"Wie oft muss ich vergeben?"
Liebe Pfarrgemeinde!
„Gott vergibt – Django nie!“ - So hat einmal ein Film geheißen – vor vielen Jahren (1967). Manche haben ihn vielleicht gesehen. Django, das war ein Westernheld, ein unbarmherziger, gnadenloser Rächer, einem dem der Colt ziemlich locker saß.
„Gott vergibt – Django nie“ – das war ein cooler Spruch, den wir als Jugendliche gerne mal verwendet haben.
Meist im Spaß, manchmal aber auch im Ernst, wenn es galt, einem anderen etwas heimzuzahlen.
„Herr, wie oft muss ich vergeben? – So fragt nicht Django – aber Petrus. - Nicht siebenmal, sondern 77-mal - so die Antwort Jesu - d.h. eigentlich immer.
Und dann erzählt er dieses Gleichnis, das wir gehört haben. Mit diesem Gleichnis bringt Jesus alles auf eine andere Ebene. Er löst die Frage heraus aus dem kleinkarierten Kalkulieren und Rechnen:
Schaut euch das an, sagt Jesus und überlegt:
Dieser eine - 10.000 Talente schuldet er seinem Herrn. (Ins heutige Geld umgerechnet eine unvorstellbare Summe, die weit in die Millionen geht.)
Unmöglich für diesen Mann, diese ungeheure Schuld abzutragen. Ganz aussichtslos.
Und dann: Der Herr hat Mitleid mit ihm, lässt ihn gehen und schenkt ihm die Schuld. Einfach so, ohne jede Bedingung.
Wir alle sind Menschen und als solche gebrechlich, fehlerhaft, schwach. Wir alle bleiben etwas schuldig.
Wir sind nie vollkommen. Wir sind manchmal wirklich böse, hartherzig und lieblos - und dürfen trotzdem sein.
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ – so lehrt Jesus uns beten.
Er möchte, dass wir glauben und vertrauen lernen:
die Macht, die hinter unserem Leben steht - die wir unseren „Vater“ nennen – meint es gut mit uns.
Gott - der die Liebe ist - will uns nicht vernichten, sondern aufrichten und uns neu ins Leben bringen.
Manchmal erfahren wir das auch, ganz deutlich - und das Herz geht uns über vor Dankbarkeit. Und wir fühlen uns berechtigt, gewollt und geliebt im Tiefsten unserer Seele.
Wer das für sich selbst erfahren hat, diese alles umfassende Vergebung, dem wird es nicht schwerfallen, auch dem Menschen nebenan Vergebung und Verzeihung zu schenken und ihm damit einen Raum zu eröffnen, in dem er leben kann - frei und ohne Angst.
Der kann auch einmal etwas „gut sein lassen“, ohne Angst sich selbst dabei zu verraten.
Darauf, so meine ich, möchte Jesus hinaus
„Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?“ - war die Frage. „Lass das Zählen,“ will Jesus sagen. „Du kannst dir erlauben immer wieder zu vergeben, wenn du nur ehrlich bist zu dir selbst und für dich selbst wahrnimmst:
Du darfst sein - so lass auch den anderen sein.
Wir alle sind angewiesen auf Vergebung, auf Erbarmen - nicht einmal, nicht 7-mal sondern immer wieder.
Es gibt eine kleine Geschichte, die für mich treffend ausdrückt, was gemeint ist:
Ein junger Mann steht kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Er hat seine Familie schwer enttäuscht. Jetzt quält ihn die Frage, ob er überhaupt nach Hause sollte, wie er wohl von seiner Familie aufgenommen würde.
Er schreibt einen Brief an seine Eltern:
„Vom Zug aus kann ich unser Haus sehen. Es ist in der Nähe. Wenn ich nach Hause kommen darf, dann gebt mir ein Zeichen. Hängt ein weißes Band in den Kirschbaum im Garten.“ - Sollte die Schleife nicht im Baum hängen, würde er weiterfahren und nie mehr sein Elternhaus betreten.
Dann war es so weit. Er wird freigelassen.
Er setzt sich in den Zug ans Fenster.
Je näher er seinem Heimatort kommt, desto unruhiger wird er. Ob sein Brief auch angekommen ist? Sollte er überhaupt aus dem Fenster schauen? –
Dann ist es so weit. Voller Spannung sucht er das Haus mit dem Baum davor. Was er dann sieht, treibt ihm die Tränen in die Augen. Nicht ein Band schmückt den Baum, er ist über und über mit weißen Bändern behängt, die fröhlich im Wind flattern und ihm zuwinken.“
„Wie oft muss ich vergeben?“ -
Denk einmal nach: Vielleicht wartet jemand auf ein Zeichen von dir – jemand aus deiner Familie, deiner Verwandtschaft, jemand in deiner Umgebung – auf ein Zeichen, dass du bereit bist zu vergeben…zur Versöhnung…
Oder umgekehrt:
Vielleicht hat Dir schon lange jemand ein Zeichen gesetzt – und du hast es noch nicht bemerkt. Vielleicht hat Dir jemand ein Bändchen ausgehängt, weil er sich nichts mehr wünscht, als sich mit dir zu versöhnen.
„Wie oft muss ich vergeben?“ Eigentlich immer wieder: dem anderen zu Liebe – und dir selbst zu Liebe.