Die Worte sind gesagt ...
Liebe Mitchristen!
Mit unseren ausgesprochenen Worten verhält es sich, wie mit einem Vogel, er fliegt davon, und niemand kann ihn zurückholen.
Mir passiert das manchmal, dass ich mir zu wenig überlege, was ich eigentlich sagen will, und schon ist es geschehen. Die Worte sind gesagt und stoßen auf Unverständnis, oder sind sogar manchmal beleidigend.
Dass es mir hinterher leidtut, kann die erzielte Wirkung nur minimal abmildern.
Aber auch die guten, aufbauenden und freundlichen Worten sind bedeutsam. Auch sie erzielen eine Wirkung und bleiben im Raum, oder sie erreichen sogar das Herz der anderen und hinterlassen dort ihre wohltuenden Spuren. Vorausgesetzt sie werden wirklich gehört und aufgenommen.
Ich halte den Umgang mit Worten, gerade in der so heiklen momentanen Situation in unserem Land, für extrem wichtig.
Sie kennen vielleicht die Erzählung über den Philosophen Sokrates aus dem 4. Jahrhundert vor Christus:
Zu ihm kam einmal ein Mann. Er sagte: "Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen." "Warte", meinte Sokrates. "Hast du das, was du mir erzählen willst, schon durch die drei Siebe geschüttet?" "Welche Siebe meinest du", antwortete der Mann. "Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Ist alles, was du mir über meinen Freund erzählen willst, auch wirklich wahr?", fragte der Philosoph. "Ich weiß es nicht", entgegnete der Mann, "ich habe es auch nur von anderen gehört."
"Aber du hast das, was du mir erzählen willst, doch ganz bestimmt durch das zweite Sieb geprüft, durch das Sieb der Güte. Willst du mir von guten Dingen berichten?" Der Mann wurde unsicher. "Nein, auch das nicht."
"Aber bestimmt", meinte Sokrates, "hast du doch das dritte Sieb benützt und geprüft, ob es nötig und nützlich ist, mir das von meinem Freund zu erzählen, was du mir unbedingt mitteilen willst." "Ob es nützlich ist, habe ich mich eigentlich auch nicht gefragt", musste der Besucher eingestehen.
"Wenn das, was du mir über meinen Freund sagen wolltest, weder gewiss wahr, noch gut, noch nutzbringend ist, behalte es lieber für dich", beschloss Sokrates das Gespräch, lächelte und ging seiner Wege.
Würden wir alle so sorgsam mit unseren Worten umgehen, nicht nur, wenn wir uns über andere austauschen, sondern auch in der Politik, Wirtschaft und Familie, gäbe es in unserer Welt mehr Vertrauen und Hoffnung.
Gerade was die Wahrheit und Güte betrifft, tun wir uns oft schwer. Wir sind zwar schnell in der Verurteilung anderer, wenn sie nicht die Wahrheit sagen, oder wenn sie hart sind in ihrem Urteil, aber bei uns selbst übersehen wir gerne die Unwahrheit und Härte in den Worten.
Es ist schon ein wenig paradox, dass wir zur Entwicklung unserer Persönlichkeit anerkennende, aufbauende und wertschätzende Worte brauchen und uns darüber freuen. Aber wir tun uns oft schwer, diese Worte anderen zu sagen.
Umso wichtiger ist es, dass uns ein gutes Wort von Anfang an zugesagt ist. Das möchte uns das heutige Evangelium erzählen.
Am Anfang war das Wort - es war Gottes Wort, wird uns da durch den Evangelisten Johannes berichtet.
Hinter diesem Wort steht Gott mit seiner Gnade, man könnte auch sagen, mit seiner Güte und Wahrheit.
Dieser Prolog des Johannes ist wie ein Schöpfungsbericht konzipiert und will uns im Grunde in der Sprache des Glaubens sagen:
du Mensch und du Welt hast deinen Ursprung beim liebenden Gott.
Aus seiner Güte und Liebe sind wir entstanden, auf sein Wort können wir uns verlassen, sein Licht leuchtet in jeder Finsternis.
Den Ausdruck der Zuwendung Gottes zu uns Menschen haben wir gerade gefeiert, die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Jesus, von dem wir sagen, er ist der leibhaftig Gute und Gerechte, die fleischgewordene Güte und Barmherzigkeit Gottes.
Anders gesagt, das fleischgewordene uns zugesagte Wort Gottes, das die Finsternis erhellt.
Und wir wissen, wie konsequent Jesus an die Güte, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes geglaubt hat, bis zu seinem letzten Atemzug am Kreuz.
Liebe Mitchristen, diesem Wort Gottes sind auch wir verpflichtet. Auch wir sollen Worte voll Güte, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in unsere Welt hineinsprechen, Worte voll Wahrheit und Gnade.
Ich wünsche uns allen, das uns das immer besser geligt.
Amen.