Betroffenheit bedeutet, dass es einen selbst betrifft
Liebe Mitmenschen!
Es macht mich betroffen, dass ihr gerade nicht hier sein könnt und wir uns nicht nach der Kirche über das heutige Evangelium austauschen können.
Ja, es macht mich betroffen. Betroffenheit. Betroffenheit bedeutet, dass es einen selbst betrifft, dass mich etwas trifft. Als Jesus in die Synagoge kommt und spricht, sind die Menschen betroffen - so steht es am Beginn des heutigen Evangeliums. Er spricht mit Vollmacht - so wie es schon im AT in der Lesung von heute angekündigt wurde: Gott werde ihm, dem Propheten, der als sein Sohn unter uns sein werde, seine Worte in den Mund legen.
Ich frage mich, was an Jesu Worten und Sprache Betroffenheit ausgelöst hat. Noch mehr frage ich mich, wie es wäre, wenn Jesus gerade jetzt leben würde und was uns Menschen an seiner Lehre in der heutigen Zeit betroffen machen würde. Damals war es wohl Jesu Art, Menschen anzusehen und Dinge auszusprechen, die die Schriftgelehrten in ihrem Rezitieren der Schriftworte nicht direkt in Worte fassten. Das ist wohl heute auch noch so: Wir fühlen uns angesprochen, wenn es wirklich um uns, unsere Gefühle, unsere Fragen und Sehnsüchte geht.
Und dann schreit da einer auf, der zufällig auch da ist in der Synagoge, als Besessener wird er in der Bibel tituliert. Dieser Besessene drückt seine Betroffenheit in seiner ganz eigenen Art aus: Er schreit. "Willst du uns ins Verderben stürzen?" "Was haben wir denn schon mit dir zu tun, Jesus?"
Möglicherweise drückt er damit etwas aus, was vielen Menschen, die auch da sind, ebenso durch den Kopf geistert. "Hat das jetzt wirklich was mit mir zu tun? Warum bewegt mich das denn so, was dieser Jesus sagt?" Der Besessene spürt in sich diese ganze verstörte und negative Energie, die neben der Bewunderung gegenüber Jesus auch da ist, und bringt sie schreiend zum Ausdruck. Möglicherweise ist das für alle anderen erleichternd, dass das jemand geschafft hat. Sie können nun zurückgelehnt beobachten, was Jesus damit macht.
Und was macht Jesus? Er sieht, dass hier im Besessenen ein vollwertiger Mensch vor ihm steht, sieht die Dämonen, die negativen Gedanken, die diesen Menschen bewegen und sich so sehr verfestigt haben, dass der Besessene nicht mehr selbst Herr über sich sein kann. Es ist sein furchtbares Leid, das Jesus da erkennt. Also heilt er ihn. Die ganze dämonische Kraft weicht unter lautem Geschrei aus dem Menschen, der dann befreit weiterleben kann.
Ich schätze, dass Viele von uns, wie auch ich, solche dämonischen Kräfte in sich durchaus kennen. Ich denke dabei an Momente, in denen ich mir selbst fremd wurde. "Da hat mich wohl der Teufel geritten" - Dieses Sprichwort kommt mir dabei sofort in den Sinn. Ich frage mich, was Jesus wohl getan hätte, wenn er mich in solchen Momenten mit meinen Dämonen gesehen hätte. Ich glaube, er hätte mich angesehen. Wirklich angesehen. Dann dieser Augen-blick, in dem sich Jesu und meine Blicke treffen. Mein Gedanke: Endlich jemand, der mich mit meinen Problemen ansieht und nicht einfach kopfschüttelnd an mir vorüber geht. Dann eine Berührung. Jesu greift mir nur auf die Schulter. Und dann weine ich los. Der ganze Druck fällt nach und nach ab. Die Verbitterung löst sich auf. Die Gesichtszüge lockern sich. Und dann kann ich Jesus auf einmal wirklich ansehen und seine Kraft erkennen. Ich kann all die Liebe erkennen, die er verbreitet und mit der er die Menschen um ihn herum zum Lieben inspiriert.
In den letzten Wochen und Monaten nehme ich wahr, dass sich in uns Menschen dämonische Kräfte oft konkretisieren. Zum Beispiel sehe ich die um sich greifende Kraft der Verschwörungstheorien, die sich gegen die Einhaltung der Corona-Maßnahmen stellen. In dieser Kraft ist etwas sehr Verbissenes, Verhärtetes zu sehen. Ich denke, dass wir alle schon einmal mit dem Gedanken gespielt haben, dass wir in dieser Gesundheitskrise Opfer einer großen Verschwörung, eines gezielten Angriffs auf die gesamte Menschheit, geworden sind. Wo wir so Vieles, was uns wertvoll ist, zu unterlassen gebeten werden: das Beisammensein mit von uns geliebten Menschen. Das gemeinsame Feiern. Das gemeinsame Mahl halten. Das gemeinsame Singen und Musizieren. Das gemeinsame Sporteln. Das gemeinsame Tanzen. So viel Sinnliches, Freudvolles ist uns in diesen Tagen genommen. Wie kann es anders sein, als dass wir kopflastig werden? Unsere Gedanken kreisen, beim Hören der Nachrichten, beim Lesen von Leserbriefen, Posts auf Facebook, Whatsapp etc. Was ist denn nun richtig und wichtig in diesen Tagen? Es gibt heute, in dieser Pandemie, unzweifelhaft Momente, in denen wir das alles nicht wahrhaben wollen und am liebsten einfach in unser altes Leben zurückkehren möchten. In dieser Verzweiflung über die Tatsache, dass Corona uns schon lange und noch länger beschäftigt, können verständlicher Weise dämonische Kräfte von uns Besitz ergreifen. Diese Kräfte bewirken dann, dass wir verbittert werden, resignativ und hoffnungslos. Oder auch, dass wir gegen alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu wettern beginnen und hinter ihnen nur mehr eine Verschwörung von unsichtbaren riesigen Mächten zu sehen imstande sind. Oder auch, dass wir in unseren eigenen Meinungen so verhärtet werden, dass keine andere Meinung mehr Platz hat, kein Gespräch mehr möglich ist.
Ja, jetzt bräuchten wir Jesus in unserer Mitte. Er würde uns ansehen. Seine Blicke und unsere Blicke würden sich treffen. Er würde unser Leid erkennen, es wirklich anschauen, es zu verstehen versuchen. Dann würde er uns auf die Schulter greifen. Möglicherweise würden wir schreien oder auch leise weinen, viele Tränen. Eine große Last würde nach und nach von uns abfallen, in diesem Gefühl, verstanden zu werden. Unsere Gesichtszüge würden sich lockern und unser Herz sich öffnen. Für die Liebe, die von Jesus ausgeht und für die Liebe, die in unserer Welt vorhanden ist.
Vor Kurzem sagte eine Freundin, die gerade eine sehr starke Depression durchlebt hat, nun aber wieder am Aufsteigenden ist: "Als ich dann die schönen Herbstblätter auf einmal wieder wahrgenommen habe, wusste ich, dass es bergauf gehen würde."
Ja, wenn wir diese Liebe Jesu, dieses Angesehen und Verstanden und Berührt Werden, das er uns zuteil werden lässt, wieder wahrnehmen können, ja, dann werden wir selbst zu Liebenden, zu Ansehenden und Verstehenden Menschen, die andere zu berühren vermögen - mit oder ohne physische Distanzwahrung. Denn Jesus ist HEUTE mitten unter uns und auch mitten in uns.
Amen.