Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt ....
Liebe Gottesdienstgemeinde! Liebe Mitmenschen!
Wir alle haben eine Herkunft und (die meisten von uns) eine Herkunftsfamilie. In irgendeiner Form wachsen wir alle eingebettet in ein soziales Umfeld auf. Die Menschen, in deren Beisein wir aufgewachsen sind, kennen uns von Anbeginn unseres Seins, sie haben unsere Entwicklung verfolgt, möglicherweise Vermutungen angestellt, was aus uns wohl einmal werden würde. So manche unserer Begabungen waren vielleicht schon früh ausgebildet, andere haben sich erst später entwickelt.
Stellen wir uns vor, es würde sich herausstellen, dass ein junger Mann aus unserer Großfamilie nach mehreren Reise- und Ausbildungsjahren wieder zurück in unser Dorf kommt. Er sagt von sich, von Gott zum Propheten berufen worden zu sein, er erzählt von Heilungsgeschichten im Rahmen seiner Tätigkeit.
Wie würden die Menschen, denen dieser junge Mann von klein auf bekannt sind, reagieren, wenn er – der er ihrem Schoß entsprungen ist – sie belehren würde? Was würden sie denken, wenn er behaupten würde, Gott habe ihn auserkoren für eine ganz besondere Beziehung mit ihm, Gott habe dazu dazu berufen, den anderen Menschen Gottes wahren Willen zu erläutern?
Wahrscheinlich gäbe es da in unserem Ort die Einen, die voller Stolz auf die offensichtlich gelungene Erziehung von ihm an seinen Lippen hängen würden, die ihn ihr Eigen nennen würden.
Auf der anderen Seite gäbe es auch diejenigen, die leise oder laut fragen würden, was er sich einbildet, sie zu belehren. “Was glaubt der/die eigentlich? Glaubt er/sie etwas Besseres zu sein als die Menschen, denen er/sie alles zu verdanken hat?”
Stolz und Besitzansprüche auf der einen Seite, Neid und Missgunst auf der anderen Seite würden ihm begegnen.
Genauso ergeht es Jesus, als er in Nazareth zu lehren beginnt. Bevor Unruhe aufkommt, nimmt er vorweg, mit was er schon gerechnet hat: “Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt”. Wir können weiterdenken: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt, denn stets gerät er dort in einen Rollenkonflikt zwischen gleichwertigem Dorfbewohner und Familienmitglied und dem prophetisch und heilend wirkenden Gottessohn.
Kennen wir nicht selbst die Kollision zwischen unseren unterschiedlichen Rollen? Da sind wir in unser Sein, in unsere Familie und in unser soziales Umfeld hineingeboren, dort – im Beruf – sind wir zu einem Wirken Begabte oder Berufene.
Jesus merkt schnell, dass sein Wirken in seinem Heimatdorf durch diesen Rollenkonflikt Begrenzung erfährt und schlussendlich sogar für ihn gefährlich wird. Die Emotionen der Bewohner seines Herkunftsortes Nazareth überschlagen sich – wie es so oft passiert besonders in Bezug auf uns nahstehende Menschen. Ob sie es ganz ernst gemeint haben mit ihrem Mordversuch, kann bezweifelt werden, wo doch Jesus erst von der Menschenmenge zum Abhang getrieben wird, um hinabgestoßen zu werden, und dann aber einfach durch die Menge hindurch spaziert und davon geht.
Was also möchte dieses Evangelium uns, die wir heute hier sitzen und stehen, sagen? Ich denke, es geht dabei um etwas ganz Alltägliches.
Es geht in unserem eigenen Leben um die klare Unterscheidung zwischen Orten des Seins und Orten des Wirkens.
Die Orte des Seins befinden sich in der vertrauten Umgebung, sind das Miteinander mit den Menschen, die man schon ein Leben lang kennt, die einem ins Herz geschrieben sind und deren Handlungs- und Reaktionsweise einem bekannt sind – man sieht das auch an Jesu Vorwegnahme: Gleich, nachdem ein Nazarener ihn als Josefs Sohn erkannt hat, sagt Jesus voraus, dass sie ihm das Sprichwort “Arzt, heile dich selbst” vorhalten würden. Jesus sieht sein Herkunftsdorf als Teil von ihm selbst. Und das zu heilen, ist auf Grund des Rollenkonflikts, in dem Jesus an diesem Ort steckt, nicht möglich, denn: Wie kann er denn Teil des Dorfes und zugleich Lehrender, Heiler und Prophet für sein Dorf sein?
Dazu möchte ich eine kurze Geschichte aus meinem Leben erzählen:
Meine Mutter ist Gynäkologin. Es war für uns Töchter eigentlich immer selbstverständlich, dass wir sie bei gynäkologischen Fragestellungen um Rat fragten. So auch in unseren Schwangerschaften. Vor der Geburt unserer vier Kinder hatte ich eine Fehlgeburt. Es war damals meine Mutter, die zuerst den Herzschlag des noch lebenden Kindes und einige Wochen später das schon tote Kind im Ultraschall gesehen hat. Vor kurzer Zeit erlitt auch meine Schwester bei ihrem zweiten Kind eine Fehlgeburt, diesmal in einem fortgeschritteneren Stadium der Schwangerschaft. Wieder musste unsere Mama die Botschaft überbringen.
Diese Nachricht zu überbringen ist an sich schon schwierig. Die eigene Tochter jedoch damit zu konfrontieren, somit emotional noch viel näher am Leiden dran zu sein, also selbst als Mutter und dann auch noch als Großmutter mitzuleiden, machte die Situation schwieriger. Sie hatte in diesem Moment also drei Rollen, die der Ärztin, die der Mama und die der Oma. Wir Töchter waren in dieser Zeit natürlich sehr mit uns selbst beschäftigt. Ich denke aber, dass auch meine Mama noch weitere Begleitung und Fürsorge auf Grund dieses Rollenkonflikts gebraucht hätte.
Auch in anderen Bereichen fällt diese Unterscheidung nicht immer leicht. Es gibt Berufe, in denen die Bereich des Seins und Wirkens ganz und gar nicht getrennt sind. So kann zum Beispiel ein Mann oder eine Frau, die auf den Beruf außerhalb des Zuhauses verzichtet, um daheim für die Kinder und den Haushalt zu sorgen, viel schwieriger zwischen diesen Rollen unterscheiden. Wo endet hier der Beruf, wo beginnt das Fallenlassen? Ähnlich muss es wohl Priestern gehen, die einer Pfarre vorstehen, in dieser auch wohnen und in dieser auch ihr beinahe gesamtes soziales Netz gesponnen haben. Wo endet da die priesterliche Berufung, wo darf der Priester einfach sein? Liegt vielleicht in dieser Vermischung auch eine gewisse Gefahr für den Priester und seine Lebensführung?
Diese Unterscheidung benötigen wir aber auch für unsere Angehörigen: Wie können wir ihnen einen Ort des Seins und des sich Fallenlassens bieten? Wie können wir ihnen ein Gegenüber sein, in denen sie alles Belastende aussprechen können?
Und eine Frage tut sich bei mir noch auf:
Wo durfte Jesus einfach sein? Sein Heimatdorf verjagte ihn schlussendlich. Wäre es für alle nicht heilsamer gewesen, Jesus als den mittlerweile gereiften Mann, der als von Gott Berufener öffentlich auftritt und, vom Heiligen Geist geführt, andere Menschen begeistert, willkommen zu heißen, in vertrauter Umgebung und in vertrauensvollem Zusammensein seinen Erfahrungen zu lauschen und schließlich gemeinsam zu essen, zu trinken, das Miteinander zu feiern? Hätte dann nicht auch der Mensch Jesus einen Ort des Rückzugs behalten?
Oder musste alles so kommen? Musste er gleich zu Beginn, im eigenen Zuhause, spüren, dass er mit seiner göttlichen Berufung auf Widerstand stößt, muss er gleich hier lernen und merken, dass ihm gerade dann Gott den Rücken stärkt, wenn seine Mitmenschen ihn verurteilen? An seinem Lebensende bleibt schließlich lediglich diese göttliche Stärkung übrig.
So möchte ich am Ende dieser Ansprache zwei Besinnungsfragen stellen:
Sind wir gewillt, es besser zu machen als die Nazarener und den uns nahestenden Menschen auch dann Rückendeckung zu geben, wenn sie einen Weg einschlagen, zu dem sie sich berufen fühlen, dieser Weg aber nicht unseren Erwartungen entspricht?
Und: Wenn wir gemäß unserem Gewissen und unserem Berufungsgefühl handeln, dabei aber auf Widerstand der uns am nächsten stehenden Menschen stoßen, vertrauen wir dann wie Jesus auf Gottes Rückendeckung und Stütze?