Aktivität und Ruhe
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!
Wir sind in der Urlaubszeit angekommen. Viele erhoffen sich in dieser Zeit Entspannung und Erholung vom oft sehr hektischen Alltag. Auch die Zukunftssorgen spielen heuer wieder eine wichtige Rolle, inwieweit Entspannung gelingen kann. Wie wird sich der Gaspreis entwickeln und damit die gesamte wirtschaftliche Lage, können wir unseren Kredit weiter bedienen, können wir uns das Leben in Zukunft noch leisten, werden wir uns im Herbst wieder an die Masken gewöhnen müssen, angesichts der ständig steigenden Infektionen? Müssen wir unseren Wohlstand zurückschrauben und wird uns das gelingen ohne Tumulte? Dazu kommen die ganz persönlichen Sorgen um Familie, Gesundheit oder Arbeit. Viel Unsicherheit liegt in der Luft, weil niemand die Lage eindeutig beurteilen kann und wir auf wage Prognosen und Vermutungen der Experten angewiesen sind. Wird uns da die erhoffte und notwendige Entspannung im Urlaub gelingen, oder kommen wir nicht los von den quälenden Sorgen?
In Bezug auf das heutige Evangelium muss man fragen: macht es sich Jesus da nicht doch etwas zu einfach, wenn er die nur zuhörende Maria zu seinen Füßen lobt und sie praktisch als Vorbild gegenüber der sich sorgenden und geschäftigen Marta hinstellt? Ist die Kritik von Marta an Maria da nicht auch durchaus berechtigt?
Bei den Recherchen zum heutigen Evangelium bin ich auf einen Zugang gestoßen, der mir sehr gut gefallen hat und die Erzählung in das rechte Licht rückt. Es ist ein Traum von Marie Jeanne Poos, in dem sie Maria begegnet, der Schwester der geschäftigen Marta:
„Ich erinnere mich gut“, sagt Maria, „als sei es gestern gewesen. Oft habe ich mir gewünscht, Jesus möge einmal zu uns kommen und etwas länger bleiben. Mit Marta habe ich oft darüber gesprochen. Wir mögen ihn sehr, und auch Jesus scheint uns zu mögen und sich bei uns wohlzufühlen. Das merkt man, wie er mit uns spricht und wie er sich in unserem Haus bewegt. Meistens, wenn er zu uns kommt, sein so viele JüngerInnen dabei, dass wir kaum Gelegenheit haben, mehr als zwei Sätze miteinander zu reden. Dabei habe ich so viele Fragen an ihn: zum Beispiel das mit der Liebe Gottes zu uns Menschen, mit der Gerechtigkeit und der Vergebung der Sünden. Die Art, wie Jesus von Gott spricht ist einmalig. So war es auch damals, als er allein zu uns kam. Für mich war es die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches. Ich hatte das Gefühl von einem großen Durst in mir nach Gottes Nähe und Liebe, nach einem Wort von ihm, das mich wieder glauben und hoffen lassen sollte. Und als er dann bei uns war und von Gott und seinem Plan mit uns Menschen erzählte, da berührten mich seine Worte sehr. Es war, als würde er nur für mich alleine reden. Das, was er sagte, entsprach meiner tiefsten Sehnsucht, und ich spürte tiefen Frieden.
Ich vergaß alles um mich herum und war nur noch da und bewegt von seinen Worten. Bis plötzlich eine Unstimmigkeit den Raum erfüllte und ich Martas Stimme hörte, die Jesus bat, ich möge sie doch nicht alleine lassen mit dem Vorbereiten und Auftragen der Speisen. Es war seltsam, ich hörte und verstand was Marte meinte, aber ihre Worte berührten mich nicht. Ich war weder überrascht noch erschrocken. Ich kenne meine Schwester Marta sehr gut. Dass sie sich an Jesus wandte und um Hilfe bat, ist ein Zeichen dafür, dass es ihr gar nicht gut ging. Sie liebt ihre Arbeit im Haus sehr. Doch manchmal kann ich sie nicht verstehen. Sie klagt darüber, dass es ihr zu viel wird, wenn häufig viele Gäste bei uns ein und ausgehen. Oft schon habe ich ihr angeboten, sie soll doch immer wieder einmal einen Tag ausspannen, dann übernehme ich gerne ihre Arbeit. Aber sie lehnt es immer ab. Dabei ist sie ein herzensguter Mensch und will für alle das Beste.
Immer wenn wir einander erzählen, was wir Neues von Jesus gehört haben, von seinen Gleichnissen oder von seinen Predigten, dann leuchten ihre Augen. Darum weiß ich, wie kostbar ihr das alles ist.
Ich finde halt, an dem Tag, an dem er ohne seine Gefolgschaft bei uns war, da hätte sie sich wirklich mit mir zu ihm hinsetzen können, anstatt nur geschäftig zu sein. Ich habe es selber erlebt und weiß, Jesus zuhören, das bedeutet viel mehr als alles gute Essen der Welt zusammen.
Nichts in meinem Leben hat mich jemals so tief berührt. Und ich denke sehr oft an jenen Tag zurück, was er über Gottes Liebe und sein Reich der Gerechtigkeit erzählt hat. Seitdem wächst mein Gottvertrauen immer mehr und mein Leben ist viel fröhlicher geworden.“
Ich wünsche allen, die den Urlaub vor sich haben, und allen, die in ihrer Geschäftigkeit gefangen sind, Zeiten der Ruhe und Erholung, eine Zeit des Hinsetzens und Zuhörens, ohne schon wieder an die nächste Aktivität zu denken und auch Zeit für das Gebet in Kirchen oder in der Natur, Zeiten der Nähe Gottes. Amen.