Wage zu träumen!
Die Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise wurden wieder verlängert und verschärft.
Die Bereitschaft der Bevölkerung diese Maßnahmen auch mitzutragen nimmt ab. So mein Eindruck.
Ein Wort des Dichters Hölderlin heißt:
"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch"
Wenn ich die Stimmung in unserem Land beobachte, dann habe ich das Gefühl: dass die "Gefahr" wächst - vom "Rettenden" aber wenig zu sehen und zu spüren ist.
Es wird viel geschimpft über das Versagen der Verantwortlichen. Manche werden aggressiv.
Die Demonstrationen, die immer mehr und heftiger werden, machen mir ehrlich gesagt Angst.
Was mir fehlt ist Solidarität und die Zuversicht, die in dem Ausspruch von Frau Merkel zum Ausdruck kommt:
"Wir schaffen das!" - Ich glaube dran, "dass wir das schaffen". Es braucht aber jetzt einen starken Zusammenhalt. Es braucht auch positive Aussichten und auch gegenseitige Ermutigung.
Von Papst Franziskus ist - ganz aktuell - ein für mich sehr ermutigendes Buch erschienen:
"Wage zu träumen!" - heißt es.
"Mit Zuversicht aus der Krise" - ist der Untertitel.
Wobei der Papst mit "Krise" nicht nur die Covid-Krise meint. Er meint auch die Klimakrise, das Flüchtlingselend, die sozialen Probleme, die "Pandemie der Armut"...
und alle anderen Krisen, in denen unsere Gesellschaft steckt.
Papst Franziskus sagt:
...das ist das Wunderbare an der menschlichen Geschichte: es gibt immer einen Ausweg. -
...Aus der Krise können wir besser oder schlechter hervorgehen. Wir können rückwärtsgleiten oder wir können etwas Neues schaffen.
Immer wieder hört man: wann wird denn endlich wieder alles "normal"? Wann kehrt denn die alte Normalität zurück?
Franziskus stellt diese "alte" Normalität in Frage.
Er meint: Gott fordert uns auf, es zu wagen, etwas Neues zu erschaffen.
Wir können nicht einfach zu den falschen Sicherheiten der politischen und ökonomischen Systeme von vor der Krise zurückkehren.
Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das allen Zugang verschafft, zu den grundlegenden Bedürfnissen des Lebens: zu Land, zu Arbeit, zu Wohnraum.
Wir brauchen eine Politik, welche die Armen, Ausgeschlossenen und Schwachen integrieren
und mit ihnen einen Dialog führen kann. Einen Dialog, der den Menschen ein Mitspracherecht bei den ihr Leben bestimmenden Entscheidungen gibt.
Wir müssen verlangsamen, Bilanz ziehen und bessere Weisen des Zusammenlebens auf dieser Erde entwerfen.
Das ist eine Aufgabe für uns alle, zu der jeder von uns aufgefordert ist:
Wir müssen verkünden, dass Freundlichkeit, Glaube und die Arbeit für das Gemeinwohl große Lebensziele sind, die Mut und Kraft brauchen.
Wir müssen uns auf den Wert der "Geschwisterlichkeit" konzentrieren, um mit den vor uns liegenden Herausforderungen fertig zu werden.
Mich erfüllt es mit Hoffnung - sagt der Papst - dass wir mit einer besseren Zukunft aus dieser Krise
herauskommen. Aber wir müssen klar sehen, gut wählen und richtig handeln. - Lasst uns darüber sprechen, wie.
Wagen wir es zu träumen.
Vom Papst komme ich jetzt zum Evangelium:
Da haben wir gehört:
"Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an diese Botschaft."
Das Reich Gottes - das ist der "Traum" Jesu,
seine Vision: eine gerechte, friedliche Welt, liebevolle Welt, in der die Menschen frei und aufrecht leben können,
in Würde und mit gegenseitiger Achtung,
unter den Augen eines liebenden und barmherzigen Gottes.
"Kommt her, folgt mir nach! - sagt er zu den Fischern. Und sie lassen alles liegen und stehen und folgen ihm nach.
Es war auch eine "Krisenzeit", damals. Die römische Besatzungsmacht war die "Pandemie". Die Menschen haben gelitten unter den Umständen, in denen sie leben mussten. Unter den Ungerechtigkeiten, der Willkür, der Steuerlast, den Erniedrigungen, den Feindseligkeiten...
Sie wollten nicht, dass alles so bleibt, wie es ist, dass die Mächtigen es sich richten und die Kleinen draufzahlen.
Da war aber auch die religiöse Situation, die Dominanz der Pharisäer und Schriftgelehrten, mit ihrem sturen "Gesetzesglauben", mit all den Geboten und Verboten, die das Leben der Menschen einengten.
"Kommt, folgt mir nach! - Und sie kommen.
"Sie wagen es zu träumen".
Sie lassen sich ein auf Jesus. Sehen in ihm ihren "Meister". Sie gehen mit ihm. Sie lernen von ihm.
Sie verlassen ihre "alte" Normalität.
Sie "steigen aus", lösen sich von ihren "Netzen", von allem, was sie "gefangen" hält.
Jesus öffnet ihnen die Augen und die Herzen für eine "neue - aber durchaus mögliche - "Normalität".
Er schärft ihren Blick für die wahren Qualitäten des Lebens, für wirklich tragfähige Werte: wie Güte, Selbstlosigkeit, Mitmenschlichkeit, Vertrauen -
"Das Reich Gottes ist nahe!" - Sie machen Erfahrungen mit ihm, die sie daran glauben lassen.
Liebe Schwestern und Brüder!
"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!"
Sehen, wahrnehmen müssen wir "das Rettende", den Retter.
"Kommt, folgt mir nach!" -Diese Einladung gilt, auch für uns, immer wieder:
Ihm nachzugehen, uns auf Ihn einzulassen - auf das "Rettende" zu schauen.
Ich glaube daran, dass wir in seiner Nachfolge Erfahrungen machen dürfen, die uns "widerständig" machen für Krisen jeder Art.
Nochmals zum Papst:
"Mich erfüllt es mit Hoffnung, dass wir mit einer besseren Zukunft aus dieser Krise herauskommen."
"Wagen wir es - mit ihm - zu träumen!"
Und diese Träume "ins Leben" zu bringen.