Wahre Barmherzigkeit
C15, 10.07.2022, Lk 10,25-37
Liebe Pfarrgemeinde!
Die Erzählung vom barmherzigen Samariter ist sprichwörtlich geworden, im positiven aber auch im negativen Sinn.
Man hört in unseren Tagen eher selten: du bist ein echter barmherziger Samariter(in), und das als ernst gemeintes Kompliment für einen Menschen, der sich um andere annimmt, ihnen hilft und für sie da ist, so gut es ihm möglich ist. So, wie es die biblische Erzählung meint.
Viel öfter hört man das Zitat als Abgrenzung gegenüber Großzügigkeit: ich bin doch kein barmherziger Samariter. Mir hilft ja auch niemand, wird dann oft noch hinzugefügt.
Eigentlich schlimm, dass der barmherzige Samariter fast in Verruf gekommen ist, obwohl er von Jesus als positives Beispiel christlichen Umgangs miteinander vorgestellt wird und aufgrund dieser Erzählung unzählige Spitäler und Hilfseinrichtungen auf der ganzen Welt entstanden sind! (auch unser Krankenhaus in Wels, das sich dem Motto „Berufung leben“ verschrieben hat)
Diese Erzählung ist und bleibt dadurch für uns eine Provokation, weil ein Handeln damit verbunden ist, dass nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht, sondern ganz auf den Menschen schaut, der sich in Not befindet, der meine und deine Hilfe jetzt aktuell braucht. Egal welche Hautfarbe, Herkunft und Religion dieser hat. In Gesundheitseinrichtungen wird das schon lange gelebt. Die Coronapandemie hat es uns einmal mehr bewiesen und beweist es uns tagtäglich immer noch. Aber wie schaut es im privaten Umgang mit den Menschen aus?
Vielleicht legt Papst Franziskus deswegen so viel Wert auf den barmherzigen Umgang miteinander, weil wir Menschen uns wieder an unsere Eigenschaft als Geschöpfe Gottes erinnern sollen, die zur Barmherzigkeit fähig sind, mitten in einer oft unbarmherzigen Welt. Man braucht nur in die Kriegsgebiete der Welt oder auf die Arbeitsbedingungen in fernöstlichen Ländern schauen. Der Profit ist das Maß aller Dinge, wird man da feststellen!
Dagegen steht die christliche Tradition und kennt 7 Werke der Barmherzigkeit, die auf die Gerichtsrede Jesu in Mt 25 zurückgehen:
- Hungrige speisen
- Durstigen zu trinken geben
- Nackte bekleiden
- Fremde aufnehmen
- Kranke pflegen
- Gefangene besuchen
- Tote begraben
Die neuen 7 Werke der Barmherzigkeit
(Bischof von Erfurt, Joachim Wanke)
Diese klassischen Werke der Barmherzigkeit wurden von Bischof Joachim Wanke aus Erfurt vor einigen Jahren (zum 800. Geburtstag von Elisabeth von Thüringen) neu formuliert, vielleicht spricht Sie eines besonders an?
1. Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu
Was unsere Gesellschaft oft kalt und unbarmherzig macht, ist die Tatsache, dass in ihr Menschen an den Rand gedrückt werden: die Arbeitslosen, die Ungeborenen, die psychisch Kranken, die Ausländer usw. Das Signal, auf welche Weise auch immer ausgesendet: „Du bist kein Außenseiter!“ „Du gehörst zu uns, weil du ein liebenswerter Mensch bist!“ z.B. auch zu unserer Pfarrgemeinde, das ist ein sehr aktuelles Werk der Barmherzigkeit.
2. Ich höre dir zu
Eine oft gehörte und geäußerte Bitte lautet: Hab doch einmal etwas Zeit für mich!“; „Ich bin so allein!“; „Niemand hört mir zu!“ Die Hektik des modernen Lebens, die Ökonomisierung von Pflege- und Sozialleistungen zwingt zu möglichst schnellem und effektivem Handeln. Es fehlt oft gegen den Willen der Hilfeleistenden die Zeit, einem anderen einfach einmal zuzuhören. Zeit haben, zuhören können ein Werk der Barmherzigkeit, paradoxerweise gerade im Zeitalter technisch perfekter, hochmoderner Kommunikation so dringlich wie nie zuvor!
3. Ich rede gut über dich
Jeder hat das schon selbst erfahren: In einem Gespräch, einer Sitzung, einer Besprechung da gibt es Leute, die zunächst einmal das Gute und Positive am anderen, an einem Sachverhalt, an einer Herausforderung sehen. Natürlich: Man muss auch manchmal den Finger auf Wunden legen, Kritik üben und Widerstand anmelden. Was heute freilich oft fehlt, ist die Wertschätzung des anderen, ein grundsätzliches Wohlwollen für ihn und seine Anliegen und die Achtung seiner Person. Gut über den anderen reden, ob nicht auch Kirchenkritiker manchmal barmherziger sein können?
4. Ich gehe ein Stück mit dir
Vielen ist mit einem guten Rat allein nicht geholfen. Es bedarf in der komplizierten Welt von heute oft einer Anfangshilfe, gleichsam eines Mitgehens der ersten Schritte, bis der andere Mut und Kraft hat, allein weiterzugehen. Das Signal dieses Werkes der Barmherzigkeit lautet: „Du schaffst das! Komm, ich helfe dir beim Anfangen!“ Unsere Sozialarbeiter wissen, wovon die Rede ist. Aber es geht hier nicht nur um soziale Hilfestellung. Es geht um Menschen, bei denen vielleicht der Wunsch da ist, Gott zu suchen. Sie brauchen Menschen, die ihnen Rede und Antwort stehen und die ein Stück des möglichen Glaubensweges mit ihnen mitgehen.
5. Ich teile mit dir
Es wird auch in Zukunft keine vollkommene Gerechtigkeit auf Erden geben. Es braucht Hilfe für jene, die sich selbst nicht helfen können. Das Teilen von Geld und Gaben, von Möglichkeiten und Chancen wird in einer Welt noch so perfekter Fürsorge notwendig bleiben. Ebenso gewinnt die alte Spruchweisheit gerade angesichts wachsender gesellschaftlicher Anonymität neues Gewicht: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude!“
6. Ich besuche dich
Meine Erfahrung ist: Den anderen in seinem Zuhause aufsuchen ist besser, als darauf warten, dass er zu mir kommt. Der Besuch schafft Gemeinschaft. Er holt den anderen dort ab, wo er sich sicher und stark fühlt. Die Besuchskultur in unseren Pfarrgemeinden ist sehr kostbar. Lassen wir sie nicht abreißen! Gehen wir auch auf jene zu, die nicht zu uns gehören. Sie gehören zu Gotts Welt, das sollte uns genügen.
7. Ich bete für dich
Wer für andere betet, schaut auf sie mit anderen Augen. Er begegnet ihnen anders. Auch Nichtchristen sind dankbar, wenn für sie gebetet wird. Ein Ort in der Stadt, im Dorf, wo regelmäßig und stellvertretend alle Bewohner in das für bittende Gebet eingeschlossen werden, die Lebenden und die Toten das ist ein Segen. Sag es als Mutter, als Vater deinem Kind, deinem Enkelkind: Ich bete für dich! Tun wir es füreinander, gerade dort, wo es Spannungen gibt, wo Beziehungen brüchig werden, wo Worte nichts mehr ausrichten. Gottes Barmherzigkeit ist größer als unsere Ratlosigkeit und Trauer.
Liebe Mitchristen, denken sie an diese 7 neuen Werke der Barmherzigkeit, wenn vom barmherzigen Samariter die Rede ist, denn dieser kann uns sehr wohl und gerade heute wieder ein echtes Vorbild sein.
Amen.