
Krieg, Frieden und Versöhnung
Diese Geschichte beginnt im ostafrikanischen Ruanda. Von April bis Juli 1994 wurde in nur 100 Tagen nahezu eine Million Menschen brutal ermordet. Die bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Todeslisten wurden Straße für Straße „abgearbeitet“. Das Genozid-Museum in der Hauptstadt Kigali öffnet einen schaurigen Blick in die Abgründe der Menschheit und zeigt, wie es dazu kommen konnte. Die Wurzeln für dieses Massaker gehen zurück bis in die deutsche Kolonialzeit um 1900. Getrieben von der damaligen Rassenideologie wurden die Einheimischen je nach Anzahl der Tiere, die sie besaßen, in Hutus (Ackerbauern) und Tutsis (Viehzüchter) geteilt. Tutsis wurden bevorzugt behandelt, die Mehrheit der Hutus systematisch vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. So wurde ein Grundstein für das spätere Morden gelegt. Der jahrzehntelang aufgestaute Hass entlud sich in dem Plan, die Tutsis auszurotten.
Rosenkranz des Leides
„60 offene kriegerische Auseinandersetzungen gibt es derzeit weltweit, von vielen wissen wir hier kaum etwas“, sagte Cesare Zucconi, der Generalsekretär der internationalen katholischen Bewegung Sant‘Egidio, in seinem Referat bei der KMBÖ-Sommerakademie letzten Sommer in St. Pölten. Es spricht vom „Rosenkranz des Leides“, wenn im Südsudan hunderttausende Zivilisten durch Gewalt, Hungersnot und Krankheit ums Leben kommen, wenn das friedliche Burkina Faso vom Terrorismus erschüttert wird, wenn in Mosambik Bodenschätze von multinationalen Konzernen ohne Nutzen für die lokale Bevölkerung ausgebeutet werden oder islamistische Gruppierungen Tod und Zerstörung bringen. Krieg und Gewalt sind auf der Welt allgegenwärtig. Großmächte wie Russland oder die USA aber auch die europäischen Staaten sind vielfach indirekt oder direkt in die Kriege des Globalen Südens verwickelt und damit auch für den Kriegszustand der Welt verantwortlich.
„Wir Europäer haben gedacht, das sind die Kriege der anderen, die gehen uns nichts an. Wir wollten nicht in unserem ‚kleinen Frieden‘ in unserer begrenzten Welt gestört werden“, so Zucconi. Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die unabhängige Ukraine einmarschierten, ist die Bedrohung näher gerückt. Vier Jahre Krieg, ein Frieden nicht in Sicht, möglicherweise ein Waffenstillstand. 12,7 Millionen Ukrainer werden von der UNHCR, der UN-Organisation für den Schutz und die Unterstützung von Flüchtlingen und Vertriebenen, als dringend hilfs- und schutzbedürftig eingestuft, knapp sechs Millionen sind ins Ausland geflüchtet, viele auch nach Österreich. Hunderttausende Menschen sind auf beiden Seiten ums Leben gekommen.
Gleichzeitig werden viele Institutionen geschwächt und Abkommen gekündigt, die nach den Tragödien der beiden Weltkriege zur Friedenssicherung eingerichtet wurden. Die UNO und mit ihr der Multilateralismus befinden sich in einer schweren Krise. Internationale Verträge sind im Namen kurzsichtiger nationaler Interessen zu Makulatur geworden. Das Völkerrecht wird mit Füßen getreten. Menschenleben sind immer weniger wert. Reiche Staaten stellen die internationale Zusammenarbeit ein. „Der Weltfrieden ist stark gefährdet“, warnt Zucconi. „Es braucht nicht viel. Ein Unfall und es kann zu einer Katastrophe von globalem Ausmaß kommen.“
Bei den Ursachen ansetzen
Ein Krieg oder ein gewaltsam ausgetragener Konflikt fällt nicht einfach vom Himmel. Da gibt es eine jahrelange, meist sogar jahrzehntelange Vorgeschichte. Die Diskriminierung oder Unterdrückung einer bestimmten Gruppe, meist gepaart mit extremer Armut und Ungerechtigkeit, sind eine häufige Ursache für eine gewaltsame Entladung des aufgestauten Hasses. Daher sind alle Initiativen zur sozialen Gerechtigkeit auch ein Beitrag für den Frieden.
Vielen Kriegen liegen territoriale Ansprüche zugrunde. Zumeist geht es dabei um den Zugang zu Rohstoffen wie Energie und Wasser oder die Kontrolle strategisch wichtiger Regionen wie Transportwege oder Häfen. Nicht selten handelt es sich dabei um Stellvertreterkriege, bei denen die Großmächte ihre wirtschaftlichen Interessen behaupten. Maßnahmen für faire internationale Handelbeziehungen sind zur Absicherung des Friedens sicherlich förderlicher als eine protektionistische Zollpolitik.
Zu den wesentlichen Kriegsursachen gehört die Logik der Gewalt und des Krieges, der zufolge man nur in der Aufrüstung einen Weg zum Frieden sieht. Maßgeblich beteiligt daran sind die wirtschaftlichen Interessen der Rüstungsindustrie in enger Verflechtung mit dem Militär und der Politik. Die Medien sollen die öffentliche Meinung beeinflussen und Akzeptanz für militärische Maßnahmen schaffen.
Ein Auslöser für schwelende Konflikte, die sich in (Bürger-) Kriegen entladen, sind Gegensätze wie Demokratie versus Autokratie, Kommunismus versus Kapitalismus, übersteigerter Nationalismus versus Weltoffenheit oder religiöser Fundamentalismus. Sie dienen als ideologischer Überbau, um die Gewalt zu rechtfertigen. Wer den Dialog mit den anders Denkenden, den anders Glaubenden fördert, leistet einen wichtigen Beitrag für den Frieden.
Zündeln
Aktuell erleben wir genau das Gegenteil, nämlich eine Spaltung der Gesellschaft. Die „Hassprediger“ nehmen sich ihre Bühne. Sie teilen uns in „kleine Leute“ die es zu schützen gelte und in „Eliten“, denen man es einmal so richtig zeigen sollte, in „unsere Leute“, die bevorzugt und „Ausländer“, die benachteiligt werden sollten. Donald Trump – und bei Weitem nicht nur er - denkt laut darüber nach, wie er einen Keil in die europäische Staatengemeinschaft treiben kann. Und religiöse und andere Fundamentalisten rufen ganz offen zur Gewalt gegen Menschen anderen Glaubens oder anderer geschlechtlicher Identität auf.
Das Genozid-Museum in Kigali widmet sich ausführlich dem Thema, wie entmenschlichende Sprache letztlich zu Gewalt führt. Tutsis wurden als Kakerlaken bezeichnet, die man zertreten solle. Solche Metaphern entziehen Menschen ihre Menschenwürde. Wenn Menschen nicht mehr als Menschen, sondern als Ungeziefer wahrgenommen werden, fällt es Tätern leichter, Gewalt auszuüben. Wenn Medien und Politiker solche Begriffe wiederholen, verschiebt sich die moralische Grenze in der Gesellschaft. Gewalt bis hin zum Töten wird zur „Säuberung“ – mit plakativ gezeigten Besen oder Motorsägen. Auch in Ruanda hatten die Medien großen Anteil an der Eskalation. Radiosendungen verbreiteten die Hetze und riefen zur Gewalt auf, oft mit humoristischen oder alltäglichen Formulierungen, was die Hemmschwelle senkte.
Unabhängige Medien ausschalten
Unabhängige Medien sind den Autokraten und Kriegstreibern dabei ein Dorn im Auge. Sie sichern sich sehr rasch die Kontrolle über Information und öffentliche Meinung und bauen die Medienlandschaft systematisch um. Journalisten werden eingeschüchtert, staatliche Genehmigungen entzogen, unabhängige Medien werden entweder verboten, aufgekauft oder unter staatliche Kontrolle gestellt. Der Zugang zu kritischen Websites wird blockiert, automatisierte Accounts werden zur Verbreitung regierungsfreundlicher Inhalte eingesetzt, kritische Berichterstattung wird kriminalisiert. Mit der Förderung von „alternativen Wahrheiten“ und durch gezielte Desinformation wird das Vertrauen in die Medien untergraben und die Bevölkerung verwirrt.
Die Stärkung von unabhängigem Qualitätsjournalismus ist ein Beitrag für den Frieden, gerade in Zeiten, in denen Qualitätsmedien oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk torpediert werden und sich Parteien ihre eigene „Medienlandschaft“ zusammenbasteln.
Hass ist die Mutter und zugleich das Kind des Krieges
Am Morgen des 7. Oktober 2023 überfiel die palästinensische Terrororganisation Hamas ein Musikfestival und mehrere Dörfer in Israel, 850 Zivilisten und 350 Soldaten und Polizisten wurden grausam ermordet, 250 Israelis wurden als Geiseln entführt. Im anschließenden Vergeltungskrieg wurden – je nach Quelle – zwischen 70.000 und 100.000 Menschen getötet, viele verwundet und der Gazastreifen systematisch zerstört. „Krieg ist wie Feuer“, sagt Zucconi. „Wenn er ausbricht, ist er schwer zu kontrollieren, weil er alle mitreißt, unabhängig von ihren Absichten.“
Auch wenn in der Region von „Frieden“ die Rede ist: Was bleibt, ist der Hass auf die anderen, die so viel Leid gebracht haben. Krieg sät Hass und Armut. Er ist die Brutstätte weiterer Kriege. Und der Krieg hat auch Folgen für Länder, die in Frieden leben, indem er Spaltungen, Angst und Wirtschaftskrisen schafft, die Kultur der Abschottung und der Feindbilder verstärkt und populistische und antidemokratische politische Bewegungen nährt.
Frieden schaffen mit Waffen …
Das Auf- und Wettrüsten als Mittel der Friedenspolitik steht wieder ganz oben auf der Agenda. Bis 2030 sollen in Europa 800 Milliarden Euro in die Rüstung fließen. Dafür bekommen die Mitgliedsstaaten laut dem ReArm Europe Plan der Europäischen Kommission größeren finanziellen Spielraum, was ihre Verschuldung betrifft. Das sei alternativlos angesichts der geopolitischen Bedrohung durch Russland – und angesichts eines unberechenbaren „Verbündeten“ in den USA.
„Doch die Welt wird durch ein neues Wettrüsten nicht friedlicher“, wirft Werner Wintersteiner, Gründer und ehemaliger Leiter des Zentrums für Friedensforschung und Friedensbildung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt ein. „Statt einer Rüstungsspirale brauchen wir eine politische Kehrtwende.“
Tatsache ist, dass die Menschen keinen Krieg wollen. Vor allem Frauen wollen keinen Krieg. Aber wie gelingt es, dass dieser tiefe Wunsch der Mehrheit nach Frieden zum Ausdruck kommt? „Die militärische Option geht von einer sehr kurzfristigen Perspektive aus“, betont Wintersteiner am Beispiel des Ukraine-Konflikts. „Widerstand mit immer mehr und effizienteren Waffen, um den eigentlich haushoch überlegenen Gegner zum Rückzug zu zwingen, flankiert von schwersten Wirtschaftssanktionen, die ein Land isolieren und seine Wirtschaft nahezu lahmlegen sollen, macht nach militärischer Logik durchaus Sinn, allerdings verschwendet diese Option keinen Gedanken daran, wie ein nachfolgender Friedensschluss aussehen könnte.“
"Man redet heute wenig von Frieden. Man redet viel mehr von Krieg und von Waffen“, bedauert auch Zucconi. „Wir dürfen uns nicht von der Logik des Krieges und des Sieges verführen lassen. Vor allem weil in einem Krieg alle Verlierer sind.“ Ein Krieg hat die Welt immer schlechter hinterlassen, als er sie vorgefunden hat. Wenn mit Gewalt auf Gewalt geantwortet wird, müssen große menschliche Verluste und immense Zerstörung in Kauf genommen werden. Und je härter der Krieg geführt wird, desto schwieriger sei es, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
… oder gewaltfrei
Wer Frieden und Dialog fordert, gilt als Verräter oder gefährlicher Naivling. Und dennoch ist Gewaltfreiheit deutlich erfolgreicher und nachhaltiger, um ein diktatorisches Regime zu überwinden. Das haben Maria Stephan und Erica Chenoweth, Autorinnen von „Why Civil Resistance Works“, in ihrer Studie über hundert Jahre „regime change“ nachgewiesen.
„Pazifistische Positionen haben es in einer Atmosphäre der emotionalen Anspannung jedoch sehr schwer, gehört und ernst genommen zu werden“, bedauert Wintersteiner. „Die gewaltfreie Option denkt über den unmittelbaren Konflikt hinaus, sie setzt auf Verhandlungen statt auf Fortsetzung des Krieges und damit auf die Grundidee jeder Friedenslösung: eine Lösung für alle beteiligten Seiten, um eine gemeinsame Sicherheits- und Friedensarchitektur zu finden.“
In diesem Sinne sollten bei bewaffneten Konflikten so früh wie möglich alle sich bietenden Möglichkeiten des Dialogs und der Diplomatie genutzt werden. Internationale Organisationen, wie die UNO, die OSZE und neutrale Staaten wie etwa Österreich, können vermitteln und Gesprächsräume schaffen, in denen in einer geschützten Atmosphäre Lösungen entwickelt werden, durch die beide Seiten ihr Gesicht wahren. Kleine, überprüfbare Schritte wie Waffenstillstandsabkommen oder Beobachtermissionen schaffen Glaubwürdigkeit. Sicherheitsgarantien müssen die schwächeren Konfliktparteien unterstützen.
Dabei gehe es zunächst einmal nicht um Gerechtigkeit. Zucconi: „Es gibt keinen gerechten Frieden. Frieden ist immer auch etwas Schmutziges, er ist nur durch einen Kompromiss erreichbar, der alle Seiten unzufrieden macht, aber zumindest das Blutvergießen beendet. Es ist die Aufgabe für uns Christen, die Mauer der Gleichgültigkeit zu durchbrechen. Mitgefühl lässt uns nach Lösungen suchen, kreativ sein, um vor allem Leben zu retten. Leben zu retten, sollte ein Gebot unserer europäischen Zivilisation sein.“
Frieden in einer Gesellschaft langfristig sicherstellen
Erst wenn die Waffen schweigen, kann an einer Versöhnung gearbeitet werden. Papst Johannes Paul II. erklärte im Oktober 1986, am Ende des Treffens der Weltreligionen in Assisi: „Der Friede ist eine Werkstatt, die allen offensteht, nicht nur Fachleuten, Gebildeten und Strategen. Der Friede ist eine universale Verantwortung. Er verwirklicht sich durch tausende kleiner Handlungen im täglichen Leben. Durch die Art ihres täglichen Zusammenlebens mit anderen entscheiden sich die Menschen für oder gegen den Frieden.“
Nach dem Genozid in Ruanda stand die neue Regierung vor der Herausforderung, ein Zusammenleben von Tätern und Überlebenden nach dieser unfassbaren Tragödie zu ermöglichen und wieder Vertrauen aufzubauen. Dabei setzte man auf die Idee einer gemeinsamen nationalen Identität, ethnische Bezeichnungen wurden aus offiziellen Dokumenten entfernt. NGOs und staatliche Programme boten Traumatherapien an. Gedenkstätten und jährliche Gedenkfeiern halten die Erinnerung wach, um Wiederholung zu verhindern. Schulen lehren über den Genozid und die Bedeutung von Einheit und Frieden. Es wurde massiv in Infrastruktur, Bildung und Technologie investiert, um die Lebensbedingungen zu verbessern.
Das alles erinnert sehr an die Bewältigung unseres Traumas nach dem 2. Weltkrieg. In einer Sache könnten wir uns allerdings noch etwas abschauen: Die Regierung Ruandas kriminalisierte ethnische Hasspropaganda und förderte Medien, die Versöhnung unterstützen.
Autor: Christian Brandstätter
Hintergrundinformation:
Sant´Egidio ist eine 1968 in Rom gegründete und heute in 70 Ländern verbreitete christliche Gemeinschaft mit 50.000 bis 60.000 Mitgliedern. Aus einem tiefen geistlichen Fundament heraus entwickelt die Gemeinschaft „Freundschaften mit den Armen“, bietet Unterstützung für Ältere, Obdachlose, Migranten, Menschen mit Behinderung, Gefangene, HIV/AIDS-Betroffene u. v. m., fördert Bildung, Gesundheitsprojekte, Friedensvermittlung und Menschenrechte – getragen von ökumenischem Dialog und weltweiter Verantwortung.
