"Sie waschen sich die Augen aus"
Liebe Gemeinde!
Im Piemont - so wird erzählt - gab es einen eigenartigen, alten Osterbrauch:
Beim ersten Glockenläuten am Ostermorgen laufen die Menschen zum Brunnen in der Mitte des Dorfes.
Dort waschen sie sich die Augen aus.
Und das kalte, frische Wasser - so sagt man - schwemmt heraus den Schmutz eines langen Jahres.
Sie waschen sich,
sie heben den Kopf
und schauen sich mit neuen, guten und reinen Augen an.
Ein Brauch, der mir sehr gut gefällt.
Ein Brauch, der dem Sinn des Osterfestes Festes gut entspricht.
Sie waschen sich die Augen aus – am Ostermorgen.
Im Gang der Zeit, im Staub des Alltags, werden unsere Augen allzu leicht trüb und unser Blick unscharf.
Wir sehen nicht mehr richtig,
wir sehen nur mehr uns selber,
wir sehen nur mehr die Arbeit, die Sorgen,
wir sehen nur mehr das Geld.
Wir werden blind für das Schöne und Erfreuliche, für die Blumen am Feld, für die Sterne am Himmel, für die Geschenke des Alltags.
Wir sehen nur mehr die Fehler des anderen, seine Schwächen, seine Bosheit und werden blind für seine Vorzüge, für seine Begabungen, für seine guten Seiten. Wir sehen nur mehr das Negative, das Ärgerliche, das Störende und haben keinen Blick mehr für die Not, die Sorgen und das Leid des anderen.
Wir sehen nur mehr schwarz und werden blind für die reichen Möglichkeiten, die vielfältigen Überraschungen, die das Leben für uns bereithält.
So kann es geschehen, dass wir zu „Blindgängern“ werden. Dass unser Blick stumpf wird, dass Finsternis sich in unseren Herzen breit macht und jegliche Lebensfreude vertreibt.
Und wir schleichen durchs Leben - mehr tot als lebendig.
Sie waschen sich die Augen aus, am Ostermorgen:
Das frische Wasser, so sagt man, schwemmt den Schmutz heraus:
sie waschen die kalten, gierigen Blicke fort,
sie reinigen die hinterlistigen, misstrauischen Augen,
sie waschen das Grau der Angst fort,
den Schleier der Tränen, der Verzweiflung.
Sie schauen sich mit neuen, guten Augen an,
sie sehen mit neuen Augen die Welt, sich selbst und die Mitmenschen.
Ostern, liebe Gemeinde, will nichts anderes, als uns die Augen „auswaschen“, uns helfen, mit neuen Augen zu sehen.
Ostern will uns die trüben Aussichten wegwischen,
den Sand fortschwemmen, den man uns in die Augen streut.
Ostern will uns neue Aussichten schenken, unglaubliche Aussichten. Aussichten, die wir gar nicht für möglich halten, weil sie über alle Grenzen, selbst über den Tod hinausgehen.
Sie waschen sich die Augen aus, sie heben den Kopf und schauen sich mit neuen, guten Augen an…
Liebe Gemeinde,
ich wünsche uns allen, an diesem Osterfest, dass uns die Augen aufgehen, dass wir neue Aussichten bekommen, einen neuen Blick für die Welt, für das Leben, für den Sinn unseres Lebens, für Gott.
Ich wünsche uns allen, dass wir einander mit neuen, offenen, guten Augen anschauen und neu sehen lernen.
Ich wünsche uns, dass wir den Kopf heben können, uns aufrichten können, - dass wir „auf-erstehen“ - immer wieder - und uns mutig und vertrauensvoll dem Leben zuwenden, das Gott für uns bereit hält.
In diesem Sinn:
Ein gesegnetes Fest der Auferstehung, heute und immer wieder. Amen.