Allerseelen
Liebe Mitchristen! Liebe Trauernde!
Vielleicht haben sie die beiden kerzenhaltenden Engel neben unserem Pfingstbild schon bemerkt? Es sind die einzigen zwei Engelfiguren, die in unserem Kirchenbesitz sind und ich dachte mir, gerade zu Allerheiligen und Allerseelen könnten wir sie doch in der Kirche aufhängen.
Es sind typische Barockengel mit goldenen Tüchern spärlich bekleidet, die als Kerzenhalter angefertigt wurden, als Lichtträger. Sie stammen aus unserer Mutterkirche, der Marienkirche und hatten ihren Platz vermutlich neben den Texttafeln des lateinischen Hochgebetes um das heilige Ritual zu verdeutlichen.
Geht man in den Tagen um Allerheiligen durch den Friedhof, fällt auf, dass fast auf jedem Grab eine Engelsfigur zu sehen ist. Sitzend, schlafend, lesend oder trauernd stehen oder liegen sie in allen Größen auf den Grabsteinen der lieben Verstorbenen.
Das war nicht immer so, hat sich aber in den letzten Jahrzehnten immer mehr durchgesetzt.
Haben sie auch einen Engel auf ihrem Familiengrab? Wie sieht er aus? Nach welchen Kriterien haben sie ihn ausgesucht? Welche Bedeutung hat er für sie? Ist er traurig oder hoffnungsvoll, meditativ oder freundlich, vielleicht sogar fast lustig?
Meist drücken die Engel eine Sehnsucht aus, die wir Menschen in Zusammenhang mit dem Leben, aber auch mit dem Tod und der Vergänglichkeit tief in uns tragen. Einer Sehnsucht nach Verbundenheit und Beziehung, auch über den Tod hinaus. Das Abschiednehmen fällt uns sehr schwer.
Halten wir in der Bibel Ausschau nach Engel, dann fällt auf, dass sie meist dafür sorgen, dass der Kontakt zwischen “drüben und herüben” zustande kommt, oder nicht verloren geht. Sie sind so etwas wie Hoffnungsträger, Lichtträger für die Lebenden, die sich nach Verbundenheit mit ihren Lieben sehnen aber auch Schutzengel für alles Lebendige. Sie sorgen für eine Beziehung über den Tod hinaus und vielleicht auch für etwas Trost in der Verzweiflung, dass unsere Verstorbenen in der Liebe Gottes aufgehoben sind und wir daher getröstet und in Frieden weiterleben dürfen. Biblische Engel bringen aber auch Botschaften von Gott zu den Lebenden und weisen den Weg, der oft ausweglos erscheint, gerade dann, wenn alles sinnlos ist.
Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, fallen mir viele liebe Menschen ein, die wir begraben haben, wir haben ihre Namen gehört. Männer und Frauen, die der Pfarre sehr eng verbunden waren, manche weniger und manche gar nicht.
Aber bei fast keinem Vorbereitungsgesprächen auf die Beerdigung habe ich auf meine Frage nach dem Glauben der/des Verstorbenen gehört, dass der Glaube an ein Leben danach keine Bedeutung gehabt hätte. Manchmal wurde mir gesagt, er oder sie hat zwar nicht viel über den Glauben gesprochen, ist auch nicht oft in die Kirche gegangen, aber der Glaube an einen guten und gerechten Gott war ihr oder ihm immer wichtig. Auch eine Kerze hat er/sie immer für die Verstorbenen angezündet, wenn wir in eine Kirche gegangen sind.
Oft habe ich auch gehört, der Tod war letztendlich eine Erlösung für sie oder ihn, wir lesen es auch manchmal in einer Todesanzeige. Damit soll gesagt werden, dass für den Verstorbenen eine längere Zeit des Leidens zu Ende gegangen ist. Nicht selten war der Tod auch für die Angehörigen, die hilflos dem oder der Leidenden zusehen mussten und in der Pflege übermenschliches geleistet haben, eine Erlösung. Sie können meist in tiefer Trauer doch wieder aufatmen, denn das Leben muss ja irgendwie weitergehen.
Es gibt aber auch den ganz schrecklichen und plötzlichen Tod, durch den ein Mensch mitten aus dem Leben gerissen wird durch Unfall oder Herzinfarkt und für die Angehörigen von einem Tag auf den anderen nichts mehr ist, wie es war. Auch für sie muss es irgendwie weitergehen, obwohl sie das Gefühl haben, alles steht still, die Welt dreht sich nicht mehr weiter.
Die Tage um Allerheiligen und Allerseelen, in denen wir unserer Verstorbenen gedenken, berühren uns.
Viele sind dankbar für die gemeinsame Zeit, es gibt aber auch die verzweifelte Verlassenheit und nicht zu wissen, wie es weitergehen kann, bei manchen gibt es hilflose Wut, die zurückbleibt, bei anderen das bedrückende Gefühl, dem Verstorbenen etwas schuldig geblieben zu sein, noch etwas Wichtiges nicht gesagt oder getan zu haben und wieder bei anderen gibt die Gleichgültigkeit.
Was uns aber alle verbindet, ist im Zusammenhang mit Sterben und Tod der Gedanke an unsere eigene Vergänglichkeit. Nicht nur an das Ende unseres Lebens auf dieser Erde, sondern an die vielen kleinen Tode, denen wir von Kindestagen an unvermeidlich begegnet sind, die vielen Abschiede, die wir nehmen mussten, und den Schmerz, den wir dabei erfahren haben. Aber auch die Erfahrung daran, wie es nach einer gewissen Zeit der Trauer und des Schmerzes wieder gut weitergegangen ist.
Allerheiligen und Allerseelen sind für uns Christen Feste, die uns eine Möglichkeit anbieten, mit diesen schweren Zeiten unseres Lebens zurecht zu kommen. Und auch bewusst einmal im Jahr über den Tod nachzudenken. Ein Thema, das weitgehend tabuisiert ist. Wenn ich die Hinterbliebenen im Trauergespräch frage, ob sie mit dem Verstorbenen auch über das Sterben und den Tod gesprochen haben, sagen mir die meisten, eigentlich nicht, das wollte er oder sie nicht und wir haben uns auch nicht getraut. Ich denke mir dann, schade eigentlich, denn der Tod gehört doch zum Leben und führt auch, nach christlicher Überzeugung, ins Leben. Das Leben wird uns nicht genommen, sondern gewandelt, das ist ein großer Unterschied.
Für uns Hinterbliebene/Trauernde bleibt die Frage, wie leben ich gut und in Frieden weiter, ohne Schuldgefühle, ohne Verzweiflung, ohne Wut und ohne Angst?
Die Engel können uns da behilflich sein!
Mein Kollege Franz Küllinger hat eine tröstliche Engelmeditation verfasst, die ich ihnen zum Abschluss vorlesen möchte:
Engel müssen keine Flügel haben.
Wenn sie nur da sind,
Dann, wenn wir sie brauchen, als Tröster, als Beistand.
Denn Engel künden vom Leben,
Über alles Sterben hinaus.
Engel flüstern:
Vertraue, auch dort ist Leben,
Wo du nur den Tod siehst.
Engel müssen keine Namen haben.
Wenn sie nur all die Namen kennen,
Die uns so wichtig waren.
Denn Engel kennen die Hand Gottes,
In die alle Namen eingetragen bleiben.
Engel halten fest:
Dort haben sie alle Bestand
Und bleiben beim Namen gerufen,
Die uns hier genommen sind.
Engel müssen keinen Heiligenschein haben.
Wenn sie nur heilen,
Den Trennungsschmerz,
Die Abschieds-Wunde.
Denn Engel brennen für die Liebe,
Die an kein Ende kommt.
Engel bestehen darauf:
Er, der gesagt hat
ICH BIN DA,
Er wird da sein.
Liebe Mitchristen, ich wünsche euch einen Engel des Lebens, des Trostes, der Liebe und der Verbundenheit.
Amen.