Der brennende Dornbusch und der Feigenbaum, der seine Zeit braucht
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Liebe Mitmenschen!
Die heutigen Lesungen haben diese guten Botschaften für uns, nach denen wir uns sehnen.
Der Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt, der nicht ausbrennt, nicht ins Burn-Out schlittert, denn die Quelle seiner Kraft ist Gott. Kann Gott auch unsere Quelle werden?
Der Feigenbaum, der nicht wie erwartet Früchte bringt, sondern auf sich warten lässt. Ist er so nicht dem Untergang geweiht? Oder bekommt er noch eine Chance?
Die heutigen Lesungen sprechen mit Bildern aus der Pflanzenwelt zu uns. Sie sind Bilder, die das tagtägliche Leben des Wachstums und Reifens, das der Liebe und Pflege bedarf, betreffen.
Gott, der aus dem Dornbusch spricht: Ich bin, der ich bin. Wie oft fragen wir uns: Gibt es dich wirklich, Gott? Genau dieser befragte, hinterfragte Gott fordert Mose auf, zu den Israeliten zu gehen und von Gott zu sprechen, von Gottes Fürsorge für das Volk Israel zu erzählen, und Gott mit dem Namen „Ich bin“ zu benennen. Als Versicherung dafür, dass es Gott gibt. Der oder die „Ich bin“, das ist Gott. Im Titel steckt Gottes Verwirklichung. Die Antwort auf die Frage: Gibt es dich wirklich, Gott? lautet also JA.
Doch wo bist du in den Wirren des Krieges, dessen Nähe für uns in den letzten Jahrzehnten im Frieden geborgenen Mitteleuropäern neu ist? Wo bist du da, Gott? In meiner ganzen Überzeugung, von Gott erschaffen, in Gott geborgen, von Gott geliebt und von Gott erwartet zu sein, lasst mich diese Frage stellen. Auch wenn sie wahrscheinlich so stehen bleiben muss, unbeantwortet.
Was im heutigen Evangelium klar wird: Gott ist nicht der Strafende. Die Galiläer, die Pilatus zum Opfer gefallen sind, waren keine größeren Sünder als alles anderen Galiläer. Auch die Menschen, die durch den Turmeinsturz am Schiloach umgekommen sind, auch diese waren keine größeren Sünder als alle anderen Einwohner Jerusalems. Gott straft nicht durch Unglück, Krieg, Mord. Jesus möchte uns davor bewahren, auch nur an eine solche Kausalität, an eine solche Verbindung zwischen Sünde und Unglück zu denken. „Vielmehr“ so sagt er „werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“
Wohin umkehren?
Im Feigenbaum-Gleichnis zeigt er uns die Richtung. Eine Umkehr besteht darin, sich von einem ganz bestimmten Denken zu entledigen. Wenn wir im Unglück die Strafe Gottes sehen und im Glück Gottes Belohnung, befinden wir uns am Irrweg. Wenn wir glauben, durch Leistung Gottes Liebe erwerben zu können, sind wir am Irrweg.
Denn Gott ist wie dieser Winzer, der sich gegenüber seinem Vorgesetzten für den Fortbestand des leistungsunwilligen, fruchtlosen Feigenbaumes einsetzt. Der Winzer kennt seine Pflanzen. Er hat Geduld mit ihnen. Er erkennt, wann seine Pflanzen besonderer Pflege und Aufmerksamkeit bedürfen – wie der Hirte, der seine ganze Kraft für die Suche nach dem verlorenen Schaf aufwendet.
Der Feigenbaum entspricht nicht den Erwartungen desjenigen, der ihn gepflanzt hat. Doch der, der ihn pflegt, misst die Daseinsberechtigung nicht an seiner Leistung, an der Frucht, die er bringt.
Wird hierin, in diesem Winzer, Gottes Liebe nicht in überdeutlicher Form erkennbar?
Jahwe, der „Ich bin, der ich bin“, ist der bedingungslos Liebende. Er sagt nicht: Ich liebe dich, weil du mir etwas bringst. SONDERN er sagt: Ich liebe dich, weil ich dich liebe und ich die Liebe bin. Denn ich gehe auf in der Liebe zu dir, wie die Flamme im Dornbusch, die ewig brennende, die nicht verzehrt, sondern den Menschen in die Beziehung, in den Bund mit Gott lockt.
Welche Feigenbaum-Erfahrungen haben wir in unserem Leben?
Durften wir auch schon einmal auf uns warten lassen, eine Leistungspause einlegen?
Wurde uns Zeit gegeben, Zeit für eine Entscheidung, Zeit für eine Entwicklung, Zeit, um zu heilen?
Und umgekehrt: Konnten wir schon wie dieser Winzer unseren Mitmenschen Zeit geben? Haben wir auch schon in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen die Erfahrung gemacht, dass vieles Zeit braucht, um weitergehen zu können?
Gibt es in unserem Leben nicht auch diese Erfahrungen, dass sich Menschen, die gerade nicht den Erwartungen entsprechen oder die aus der Norm fallen, durch unsere besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung zum Guten hin entwickeln?
Ich muss da einfach an unsere Kinder denken und wieder eine persönliche Erfahrung einbringen: In der Kindererziehung wird man schnell mit dem Begriff der „Phase“ vertraut. Babys haben Phasen, in denen sie viel weinen. Kleinkinder haben Phasen, in denen sie auf elterliche Anweisungen einzig das „Nein“ als Antwort zu kennen scheinen. Größere Kinder haben Phasen, in denen sie unzugänglich und widerborstig erscheinen. Meistens vergehen diese Phasen. Am wenigsten oder langsamsten vergehen sie aber dann, wenn Liebesentzug die Antwort auf die jeweilige Phase ist. Doch wie schnell gerät man als Elternteil in die Versuchung, das protestierende Kind zu bestrafen oder sich von ihm abzuwenden, ihm das liebende Dableiben für diesen Moment zu entziehen. Doch haben wir Eltern auch immer die Chance, nach einigen Minuten der Besinnung noch einmal zum Kind zu gehen, es in den Arm zu nehmen und ihm zu zeigen, dass es geliebt ist. So wird wohl am besten der Boden bereitet, aufgelockert, gedüngt für ein klärendes Gespräch.
Sobald wir von dem Negativen absehen und in der Zuwendung bleiben, verflüchtigt sich so oft das Negative. Aber nicht, weil wir dageblieben sind, DAMIT alles besser wird, sondern weil wir uns dem Anderen aus Liebe zu ihm zugewendet haben. Denn ist es nicht so: Dort, wo wir verzeihend lieben, uns um Verständnis gegenüber unseren Mitmenschen bemühen, dort sind wir Teil dieser Liebe, die nicht verzehrt, die nicht ausbrennt, sondern auf den Anderen übergeht.
Diese Liebe zerbricht dann nicht einmal an dieser drängenden Frage, die ich heute schon einmal gestellt habe: Gott, wo bist du denn in den Wirren des Krieges?
Vielleicht bist du dort, wo auch der mutige Winzer dich vermutet: in der Hoffnung auf ein Besser-Werden. Vielleicht möchte der Winzer unser Vorbild sein. Hoffen wir mit ihm, dass alles, um was wir uns bemühen, Früchte tragen wird. Hoffen wir mit ihm, dass alle Menschen, denen wir Liebe entgegenbringen, diese Liebe spüren und aus ihr genährt werden und sich willkommen fühlen auf dieser Welt. Hoffen wir mit ihm, dass sich der Friede wieder einstellen wird, wenn wir uns beherzt für diesen Frieden einsetzen.