Sonntag der Weltmission
Liebe Mitchristen!
Ich behaupte, es gibt viele Menschen, die denken, eigentlich bin ich doch besser, gerechter und hilfsbereiter als andere. Ich habe mir da nichts vorzuwerfen!
Dieser Trugschluss wird heute von Jesus angesprochen und relativiert.
In heutigen Abschnitt aus dem Evangelium gibt es zwei Hauptdarsteller: einen Pharisäer und einen Zöllner. Diese beiden Männer werden genannt, aber in unserem heutigen Umfeld könnten es auch Frauen sein, die in ihrem Verhalten als diametral gegenüberstehend gezeichnet werden. Beide stehen im Tempel und beten. Der Pharisäer distanziert sich fast überheblich vom Zöllner und zählt seine Leistungen und Verdienste auf. Er hat sich gut überlegt und weiß, was er aus seiner Perspektive tun muss, um vor Gott gerecht zu sein. Er macht alles richtig und tut sogar mehr, als vorgeschrieben ist. In seinem religiösen Eifer bleibt er aber bei sich und seinem Tun stehen und ist ganz auf sich selbst bezogen.
Das Gespräch mit Gott, den Dialog, sucht er nicht. Man fragt sich: Was erwartet er in dieser Haltung von Gott, außer der Bestätigung seiner Gerechtigkeit?
Der Zöllner hingegen bleibt beim Gebet im Tempel hinten stehen. Seine Gesten und sein Gebet unterscheiden sich grundlegend von denen des Pharisäers. Er wagt es «nicht einmal seine Augen zum Himmel» zu erheben und schlägt sich an die Brust und spricht: «Sei mir Sünder gnädig.» Hier ruft ein Sünder, der sich der eigenen Schuldhaftigkeit bewusst ist, nach dem Erbarmen Gottes. Sich einzugestehen, dass man Fehler gemacht und gesündigt hat, braucht Mut. Der Zöllner sucht in seinem Gebet die Beziehung, die Verbindung zu Gott, er ist sich bewusst, dass er nur durch Gott gerecht wird. Er hält Gott sein Leben hin, so wie es ist, ohne daran etwas zu kaschieren, und erwartet sich von ihm alles.
Für ihn, der «ganz hinten» steht, ist Gott die bestimmende Kraft seines Lebens. Im Gebet bringen wir Menschen uns selbst vor Gott. Entscheidend ist die Offenheit gegenüber Gott, das Wissen, dass wir letztlich auf Gott angewiesen sind, nicht das Aufzählen der eigenen Leistungen und besonderen Vorzüge.
Der Sonntag der Weltmission, der auf der ganzen Welt gefeiert wird, rückt die weltweite Dimension der Kirche in den Vordergrund. Es ist der Auferstandene, der seine Jüngerinnen und Jünger beauftragt und sendet. Die Kirche hat eine Mission, jede und jeder ist eine Mission, aber nicht alleine und auf sich gestellt. Die Bezeugung des Evangeliums in Wort und Tat ist weder ein Einzelauftrag noch eine Einzelleistung, sondern Aufgabe und Auftrag für die ganze Gemeinschaft. Jede und jeder hat eine besondere Berufung, von der er oder sie ganz persönlich Zeugnis ablegen kann. In der Welt von heute ist dieser Auftrag nicht leicht zu leben.
Wer von etwas fasziniert ist, wer für etwas ganz Feuer und Flamme ist, der kann das nicht für sich behalten, denn das Mitteilungsbedürfnis ist so groß. Zeuge zu sein bedeutet deshalb, Rede und Antwort zu stehen von dem, was mich im Innersten erfüllt, mitzuteilen, was meine Hoffnung ist, wo mein Herz schlägt. Wenn wir die Zuneigung Gottes in unserem Leben erfahren haben, dann können wir von dieser Erfahrung der Zuwendung nicht schweigen, wir wollen sie weitergeben. Wie in der Liebe gibt es auch beim Glauben keinen Zwang. Menschen spüren instinktiv, wenn man versucht, sie zu überreden und ihnen Überzeugungen aufzudrängen – und ziehen sich dann zurück. Ich habe den Eindruck, dass ein christliches Bekenntnis in unserer jetzigen Gesellschaft viel mehr Mut braucht als je zuvor.
Menschen wie Pauline Jaricot, Gründerin von Missio, wurde am 22. Mai dieses Jahres seliggesprochen. Sie stammte aus einer reichen Familie in Lyon, widmete aber bereits als junge Frau ihr ganzes Leben der benachteiligten Bevölkerung ihrer Heimatstadt und den «Missionen». Wie die zwei Seiten einer Medaille gehören bei ihr solidarisches Handeln und Gebet zusammen. Bei der Gründung des «Werkes der Glaubensverbreitung», aus dem Missio entstanden ist, hatte sie die katholische Kirche als Gebets- und Solidargemeinschaft auf der ganzen Welt im Blick. Und mit der Gründung des «Lebendigen Rosenkranzes» wollte sie ihren Mitmenschen geistliche Nahrung geben und eine geistliche Gebets- und Lerngemeinschaft bilden. Bei all dem war ihr wichtig, dass alle nach ihren eigenen Möglichkeiten mitmachen können. Allen ist die Hilfe für die weltweite Mission anvertraut und alle können dafür einen Beitrag leisten: durch das tägliche Gebet und durch eine wöchentliche Spende – aus der die Kollekte vom Sonntag der Weltmission entstanden ist.
Wir können uns heute die Frage stellen: bin ich ein missionarischer Mensch in dem Sinne, dass ich nach meinen Glaubensüberzeugungen lebe und auch davon spreche, warum mir der Glaube wichtig ist? Und im Bezug auf das Evangelium: wird aus meinem Tun deutlich, dass es nicht um mich geht, sondern um die Zuwendung Gottes in unserer Welt?
Amen
Quelle: Gedanken zum Missionssonntag der Missio