Liebe deine Feinde
Liebe Pfarrgemeinde!
Obwohl wir uns ja im Fasching befinden, dass könnte man angesichts der derzeitigen Situation fast vergessen, ist das heutige Evangelium alles andere als lustig. Es mag hilfreich für ein gelungenes Leben sein, aber es ist nicht lustig und schon gar nicht einfach zu leben.
Mitten im Fasching und der Pandemie werden uns in der sogenannten „Feldrede“ des Evangelisten Lukas sehr schwierige Anweisungen Jesu vorgelegt. Die Feldrede ist das Gegenstück zur berühmteren „Bergpredigt“ bei Matthäus, obwohl beide dieselbe Quelle verwenden.
Am vergangenen Sonntag stellte Jesus mit den „Seligpreisungen“ und „Wehe-Rufen“ unser alltägliches Denken auf den Kopf, heute tut er es mit der fast unvorstellbaren Forderung zur Feindesliebe und der Barmherzigkeit um jeden Preis! Wie gehen wir damit um?
Zuerst aber möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die sie vielleicht schon kennen, die aber immer wieder sehr gut zu diesem Evangelium passt, weil sie so überraschend endet:
Ein König schickte seinen Feldherrn mit Soldaten aus und sagte: „Geh, und vernichte meine Feinde!“ sie zogen los. Eine lange Zeit verging, doch der König bekam keine Nachricht über den Ausgang der Schlacht. Da schickte er einen Boten hinterher, der sollte erkunden, was geschehen war. Als der Bote das feindliche Gebiet erreicht hatte, traf er auf ein Lager, aus dem schon von Weitem das fröhliche Treiben eines Festes zu hören war. Da saßen sie gemeinsam am Tisch und feierten: die Soldaten des Königs und die des Feindes. Der Bote ging zum Feldherrn seines Königs und stellte ihn zur Rede: „Du hast deinen Befehl nicht ausgeführt, die Feinde solltest du vernichten. Stattdessen sitzt ihr zusammen und feiert.“
Der Feldherr sah ihn mit lebendigen Augen an und sagte ruhig: „Den Befehl des Königs habe ich wohl ausgeführt. Ich habe die Feinde vernichtet – ich habe sie zu Freunden gemacht!“
Diese Geschichte weist uns darauf hin, wie normalerweise unser Denken funktioniert. Der Befehl muss ausgeführt, der Feind niedergemacht werden. Eine klare Anweisung mit klaren Konsequenzen, plausibel für uns alle.
Eine andere Denkweise fällt uns oft nicht ein, können wir uns gar nicht vorstellen.
Diese Erzählung beantwortet aber leider eine wichtige Frage nicht: wie werden Feine zu Freunden? Jesus ist ein Querdenker und offensichtlich auch ein Visionär. Er macht einige Vorschläge, die allerdings, wie man vielleicht meinen könnte, nicht als Faschingsscherz gemeint sind:
die andere Wange hinhalten, zusätzlich zum geraubten Mantel auch das Hemd hergeben, nicht richten, nicht verurteilen, einander die Schuld erlassen, denen Gutes tun, die dich hassen.
Aber sind das nicht fürchterliche und unmögliche Übertreibungen, fragen wir sofort zurück?
Würden nicht die Gauner und Diebe triumphieren? Stünden wir nicht am Ende schön dumm da mit unserer Gutmütigkeit und unserem Erbarmen?
Der Befehl, den wir im Hinterkopf hören lautet daher: Lass dir ja nichts gefallen, Unrecht verlangt nach Vergeltung. Drohgebärde folgt auf Drohgebärde.
Da fällt mir der Amerikanische und der russische Präsident ein, die diese Sprache in den letzten Tagen wieder perfekt beherrschen.
Wenn du nicht tust, was ich von dir will, mach ich dir alles kaputt und bestrafe dich. Es schaut für mich fast so aus, als gäbe es gar keinen Willen, für eine friedliche Lösung des Konflikts um die Ukraine.
Diese Dynamik der Mächtigen kennt Jesus zur Genüge durch die grausame Römische Besatzung in seinem Land. Da gibt es kein Mitleid und keinen Schuldenerlass, der Befehl des Kaisers ist Gesetz, weil er der Befehl eines Gottkaisers ist. Widerspruch ist tödlich.
Jesu Zugang zum Feind ist ein völlig anderer, auf keinen Fall das Schwert, sondern die Gewaltlosigkeit in all ihren Formen. Das versucht er seinen Jüngerinnen und Jüngern immer wieder zu erklären und zu vermitteln. Wer Gewalt mit Gewalt beantwortet, auch in verbaler Form, begibt sich in eine verfängliche Gewaltspirale, aus der es kein Entkommen mehr gibt.
Feindbilder entstehen durch Bilder, die mit der Wirklichkeit oft wenig zu tun haben, oder von einem Ereignis auf alle anderen projiziert werden. Denken sie nur an Worte wie, die arbeitslosen Sozialschmarotzer, der gefährliche Islam, die gewalttätigen Ausländer, die skrupellosen Banker, die faulen Lehrer und Beamten, die guten Amis und die bösen Russen, die verlogene Kirche, die gierigen Juden, die stehlenden Roma oder die unsolidarischen Impfgegner usw.
Mit solchen verallgemeinernden Formulierungen ist schon Gewalt grundgelegt, ohne dass wir es vielleicht beabsichtigen.
Sie werden vielleicht sagen, Jesus kritisiert doch auch Menschengruppen, wie zum Beispiel die Schriftgelehrten und Pharisäer. Ja, das ist natürlich richtig, nur mit dem einen Unterschied, dass er mit deren Umkehrbereitschaft und mit der Barmherzigkeit Gottes rechnet. Er gibt nie einen Menschen verloren, unter dem Motto, bei dem ist alles zu spät, sondern weist immer darauf hin, dass jeder und jede die Möglichkeit zur Änderung seines Verhaltens hat und bekommen muss
Diese Haltung ermöglicht Freiheit und hat in sich die Kraft zur Veränderung.
Ausgangspunkt für ihn ist immer der liebende und verzeihende Vater im Himmel, denken sie nur an das Gleichnis vom barmherzigen Vater und dem verlorenen Sohn. Die Haltung des Vaters ist der Schlüssel zur Umkehr des Sohnes.
Liebe Mitchristen, die Feindesliebe ist vielleicht die größte Herausforderung unseres Glaubens, weil sie von uns alles an Gutgläubigkeit abverlangt. Manchmal auch gegen alle Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit.
Aber wenn ich Jesus richtig verstehe, ist sie der einzige Weg für ein friedliches, menschliches und gottgefälliges Zusammenleben.
Amen.