Hat dich keiner verurteilt?
Liebe Pfarrgemeinde!
Die Geschichte von der Ehebrecherin hören wir in der Regel mit vielen Vorurteilen.
Wir sind geprägt von der kirchlichen Moral und Praxis, die Ehescheidung zu verbieten und eine zweite kirchliche Ehe zu verweigern. Dazu höre ich immer wieder, die rennen bei der kleinsten Kleinigkeit gleich auseinander. Keiner bemüht sich heutzutage noch.
Ich habe allerdings den Eindruck, dass Ehebruch nie leichtfertig passiert, weil hinter jedem Beziehungsbruch in den meisten Fällen eine große Not spürbar wird. Die Not des nicht mehr vertrauen Könnens, die Not des sich nicht ausdrücken Könnens, die Not der Empathie für die Situation des anderen, die Not des vergeblichen Bemühens, die Not des nicht akzeptieren Könnens, die Not des nicht verzeihen Könnens…
Wir wissen, die Betroffenen leiden nicht nur unter einer solchen schwierigen Situation, sondern fühlen sich auch schuldig, bleiben sich etwas schuldig und werden auch tatsächlich schuldig aneinander, und oft nicht nur einer von beiden.
Nun könnte man das ja als eine der Botschaften dieses Evangeliums verstehen: Die Schuld liegt nicht nur auf einer Seite.
Also kommt von Jesus nicht nur die Aufforderung an die Ehebrecherin "Sündige nicht mehr!", sondern die ebenso wichtige Botschaft an die scheinbar Guten: "Denk erst einmal über dich selber nach, bevor du den ersten Stein wirfst!" ich habe den Eindruck; das übersehen wir gerne, weil es so schön ist, andere zu verurteilen.
"Hat dich niemand verurteilt?" Das scheint mir nicht einfach eine rhetorische Frage Jesu, nicht nur ein gekonnter Seitenhieb auf eine scheinheilige Moral der Ankläger.
"Hat dich niemand verurteilt?" - Das grenzt an ein Wunder. Denn zu oft erleben wir, verurteilt bzw., zuvor schon, beurteilt zu werden.
Schon das kleine Kind muss und will den Vorstellungen der Eltern entsprechen und hat Angst vor Liebesentzug, wenn es trotzt.
In der Schule geht es weiter. Benotung, Bewertung, Beurteilung und Verurteilung liegen oft nahe beieinander. Angst, Fehler zu machen, Angst vor negativen Noten, die Sorge, dass es nicht reicht fürs Gymnasium, dass später die Nachprüfung oder die Matura schlecht ausgeht. Noch viele Erwachsene begleiten auch im späteren Leben die Träume, in denen sie in der Schule versagen.
Ähnlich im Beruf. Bewerbung, Konkurrenz um den beruflichen Aufstieg: Kann ich entsprechen? Oder bin ich bei denen, die abgebaut werden?
Man wird geprüft, beurteilt, an wirtschaftlichen Maßstäben gemessen.
Und dann das Privatleben, die Familie. Der Wunsch, hier endlich einen Raum zu finden, wo wir so sein können, wie wir sind.
Aber auch hier gibt es Überforderung, Enttäuschung, Unverständnis.
Auch hier urteilen wir, verurteilen wir einander oft.
Und wer in sich selbst hineinhorcht, hört da auch nicht nur objektive Wertmaßstäbe, sondern viele Beurteilungen und Verurteilungen.
Wie geht’s mir, wenn ich Fehler mache? Kann ich mir das zugestehen und wohlwollend sagen: "Ja ich habe einen Fehler gemacht, da fehlt mir noch was, da kann ich noch was lernen?"
Wie geht’s mir mit meiner Lebensgeschichte? Kann ich ja dazu sagen? Wie geht’s mir mit meiner persönlichen Ausstattung, meinen Stärken und Schwächen?
Bin ich mit mir wirklich zufrieden? Kann ich auf die Frage: Wie geht’s dir? Wirklich mit: Danke gut! Antworten? Oder ist es meist eine Floskel?
Wie geht’s mir mit meinem Äußeren? Mag ich mich so, wie ich aussehe?
"Hat dich niemand verurteilt?" fragt Jesus- Nein. – niemand. Du selber auch nicht? – Nein?.
Das ist tatsächlich verwunderlich, es ist ein Wunder.
Das ist die Haltung Gottes uns gegenüber. Du bist immer schon geliebt, ganz so, wie du bist. Und Jesus als der menschgewordene Gott, als die liebende Gegenwart Gottes der sagt: "Ich verurteile dich auch nicht." Wie sollte uns dann Gott verurteilen! Es sind unsere Zwänge, unsere Ängste, unser enges Gewissen, unsere Schuldgefühle und Minderwertigkeiten, die uns verurteilen, nicht Gott.
Gott spricht uns frei mit der Aufforderung, sündige nicht mehr!
Natürlich braucht es auch die Veränderung, einen Kurswechsel. Aber nur in der Atmosphäre der Liebe Gottes und der menschlichen Liebe gelingt uns das.
Was heißt also die frohe Botschaft des Evangeliums für uns?
Verurteile dich nicht, denn Gott verurteilt dich auch nicht. Vergib dir alles, und du wirst die Vergebung Gottes spüren. Hab keine Angst, Fehler zu machen. Du fällst niemals aus dieser Liebe heraus.
Aber was ist dann mit dem Satz "Sündige nicht mehr!", könnte man fragen. Gibt es garkeinen moralischen Appell aus dieser Schriftstelle?
Doch, es gibt einen:
Sei wie Gott für deinen Mitmenschen und sag ihm oder ihr: "Ich verurteile dich auch nicht."
Amen!