GANZ NAH DRAN
Aber mit dem Tod Jesu am Kreuz ist die Geschichte nicht zu Ende, sondern sie geht weiter. In der Tiefe der Erde ereignet sich das Wunderbare. Gewalt und Tod werden verwandelt in ein neues Leben. Mit Kopf und Verstand ist das alles nicht zu begreifen, nur mit dem Herzen und der Erfahrung von Begegnung und Berührung.
Ich nähere mich dem Geheimnis von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu aus der Perspektive des „Jüngers, den Jesus liebte“, der ja heuer unsere biblischer Jahresbegleiter ist. Er ist ganz nahe dran am Geschehen. Wir hören von ihm nur im Johannesevangelium und dort an sehr entscheidenden Stellen oder Szenen. Der besseren Lesbarkeit wegen nenne ich ihn in der Folge nur den „Jünger“.
Szene 1: Jesus versammelt sich mit seinen Jüngern zum Abendmahl (Joh 13, 21-26)
Nur Jesus ahnt und weiß, dass es das letzte gemeinsame Mahl mit seinen Jüngern sein wird. Alle Worte Jesu klingen nach Abschied, die Jünger können es (noch nicht) verstehen und fassen. Unser Jünger hat einen besonderen Platz eingenommen (oder von Jesus zugewiesen bekommen?), nämlich ganz nahe bei Jesus, ganz an seiner Seite. Ja, er kann sogar seinen Kopf auf die Brust Jesu legen, er hört den Herzschlag Jesu, den Herzschlag seiner Worte und seiner Botschaft.
- Kann ich mich ausruhen am Herzen Jesu?
- Spüre ich den Pulsschlag des leidenschaftlichen Wirkens Jesu in der Welt?
Szene 2: Maria, die Mutter Jesu, und der Jünger stehen unter dem Kreuz (Joh 19, 25-30)
Wie schwer muss es gewesen sein, den Leidensweg Jesu mitzugehen bis zum Kreuz. Nur mehr zu zweit sind sie bei Jesus, er und Maria, die Mutter Jesu. Diejenigen, die mit Jesus ganz besonders verbunden sind, halten am längsten aus und stand. Auch in dieser menschlich absoluten Grenzerfahrung schöpft er Kraft aus der göttlichen Liebe und Umarmung. Der Jünger kann jetzt nichts mehr tun außer da sein. Ihm wird von Jesus eine besondere Aufgabe und Fürsorge anvertraut.
- Wie geht es mir mit den Gefühlen von Schmerz, Ohnmacht und Hilflosigkeit?
- Habe ich mich schon einmal gefragt, was oder wen Jesus mir anvertraut hat?
Szene 3: Der Jünger läuft am Ostermorgen mit Petrus zum Grab (Joh 20, 1-10)
Ganz durcheinander und aufgeregt kommen die Frauen zurück vom Grab Jesu und berichten vom Stein, der weggewälzt ist, und davon, dass der Leichnam Jesu nicht mehr da ist. Nichts mehr kann ihn jetzt halten und er läuft zum Grab, so schnell er kann. Hinter ihm Petrus, der nicht mithalten kann. Der Jünger macht einen Blick ins Grab, geht aber nicht hinein, sondern überlässt dem nachgekommenen Petrus den Vortritt. Erst dann geht auch er ins Grab hinein. Und er sieht und glaubt.
- Wo oder wann ist in meinem Leben ein Stein ins Rollen gekommen?
- Kann ich mich zurücknehmen, um dann besser verstehen und erkennen zu können?
Szene 4: Der auferstandene Jesus erscheint am See von Tiberias (Joh 21, 1-11)
Wir finden die Jünger wieder bei ihrer ursprünglichen Aufgabe. Sie sind am See und gehen ihrer Arbeit als Fischer nach. Der Fang des Tages scheint aber sehr gering gewesen zu sein. Da kommt ein Fremder und sagt, sie sollen noch einmal hinausfahren in den See und das Netz auswerfen. Auch wenn sie an der Sinnhaftigkeit zweifeln, tun sie es doch. Und da geschieht das Unglaubliche und Wunderbare. Das Netz ist übervoll. Und wieder ist es der Jünger, dem als ersten die Augen aufgehen. Im Zeichen der Fülle erkennt er den Auferstandenen. Aus der besonderen Nähe und Verbundenheit mit Jesus, sieht der Jünger das Wunder hinter den Geschehnissen. Er sieht nicht zuerst mit den Augen, sondern mit dem Herzen.
- Bin ich im Alltag aufmerksam dafür, wenn das Wunder der Auferstehung in mein Leben tritt?
- Wie lebe ich meine Nähe und Verbundenheit zu Jesus?
Ein Wunsch zum Schluss:
Ein Hintergrund, warum der „Jünger, den Jesus liebte“ nicht mit einem konkreten Namen benannt wird, ist vermutlich der, dass jede/r von uns gemeint sein könnte, dass wir uns also selber in diese Rolle, in diese Position hineinbegeben können – so ganz nahe an der Seite Jesu.
So wünsche ich zum Schluss für die kommende Karwoche und Osterzeit ein nahegehendes und berührendes Mitgehen des Weges Jesu und ein tiefes Empfinden der österlichen Botschaft von der Auferstehung!
Wolfgang Bögl, Theologischer Assistent der KMB OÖ
