
Wege aus der Dunkelheit - Hilfe bei Suizidgedanken
Schmerz, gleich ob körperlicher oder seelischer Natur, kann das Gehirn in einen dauerhaften Alarmzustand versetzen und die Wahrnehmung in einen dichten Nebel hüllen. Die Schönheit des Lebens bleibt im Schatten eines engen Tunnelblicks verborgen. Man fühlt sich entfremdet. Jener Teil des Gehirns, der für rationales Denken und das Finden konstruktiver Lösungen zuständig ist, wirkt wie abgeschaltet – das Gehirn operiert im „Auto-PilotModus“. In solchen Momenten mag es so erscheinen, als gäbe es keinen Ausweg. Doch das ist nicht richtig. Es gibt Hilfe! Niemand muss allein kämpfen!
Verborgene Kämpfe – wie Suizidgedanken entstehen
Eines vorweg: Menschen mit Suizidgedanken wollen meistens nicht wirklich sterben. „Häufig empfinden sie nicht das Leben an sich als untragbar, sondern die aktuellen Umstände“, erklärt Sandra Kalista, BA, Klinische Sozialarbeiterin im Klinikum Wels-Grieskirchen und Trainerin für Suizidprävention. Oft geht dem ein langer Leidensweg voraus: In vielen Fällen stehen suizidale Gedanken im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, die – und das ist bedeutsam zu wissen – gut behandel- oder sogar heilbar sind.
Bei älteren Erwachsenen steigt die Suizidrate enorm an. Isolation, Einsamkeit, gesundheitliche Probleme sowie zunehmende Pflegebedürftigkeit können zusätzlich belasten. Besondere Sorgenkinder sind ältere Männer: In der Altersgruppe ab 65 Jahren begehen fünfmal mehr Männer als Frauen Suizid. Doch warum sind gerade sie so gefährdet? Es gibt viele Ansätze zur Erklärung: Männer neigen dazu, weniger zu kommunizieren, und haben oft Schwierigkeiten, ihre Probleme offen anzusprechen. Auch der selbst auferlegte Druck, stark und unverwundbar zu erscheinen, lastet schwer auf ihnen. Ein weiterer Faktor ist Impulsivität – denn der entscheidende Anstoß, Suizidgedanken in die Tat umzusetzen, resultiert häufig aus einer Kränkung oder Demütigung. Das kann ein Streit, ein schmerzhafter Verlust oder die Erfahrung sein, öffentlich bloßgestellt und herabgewürdigt zu werden.
Einfühlende Begleitung in Krisenzeiten
Überlebende von Suizidversuchen berichten oft, dass ihnen jemand gefehlt hat, der einfach nur zuhört. Menschen in suizidalen Krisen suchen nach einer Person, die für sie da ist, die sie akzeptiert und ihren Schmerz erträgt – ohne Bagatellisierung. „Die Verzweiflung muss unbedingt ernst genommen werden und darf nicht durch persönliche Maßstäbe relativiert werden“, betont Kalista. Emotionale Empfindungen und Ressourcen sind äußerst unterschiedlich – jeder Mensch bringt individuelle Erfahrungen und Bewältigungsmechanismen mit. „In kritischen Momenten sind Ratschläge daher oft wenig förderlich“, so die Trainerin für Suizidprävention.
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass Menschen, die über Suizid sprechen, dies nicht tatsächlich beabsichtigen. „Äußerungen wie ‚Das Leben hat doch keinen Sinn mehr‘, ‚Ich will so nicht mehr weiterleben‘ oder ‚Es wäre besser, wenn ich nicht mehr da wäre‘ sollten mit Achtsamkeit gehört und unbedingt ernst genommen werden“, ermutigt Kalista dazu, dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen, wenn Anzeichen von Suizidabsichten wahrgenommen werden.
Es gibt nur einen entscheidenden Fehler, den man im Umgang mit suizidalen Menschen machen kann: wegzuschauen. Auch wenn es menschlich ist, in solchen Situationen unsicher zu sein und Angst vor den möglichen Emotionen und Reaktionen zu empfinden, sollten Außenstehende keine Scheu haben, Fragen zu stellen. „Je nach Einschätzung der Lage ist es wichtig, professionelle Hilfe hinzuzuziehen“, appelliert Kalista. Die Betroffenen sollten keinesfalls allein gelassen werden: „Fachleute können in der Situation unterstützen und gegebenenfalls eine stationäre Aufnahme veranlassen.“
Wo finden Betroffene Unterstützung in schweren Zeiten?
Themen wie Lebenskrisen und Suizidgedanken sind in unserer Gesellschaft häufig mit einem Tabu behaftet. Diese Stigmatisierung erzeugt eine Hemmschwelle, die es vielen Menschen erschwert, sich anderen zu öffnen. Doch ein Gespräch kann die schwere Last, die auf den Schultern drückt, ein Stück weit heben – es sorgt für Entlastung, ganz wörtlich. Manchmal kann es hilfreich sein, sich zu erinnern, welche Orte und Menschen in der Vergangenheit unterstützend waren. Überlegen Sie: Wo fühlen Sie sich wohl? Wen könnten Sie ansprechen? Die Telefonseelsorge bietet eine anonyme Möglichkeit, Unterstützung zu erhalten. Sätze wie „Ich fühle mich derzeit nicht besonders gut. Kann ich mit dir reden?“ sind gute Eisbrecher, um einen Dialog zu beginnen. Solche Aussprachen sind wertvoll und können helfen, Brücken zu bauen.
Darüber hinaus braucht es aber auch langfristige Interventionen. „Neben einer ärztlichen Abklärung und eventuell medikamentöser Therapie kann Psychotherapie oder psychosoziale Beratung eine wertvolle Hilfe sein“, sagt die Sozialarbeiterin. Kalista: „Generell ist es ratsam, ein Helfernetz zu schaffen, in dem vertrauensvolle Personen – wie Fachleute, Familie und Freunde – miteinander verbunden sind.“ Ein weiterer Aspekt ist die Entwicklung eines Sicherheitsplans, der in stürmischen Zeiten wie ein Anker fungiert – er hilft dabei, in scheinbar aussichtslosen Momenten einen klaren Kopf zu bewahren, und bietet Orientierung sowie Sicherheit, wenn alles andere nebulös erscheint.
Die wichtigste Botschaft zuletzt: Es gibt Menschen, die ähnliche Suizidgedanken hatten und den Weg zurück ins Leben gefunden haben. Ihre Geschichten verdeutlichen, dass Hoffnung und Hilfe immer möglich sind – Unterstützung zu suchen, ist der erste Schritt.
Soforthilfe im Akutfall
Österreichweite Telefon- und Internet-Kontakte Telefonseelsorge | Tel.: 142 Telefonberatung, täglich rund um die Uhr, Sofortchat täglich von 16:00 bis 23:00 Uhr, E-Mail-Beantwortung innerhalb von 48 Stunden www.telefonseelsorge.at
Männernotruf | Tel.: 0800 246 247 www.maennernotruf.at
Kriseninterventionszentrum | Tel.: 01 4069595 MO bis FR, 10:00 bis 16:00 Uhr, auch E-Mail-Beratung Beantwortung innerhalb von 24 bis maximal 48 Stunden www.kriseninterventionszentrum.at
Leitfaden für den Umgang mit suizidgefährdeten Menschen
• Ihr bloßes Dasein kann bereits Unterstützung bieten.
• Begegnen Sie der Person auf Augenhöhe – mit Respekt und
Einfühlungsvermögen.
• Stellen Sie Fragen, wenn Sie besorgt sind, und teilen Sie der Person Ihre
Bedenken mit.
• Führen Sie ein offenes Gespräch, in dem die Hintergründe der belastenden
Gefühle gemeinsam erkundet werden.
• Nehmen Sie Suizidabsichten stets ernst; verharmlosen Sie die Situation nicht.
• Vermeiden Sie Belehrungen oder Urteile; hören Sie aufmerksam zu und bieten
Sie Verständnis.
• Ermutigen Sie die betroffene Person, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen,
und bieten Sie ihr – wenn nötig – Ihre Unterstützung bei der Kontaktaufnahme an. • Achten Sie auf Ihre eigenen Grenzen und scheuen Sie sich nicht, auch für sich
selbst Hilfe zu suchen, wenn es nötig ist.
• Bei der Telefonseelsorge finden auch Sie Unterstützung sowie Informationen zu
Hilfsangeboten – insbesondere, wenn Sie unsicher sind, wie sie mit den
Suizidgedanken der nahesehenden Person umgehen sollen.
Autorin: Sylvia Neubauer
