.
Der stille Lärm
Digitale Plattformen drängen sich wie ein ständiges Hinter grundrauschen in unseren Alltag. Bilder und Meinungen prasseln meist gleich nach dem Aufwachen auf uns ein. Wir haben tagsüber unsere dauernde Erreichbarkeit in unseren Taschen stecken, als wäre es unsere Pflicht, immer sofort zu reagieren, immer verfügbar zu sein, als würde die Welt sonst stehenbleiben. Und am Abend hält uns ein Mix aus Kriegsberichten und Krimiserien bis zum Schlafengehen in Spannung.
Zu den äußeren Reizen mischen sich dann unsere eigenen Sorgen, die wir nicht abschütteln können. Sorgen um die Gesundheit, finanzielle Belastungen, Sorgen um die Familie. Es ist ein Lärm, den sonst niemand hört. Und vielleicht ist er gerade deshalb so anstrengend.
All das muss auch einmal verarbeitet werden. Selbst wenn um uns herum Ruhe herrscht, rauscht es in uns weiter. Dieser stille Lärm macht etwas mit uns: Er erschöpft. Er nimmt uns Konzentration, Schlaf, Gelassenheit. Wir laufen im Dauerbetrieb, re agieren schneller gereizt, fühlen uns überfordert oder ziehen uns zurück.
Die unerträgliche Stille
Da kommen wir nicht so einfach wieder raus! Bei vielen Men schen ist die Stille kein Rückzugsort mehr. Viel mehr wird der Lärm zum Entspannungsindikator. Wir dröhnen uns noch mehr zu, um die Dämonen in unseren Köpfen zu vertreiben. Aus physiologischer Sicht hat Lärm eine ähnliche Wirkung wie psychotrope Substanzen, weil verstärkt Stresshormone wie Cortison und Adrenalin produziert werden. Diese putschen den Körper auf und forcieren den Aktivitätsdrang. Anders bedeutet Ruhe, die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu richten und sich dem eigenen Ich zu widmen. Manchen Menschen ist dieser veränderte Fokus mittlerweile fremd geworden, sie reagieren mit Unruhe bis hin zu Angstgefühlen. „Jeder Mensch hat sein eigenes individuelles Ruhebedürfnis“, betont Hutter. Allerdings sei es notwendig, „den Menschen wieder verstärkt Ruheräume und Ruhezeiten zu bieten bzw. diese nicht noch mehr zu vernichten.“
Zur Ruhe kommen
Stille beginnt oft dort, wo wir sie am wenigsten vermuten. Wenn wir das Handy in der Straßenbahn bewusst in der Tasche lassen, den Kopf heben und das Geschehen rundherum beobachten. Oder draußen in der Natur bei einem Spaziergang im Wald oder einer Rast am Wasser, wo der Druck abfällt und der Atem wieder spürbar wird. Manchmal finden wir Stille auch in einem Gespräch. Ein offenes Wort unter Freunden oder ein ehrlicher Austausch kann mehr Ruhe bringen als eine Stunde Alleinsein. Stille kann auch entstehen, wenn wir uns auf etwas konzentrieren. Ich selbst erlebe aktuell gerade eine tiefe Entspannung beim Fliesenlegen. Da gehe ich voll und ganz im Zusammensetzen der einzelnen Steine auf und im Nu ist der Kopf frei. Neben dem Handwerken eignen sich auch das Kochen oder der Sport, um uns aus unserem Gedankenkarussell zu holen.
„Wenn es besonders hektisch ist, dann setze ich mich einfach in eine leere Kirche“, erzählte mir ein Freund. „Manches Mal übt gerade ein Organist für die nächste Messe, da entsteht eine ganz besondere Stimmung und auch die Gelegenheit, wieder einmal mit Gott zu reden.“ An einem der hektischsten Orte in Österreich, dem Wiener Hauptbahnhof, hat die Erzdiözese Wien einen Raum der Stille mit multireligiöser, ökumenischer Ausrichtung errichtet. Er ist offen für alle, die einen Ort der Ruhe, des Rückzugs und des Gebets suchen. Die vielleicht wichtigste Ruheoase ist der Punkt, an dem wir Grenzen der Erreichbarkeit setzen. Die bewusste Entscheidung, nicht auf jede Nachricht sofort zu reagieren und Zeiträume einzubauen, in denen niemand etwas von uns erwartet. Diese Pause von den digitalen Geräten nennt man auch „Digital Detox“, „digitale Entgiftung“. Konkret sind dies kürzere oder längere handyfreie Zeiten, Social-Media-Pausen oder bildschirm freie Zonen, etwa im Schlafzimmer.
Die Kraft des Schlafens
Der Schlaf ist der wichtigste Zeitraum, um zur Ruhe zu kommen. Er zählt neben Ernährung und Bewegung zu den wesentlichen Säulen unserer Gesundheit. Damit das auch gelingt, müssen wir störende Faktoren so weit wie möglich ausschalten, und das ist nicht nur das Handy. Es ist unglaublich, wie viel Ballast wir jeden Abend mit ins Bett nehmen. Da ist der physische Ballast in Form eines üppigen Abendessens und viel Alkohol. Das hält den Körper bis in die frühen Morgenstunden auf Trab. Auch wenn wir geschlafen haben, erholt haben wir uns nicht. Wichtig sind auch ausreichend gute Luft und möglichst kühle Temperaturen. Mindestens genauso störend ist der seelische Ballast, der sich penetrant in unserer Gedankenwelt ausbreitet und uns nicht schlafen lässt. Das sind vor allem die vielen alltäglichen Sorgen, aber auch die Katastrophenmeldungen, die uns jeden Abend den Weltuntergang ins Bett legen. Vielleicht hilft es ja, wenn man kurz an die erfreulichen Momente des Tages denkt und mit diesen guten Gedanken einschläft.
Stille in den Religionen
Neben dem alltäglichen Ringen zwischen laut und leise, zwischen Stress und Ruhe hat die Stille im Christentum und allen anderen Weltreligionen eine zentrale Bedeutung. Sie ist der Ort der Begegnung mit Gott und damit ein ganz zentraler Faktor für jegliche Spiritualität. Für die Christen ist Stille kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung, um Gottes Stimme zu hören und das Leben auf Christus auszurichten. Jesus selbst zieht sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, vor wichtigen Entscheidungen sucht er die Stille. Auch in der Heiligen Messe gibt es diese Momente, um ganz bei sich zu sein, Momente, in denen es nichts zu sagen gibt, weil Gott aus der Stille spricht. Im Buddhismus ist die Stille grundlegend für die Meditation. Sie ermöglicht das Erkennen der Natur des Geistes und die Erfahrung von Leere auf dem Weg zur Erleuchtung. Der Hinduismus nutzt die Stille beim Yoga, um das Selbst zu erkennen. Im Judentum, das großen Wert auf die Sprache legt, steht die spirituelle Kraft der Stille für die Bereitschaft, die verborgene göttliche Weisheit zu empfangen. Und auch im mystischen Islam kennt man das Schweigen des Herzens, das frei wird von weltlichem Lärm, um Gottes Gegenwart zu spüren.
Die große Stille
Für seinen Film „Die große Stille“ (2005) über das Leben der Kartäusermönche lebte Philip Gröning mehrere Monate allein in einer Zelle im Kloster in der abgeschiedenen Grande Chart reuse in den französischen Alpen. Gröning durfte nur ohne Filmteam arbeiten und filmte alles selbst. Daraus ist nicht nur ein Film über Stille entstanden, sondern ein außergewöhnlich stilles, meditatives Kinoerlebnis. Gröning verzichtet vollständig auf Kommentare, Interviews oder Filmmusik und vertraut ganz auf Bilder, Geräusche und Rituale, die den kontemplativen Rhythmus des Klosterlebens prägen. Der Film zeigt die Mönche in ihrem Schweigen, ihren Gebeten, bei einfachen Tätigkeiten und in der strengen Struktur ihres Tages. Die Reduktion auf Umgebungsgeräusche – Schritte auf Stein, das Läuten der Glocken, das Rascheln von Stoff – schärft die Wahrnehmung und macht die Stille selbst zum Hauptdarsteller.
Fünf Tage offline
„Die große Stille“ verlangt Geduld. Geduld, die man auch braucht, wenn man sich selbst zum Schweigen in ein Kloster begibt. Mehrere Orden bieten Seminare dazu an. „Wenn Stille schreit“ titelt das „Experiment Selbsterfahrung“ im Stift St. Lam brecht in der Steiermark. „Die Exerzitien sind eingebettet in den klösterlichen Tagesrhythmus“, erzählt Seminarleiter Abt Alfred Eichmann. „Ziel ist es, im Schutz des Klosters das Schweigen zu üben und Stille zu hören, Gemeinschaft zu erleben und Allein sein auszuhalten, mit Offenheit in die Tage hineinzugehen und zu staunen, was alles da ist. Und das alles mit einer geistlichen Begleitung.“
Maximal zehn Teilnehmer leben fünf Tage im Benediktinerkloster ohne Kommunikation mit außen. Sie treffen sich zu den Gebets- und Mahlzeiten. Gegessen wird, ohne zu reden. Den Rest des Tages verbringen sie allein, in der Meditation, im Gebet, im Kloster oder bei einem Spaziergang in der Natur. Als Impuls für den Tag dient ein Text aus der Heiligen Schrift. Mit dem geistlichen Begleiter gibt es täglich ein 15-minütiges Gespräch, bei dem sie ihre Gedanken und Erfahrungen aus- tauschen.
„Die Benediktiner sind von der Struktur her sehr geordnet“, erzählt Abt Eichmann. „Und das tut gut, wenn im Leben ein Rhythmus, eine Ordnung fehlt. Kein Morgen, kein Mittag und auch keine Nacht, in der man sich vom Lärm des Tages erholen kann. Die Stille soll helfen, zu einem echten Gemeinschaftserleben zu kommen. Zu mir selber, zum Nächsten und natürlich auch zu Gott, der ja meistens ausgeschlossen wird aus unserem Leben.“
In den kurzen begleiteten Gesprächen geht es meist um Beziehungen, um Verletzungen, die nicht aufgearbeitet wurden, aber auch um den Beruf oder Änderungen, wenn ein neuer Lebens abschnitt beginnt. Durch das Schweigen beruhigt sich viel, auch in der Seele, und es kommt ganz viel hoch.
„Am Ende der Woche sind die Teilnehmer erstaunt, wie sie durch ein gestaltetes Schweigen ein Stück in eine Gemeinschaft hineinkommen sind und wie viel Kommunikation in dieser Schweigsamkeit geschieht. Sie sagen mir, dass sie sich untereinander so kennen würden, als wenn sie immer miteinander geredet hätten“, so Abt Eichmann.
Stille Männer
Und wie geht es speziell den Männern mit der Stille? „Sie sind es gewohnt, Leistung zu bringen und Ergebnisse zu liefern. Das Nichtstun wird eher als ineffizient gesehen, daher brauchen sie eine Begründung“, sagt Hans-Peter Eggerl, Männerseelsorger im Bistum Passau. Es gehe darum, sich zu erholen, um dann wieder die gewünschte Leistung erbringen zu können. Es gehe um eine Distanz zu Problemen in der Arbeit, um in diesem Frei raum Lösungen zu finden.
Eggerl holt die Männer dort ab, indem er ihnen einen Weg in die Stille bereitet, ruhige Musik und Atemübungen, bis sie sich dar auf einlassen können. Vom Tun-Müssen zum Sein-Dürfen. „Im stressgetriebenen Berufsleben ist das für den Mann besonders wichtig, weil es seiner Gesundheit guttut, seiner Ausgeglichen heit und auch seiner Partnerschaft, weil er dadurch aufmerksamer sensitiver und gelassener wird.“
Im spirituellen Sinn ergibt sich der Mehrwert von Stille laut Eggerl nur bei einer entsprechenden inneren Disposition. „Ich kann die Stille nutzen, um in mich zu gehen und mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten. Das ist dann die Stille, die meine Seele stärkt. Und es ist nicht dieselbe Stille etwa, in der ich darüber nachdenke, wann ich das Auto wieder einmal wasche.“ Und oft würden die Männer gar nicht wissen, dass sie gerade die Stille genießen, wenn sie etwa am Berg sind und staunend in die Landschaft schauen.
Autor: Christian Brandstätter
